"Wir haben halt keine Sprunggelenke"

23. November 2013, 10:55
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Claudia Lösch hat die Paralympics 2014 im Visier. Die mediale Aufarbeitung ihres Sports macht ihr vor Saisonbeginn Sorgen

Standard: Sie wurden in diesem Jahr zum dritten Mal zu Österreichs Behindertensportlerin des Jahres gewählt. Moderator Rainer Pariasek gratulierte bei der Gala zur zweiten Auszeichnung. Ärgert Sie das?

Lösch: In dem Moment hat es mich doch gestört, also habe ich ihn korrigiert. Aber jetzt wissen wenigstens alle, dass ich schon dreimal Sportlerin des Jahres war. Diese Szene ist hängengeblieben.

Standard: Sie moderieren auf ORF Sport+ das Behindertensportmagazin "Ohne Grenzen". Könnte Ihnen so ein Fehler auch passieren?

Lösch: Ich versuche mich immer gewissenhaft vorzubereiten, aber solche Sachen können durchschlüpfen. Ich bin da durch meine Tätigkeit als Moderatorin etwas nachsichtiger geworden.

Standard: Das Magazin soll nach rund einem Jahr bereits wieder eingestellt werden. Kam das schnelle Ende überraschend?

Lösch: Ich habe nicht damit gerechnet. Der ORF gibt seine Vorreiterrolle wieder auf. Unsere Quoten waren nicht überragend, wurden zuletzt aber besser. Die Sendung hat Kreise gezogen, sie war einzigartig in Europa.

Standard: Sie haben in einem offenen Brief einen Appell an den ORF gerichtet. Hat er Wirkung gezeigt?

Lösch: Der mediale Aufschrei hat mich überrascht. Wir werden gehört. Allerdings scheint die Einstellung beschlossen zu sein.

Standard: Sie bezeichnen den ORF-Sparkurs als existenzbedrohend. Den Behindertensport gab es aber auch vor Ihrer Sendung.

Lösch: In den letzten zehn Jahren sind die Kosten in die Höhe geschossen, wir arbeiten jetzt viel professioneller. Wenn die mediale Aufmerksamkeit sinkt und damit Sponsoren abgeschreckt werden, ist fraglich, ob wir diesen Aufwand bewältigen können.

Standard: Gerade bei den Paralympics 2012 schien das Interesse anzusteigen. Ein Irrtum?

Lösch: Nein, man hat in London gesehen, welch breite Aufmerksamkeit der Behindertensport erzielen kann. Die Liveübertragung vom Weltrekord von Günther Matzinger über 800 Meter gilt in Sportkreisen als legendär. Schade, dass es die Möglichkeit auf ein solches Erlebnis nicht mehr geben soll.

Standard: Hat London 2012 ein neues Bewusstsein geschaffen?

Lösch: Ja, man hatte das gute Gefühl, mitten im österreichischen Sport angekommen zu sein. Und zwar nicht nur als mitleidheischende Randnotiz, sondern wirklich als ernst genommener Sport.

Standard: Sie haben bei der letztjährigen WM Gold in Super-G, Kombination und Riesenslalom gewonnen. Was wollen Sie in Sotschi nachlegen?

Lösch: Ich möchte in ähnliche Regionen vorstoßen. Ziel ist mindestens einmal Gold. Das ist schon sehr ambitioniert, aber realistisch. Wir haben auch viel am Setup für den Slalom getestet.

Standard: 2013 sind Ihnen beim Weltcupfinale in Sotschi trotz Schnitzer zwei Podestplätze gelungen. Ihr Eindruck von den Pisten?

Lösch: Es war unglaublich schwierig zu fahren, richtig gefährlich. Die Piste war eine Waschrumpel allererster Güte. Wir haben halt keine Sprunggelenke und keine Knie, um das zu schlucken. Wir dachten sogar daran, nicht anzutreten. Die Organisation hat für heuer aber Besserung gelobt.

