Taifun auf Philippinen: Das neue Leben in einer Mondlandschaft

Reportage23. November 2013, 12:00
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Sally Balbastro besitzt nach Taifun Haiyan nur noch das Gewand, das sie am Körper trägt. Dennoch hatte sie Glück: Ihre Familie hat überlebt. Nun kehrt sie in ihre zerstörte Heimat im Osten der Philippinen zurück

Die vierjährige Christine Antonia und ihr Bruder Christian (5) haben seit dem Taifun eine Odyssee hinter sich gebracht. "Wir waren in Tacloban, als Yolanda kam, wir sind aufs Dach gerannt, und dann lagen überall Leichen in den Straßen", sagt Mutter Sally Balbastro.

"Christine Antonia kann das bestätigen, überall waren Leichen", wiederholt die 43-Jährige. "Das war kein Taifun, das war ein Tsunami." Sie zeigt auf das Mädchen, das mit einem Tütchen gekochtem Reis müde neben ihr hockt.

Ihre Familie kommt eigentlich aus Guiuan, drei Kinder leben im Stadtteil Hollywood, doch dahin gibt es seit Yolanda, wie der Taifun Haiyan auf den Philippinen genannt wird, keine Telefonverbindung. Am nächsten Morgen ist Sally also mit den Kindern zu Fuß losgezogen.

Nach Tagen Kontakt zu Mann

Zwei Tage waren sie "über die Berge" unterwegs, sagt sie und streicht sich ein paar Strähnen aus dem Gesicht. "Ich hätte alles akzeptiert, ich habe mich auf alles vorbereitet, aber ich musste wissen, wie es ihnen geht."

Sie hat ihre Angehörigen gefunden, "ich habe so geheult", sagt sie und schluckt. Alle leben. Sie atmet tief durch. Aber das ganze Haus war kaputt. Alle ihre Sachen seien weg. "Ich habe nur noch das hier anzuziehen", sagt sie und zieht an ihrem Oberteil, rote Kratzspuren an ihren Armen und der Stirn zeugen von den Strapazen unterwegs.

Bei den Nachbarn sah es nicht besser aus, sie konnten ihnen auch nicht helfen. Aber Sallys ältester Sohn arbeitet als Seemann bei einer Firma, deren Boote zwischen Cebu und Manila unterwegs sind. Sie schlug sich nach Cebu durch. Erst dort gab es das erste Mal eine Telefonverbindung. Nach langen Tagen konnte sie endlich Kontakt zu ihrem Mann aufnehmen, der als Schiffsingenieur in Manila arbeitet. "Er hatte die Bilder aus Tacloban gesehen. Er dachte, wir wären tot." Sie stockt, fährt fort: "Als ich ihn erreicht habe, konnte ich gar nichts sagen." Sie fügt hinzu: "Das ist unser neues Leben."

Chef spendete

Der Chef des Sohnes erlaubte, dass Sally kostenlos nach Manila mitfahren durfte. "Wir hatten jetzt gar kein Geld mehr, aber sogar der Chef hat für uns gespendet, und die Kollegen haben gesammelt", sagt sie und zeigt auf Taschen und Kartons. Nach mehr als einer Woche ist sie erschöpft mit den beiden Kindern und Schwiegertochter Arianne wieder in Cebu. Sie will zurück nach Guiuan, die anderen warten auf sie. Ihr Gepäck haben sie bereits zum Wiegen bei den Soldaten abgegeben. Eine halbe Stunde später quetschen sie sich mit gut 100 anderen in eine C-130 der philippinischen Airforce, die Saunatemperatur lässt den salzigen Schweiß brennend in ihre Augen tropfen. Egal.

Alle vier haben sich auf den Reissäcken niedergelassen, die die Maschine nach Guiuan für die Opfer des Taifuns bringen soll. Viele andere fliegen im Stehen, Soldaten stemmen sich in schweißnassen Uniformen gegen rutschende Ladung, checken aber ungerührt weiter Mails auf den Smartphones.

Blick auf tote Palmen

Nach gut 40 Minuten landen sie auf dem kleinen Flugfeld in Guiuan auf der Insel Samar, eine im Krieg von den Amerikanern gebaute Landebahn, die für Hilfsflüge genutzt wird. Die Heckklappe senkt sich und gibt den Blick auf eine Mondlandschaft mit zahllosen toten Palmen frei.

Sally blickt gar nicht hin, sie schickt Christine Antonia und Christian vor an den Rand der Landebahn, sie und Arianne schaffen die Habseligkeiten hinterher. Fünf Minuten später haben sie jemand gefunden, der sie mitnimmt. Normalen Transport gibt es in Guiuan derzeit nicht, die Tankstellen sind zu, Sprit ist Mangelware. Sally kann es kaum erwarten heimzukommen. Hollywood wartet. (Ingrid Müller aus Guigan, DER STANDARD, 23.11.2013)

  • Die C-130 der philippinischen Airforce transportiert die vom Taifun betroffenen Menschen.
    foto:müller

    Die C-130 der philippinischen Airforce transportiert die vom Taifun betroffenen Menschen.

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