"Der Letzte der Ungerechten": Wie man als Marionette selbst die Fäden zieht

22. November 2013, 17:28
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Benjamin Murmelstein, "Judenältester" von Theresienstadt, wurde lange als Verräter angesehen. In Claude Lanzmanns faszinierendem Film "Der Letzte der Ungerechten" begegnet man ihm neu

Wien - Das Lager Theresienstadt in einem NS-Propagandafilm aus dem Jahr 1944: Ein Modell-Ghetto für Juden, von denen nicht wenige betagt sind. Der Film versucht den Eindruck zu vermitteln, dass sich ein jeder hier wohl zu fühlen scheint. Die Männer spielen Schach im Freien, die Frauen unterhalten sich vergnügt, es gibt geregelte Arbeitszeiten, Butterbrote für die Kinder und als Höhepunkt ein Fußballspiel vor prall gefüllten Rängen, das mit Leidenschaft ausgetragen wird.

Der Film ist infam, und auf den ersten Blick muss es verwundern, dass ihn Claude Lanzmann in Der Letzte der Ungerechten eingliedert - er hat für Shoah, seinen zentralen Dokumentarfilm über den Völkermord an den Juden, Archivmaterial kategorisch abgelehnt. Doch mit diesem Film verhält es sich anders. Die Propaganda des Dritten Reichs hilft hier, auch jenes Täuschungsmanöver auszuformulieren, das mit Lanzmanns zentralem Protagonisten Benjamin Murmelstein eng verbunden bleibt. Er war der letzte und einzige überlebende "Judenälteste" von Theresienstadt und hat das Lager in dieser Funktion bis zur Befreiung mitverwaltet.

"Eine Stadt als ob", in der alles, selbst der Kaffee in der Früh, eine Lüge war: Als ein solches Potemkin'sches Dorf bezeichnet Murmelstein das Lager in Der Letzte der Ungerechten an einer Stelle selbst. Lanzmann hat den Wiener Rabbiner bereits 1975 in Rom aufgespürt und eine Woche lang mit ihm Gespräche geführt. Er hat sich dann jedoch dagegen entschieden, Murmelsteins Ausführungen in Shoah einzubeziehen - es hätte, meinte Lanzmann, nicht zum "tragischen Tonfall" des Films gepasst. Man hat jüdischen Funktionären wie Murmelstein vorgeworfen, sich schuldig gemacht zu haben, Verräter, Kollaborateure zu sein. Hannah Arendt und Gershom Scholem meinten, er hätte den Tod verdient.

Mit weit über 80 Jahren hat sich Lanzmann entschieden, das Interview zu einem Film zu erweitern. Mit Murmelstein begegnet man darin einem faszinierenden Menschen, der auch gut zu William T. Vollmanns Roman Europe Central gepasst hätte, weil er an einer Schnittstelle von Macht und Ohnmacht agierte, an der man mit gängigen moralischen Begriffen nicht mehr zu fassen ist. Murmelsteins Position ist singulär.

Verurteilen, nicht urteilen

Das rhetorisch ungemein wendige Gegenüber Lanzmanns war sich über die Tragweite seiner Rollen jederzeit im Klaren. Dass er weiß, was ein Urteil mit sich bringt - das zeigt sich schon an der schnippischen Art, in der er sich weigert, eine banale Einschätzung seines Lebens in Rom abzugeben. Fast am Ende des Films sagt er über seine Funktion etwas, das wie eine Quintessenz seiner Laufbahn klingt: einen "Judenältesten" könne man verurteilen, ja man müsse dies sogar tun, aber über ihn urteilen, das könne man nicht.

Es ist fürwahr ein unmögliches Terrain mit denkbar engem Spielraum, auf dem er agiert hat - ein Handlanger und Retter in einer Person, "eine Marionette", so Murmelstein, "die selbst die Fäden in der Hand hält." Schon in Wien arbeitet er als Leitungsmitglied der Jüdischen Kultusgemeinde eng mit Adolf Eichmann zusammen. Ging es den Nazis darum, die Emigration der Juden voranzutreiben und sich daran zu bereichern, so war es für Murmelstein eine Rettungsaktion, die Geschick und Schlagfertigkeit erforderte. Dass er seine Position durchaus mit "Abenteuerlust" erfüllte, verschweigt er nicht: Murmelstein sagt, er sei aus dem möglichen Exil öfters zurückgekehrt, "weil er noch etwas zu erledigen hatte".

Lanzmann hakt an wichtigen Stellen nach, und er fragt Murmelstein nach seinem "goût de pouvoir", ob er an der Macht Gefallen gefunden habe. Abgesehen von solchen persönlichen Dispositionen wird aber auch deutlich, dass man mit dem "Bann", der jahrzehntelang über Murmelstein lag - er durfte beim Eichmann-Prozess nicht aussagen -, auch auf wichtiges Insiderwissen verzichtet hat: Eichmann war in seinen Augen "ein Dämon", er bringt dafür Beispiele - ein konträrer Blick zu jenem von Hannah Arendt.

Allerdings bleibt ein Unbehagen zurück, das auch bei Lanzmann zutage tritt, wenn er bei Murmelstein in den Erzählungen über Theresienstadt ein Bewusstsein für das Unglück vermisst. Dessen Antwort darauf ist ein Vergleich, der seinen nüchternen Pragmatismus perfekt zum Ausdruck bringt: Ein Chirurg dürfe während der Operation keine Träne über Patienten vergießen.

Lanzmann sah dennoch die Notwendigkeit, dem Interview von 1975 für Der Letzte der Ungerechten neu gedrehte Aufnahmen hinzufügen. Bilder, die den unbeirrbaren Filmemacher an den Schauplätzen des einstmaligen Terrors zeigen - in Wien, Prag, Nisko und Theresienstadt, wo er mit fester Stimme auch den Opfern einen Raum eröffnet. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 23./24.11.2013)

Jetzt im Kino

  • Geschichtsrückschau in Rom: Claude Lanzmann (li.) mit Benjamin Murmelstein.
    foto: filmladen

    Geschichtsrückschau in Rom: Claude Lanzmann (li.) mit Benjamin Murmelstein.

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