Standard: Ist Sotschi behindertengerecht?

Lösch: Ich bin nur vom Flughafen ins Skigebiet gefahren, dort ist die notwendige Infrastruktur eingerichtet. Allerdings werden viele Maßnahmen nur temporär für die Paralympics gesetzt. Nachhaltig wird nicht geplant.

Standard: Werden die Paralympics in Russland nur als Pflichtaufgabe betrachtet?

Lösch: In Vancouver und London waren die Paralympics ein guter Teil der Veranstaltung und willkommen. Dieses Gefühl hat man in Sotschi nur sehr bedingt.

Standard: Trübt das die Vorfreude?

Lösch: Man weiß, dass die Stimmung nicht so toll sein wird wie in Vancouver. Wenn ich auf der Piste bin, bekomme ich die Zuschauer aber ohnehin nicht mit. Da geht es nur um den Wettkampf.

Standard: Spitzensportler sollen als Vorbild dienen, behinderte Spitzensportler zusätzlich als Inspiration. Nehmen Sie diese Rolle an?

Lösch: Ich will anderen nicht meinen Lebensstil aufdrücken. Ich kann aber zeigen, was trotz einer Behinderung mit etwas Arbeit möglich ist. Man muss die Chancen sehen, die man trotzdem noch hat. Wenn ich das vermitteln kann, freue ich mich, dann ist das ein gelungener Teil meiner Arbeit.

Standard: Welche Perspektive kann der Sport behinderten Menschen geben?

Lösch: Die Perspektive, ein aktives Leben zu führen. Man lernt seinen Körper durch den Sport auch neu und besser kennen. Deshalb ist Sport auch in der Rehabilitation so wichtig. Wenn man mit dem Rollstuhl beim Basketball herumspringt, kommt man im Alltag auch leichter über eine Bordsteinkante.

Standard: Wären Sie ohne Behinderung im Spitzensport gelandet?

Lösch: Kaum im Skisport. Aber ich mag den Wettkampf, vielleicht wäre es ein anderer Sport geworden. Es ist ein großes Was-Wäre-Wenn, müßig zu spekulieren.

Standard: Sie stehen mitten im Leben und sehen trotzdem noch Barrieren und Ressentiments. Was ärgert Sie am meisten?

Lösch: Dass es in Innsbruck kaum Lokale mit Behindertentoilette gibt. Und dass die Generation 50+ manchmal nicht zwischen körperlicher und geistiger Behinderung unterscheiden kann. Meine Begleitung wird dann angesprochen: 'Na so arm, was kann sie denn?' Als ob ich nicht da wäre.

Standard: Aber Sie nehmen das offenbar mit Humor.

Lösch: Manchmal sage ich: 'Sie können gerne auch mit mir sprechen'. Dann fällt der Groschen. Ich möchte dem anderen dieses peinlich berührte Gefühl nehmen. Dazu muss ich aber selber locker bleiben. Das ist meine Aufgabe in so einer Situation. (Philip Bauer, DER STANDARD, 23./24.11.2013) 

Claudia Lösch (25) aus Niederösterreich lebt in Innsbruck, studiert Politikwissenschaften und Jus. Sie ist dreifache Weltmeisterin und zweifache Paralympics-Siegerin. Seit einem Autounfall 1994 ist sie querschnittgelähmt.

  • Claudia Lösch fährt einen Monoski sitzend. Bei den Paralympics in Sotschi soll die Medaillensammlung erweitert werden.
    foto: austria ski team behindertensport/michael knaus

    Claudia Lösch fährt einen Monoski sitzend. Bei den Paralympics in Sotschi soll die Medaillensammlung erweitert werden.

  • Zu Österreichs Behindertensportlerin des Jahres wurde sie heuer zum dritten Mal gewählt.
    foto: apa/pfarrhofer

    Zu Österreichs Behindertensportlerin des Jahres wurde sie heuer zum dritten Mal gewählt.

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