Der große wohnrechtliche Wissensdurst

23. November 2013, 09:28
posten

Das Angebot an Kursen und Seminaren zu Themen des Immobilienrechts wird immer größer. Nun startet auch die Mietervereinigung mit einer eigenen Wohnakademie

Wien - Das österreichische Wohnrecht, insbesondere dessen Hauptbestandteile Mietrechtsgesetz (MRG) und Wohnungseigentumsgesetz (WEG), ist ein Flickwerk. Seit Jahren machen de facto die Gerichte die Gesetze, weil sich die Legislative zu keiner umfassenden Neuaufstellung durchringen kann (siehe dazu auch Artikel Weiterhin Stillstand beim Wohnrecht). Im Mietrecht sind die Erhaltungs- und Wartungspflichten die wahrscheinlich größte Baustelle - auf der kommt es zwar immer wieder zu Präzisierungen und Schärfungen, "einige wichtige Fragestellungen sind aber immer noch unbeantwortet", klagt Christoph Kothbauer.

Der Wohnrechtsexperte ist als Lektor an mehreren Universitäten und Fachhochschulen tätig, und er ist auch Leiter der hauseigenen Akademie der Online Hausverwaltung, eines Unternehmens, das unter anderem in den Bereichen Verwaltung, Projektentwicklung und Facility Management tätig ist und seinen Sitz in Wien hat. Kothbauer konzipiert in dieser Funktion Schulungen und Seminare zu wohn- und immobilienrechtlichen Themen. Zielgruppe sind hauptsächlich Verwalter und Makler, aber auch Juristen.

Seminare und Newsletter

Die Aufgabe des Seminarleiters habe sich als "Begleitprodukt" seiner Beratungstätigkeit für das Unternehmen ergeben, sagt Kothbauer zum STANDARD. Man habe erkannt, dass man einiges an rechtlicher Kompetenz im rechtlichen Bereich angesammelt habe (woran man die Branche in Form regelmäßiger Updates per Newsletter teilhaben lässt), "und da war es dann nur ein kleiner Schritt hin zu der Entscheidung, gelegentlich auch Schulungen anzubieten". Zunächst nur für die eigenen Mitarbeiter, bald auch für Mitarbeiter von Kunden, schließlich auch für Externe, als Angebot an die gesamte Branche und als Ausdruck eines "sehr vernünftigen Kooperationsgedankens", den Kothbauer im Übrigen der gesamten Szene attestiert. "Es gibt sehr viele funktionierende Netzwerke und relativ wenige Neidgefühle. Kolleginnen und Kollegen kooperieren in fachlicher und sachlicher Hinsicht sehr weitreichend miteinander, und das zum gegenseitigen Nutzen."

Immer mehr Anbieter

Freilich ist die Online Hausverwaltung nicht die einzige Anbieterin immobilienrechtlicher Aus- und Weiterbildung. Ganz im Gegenteil werden es immer mehr, es habe sich auf diesem Gebiet in den letzten fünf bis zehn Jahren "enorm viel getan", stellt Kothbauer fest. Weitere Anbieter sind neben der Immobilienakademie des Österreichischen Verbands der Immobilienwirtschaft (ÖVI) etwa juristische Fachverlage wie Linde und Manz oder Seminaranbieter wie ÖPWZ und ARS. Kothbauer, der manchen in der Immobilienbranche wegen seines umfassenden Einblicks in die Materie sowohl aus Branchen- wie auch aus rechtlicher Sicht bereits als legitimer Nachfolger des im Vorjahr verstorbenen Wohnrechts-Doyens Wolfgang Dirnbacher gilt, hält auch für einige andere Anbieter Seminare ab, etwa für die ÖVI-Akademie. Diese legt den Schwerpunkt auf Ausbildung, also Kurse für Verwalter, Makler und Bauträger. Anbieter wie ARS halten aber etwa mit den "Jahrestagen" seit einiger Zeit auch Fachsymposien ab, auf denen über aktuelle Entscheidungen der Gerichte debattiert wird.

Relativ neu ist, dass auch Mieterschutzorganisationen wie die SPÖ-nahe Mietervereinigung Österreichs (MVÖ) breit aufgestellte wohnrechtliche Tagungen veranstalten. Die MVÖ hat kürzlich (gemeinsam mit den Co-Veranstaltern, dem Österreichischer Verband gemeinnütziger Bauvereinigungen und dem ÖVP-nahen Österreichischen Mieter-, Siedler- und Wohnungseigentümerbund) die dritten "Wiener Wohnrechtstage" erfolgreich über die Bühne gebracht. Das Interesse an der Veranstaltung im Dachsaal der Wiener Urania sei enorm gewesen, erzählt MVÖ-Präsident Georg Niedermühlbichler; mehrere Dutzend Anfragen habe man schließlich absagen müssen.

Neue "Wohnakademie"

Und die "Wohnrechtstage" kamen offenbar auch inhaltlich so gut an, dass die Mietervereinigung nun einen Schritt weiter geht und in wenigen Wochen eine eigene Wohnakademie gründen wird, berichtet Niedermühlbichler weiter. Träger wird die Wiener Landesorganisation der MVÖ über deren 100-prozentige Tochter "Fair Wohnen Wohnmanagement GmbH" sein; Michaela Schinnagl, Chefjuristin der Mietervereinigung, betont freilich, dass die Wohnakademie "als Weiterbildungs- und Diskussionsplattform für alle Akteure der österreichischen Wohnrechts- und Immobilienbranche betrieben wird".

Konkret will man "praxisnahe Seminare, Workshops und Diskussionsveranstaltungen im Bereich des Miet-, Wohngemeinnützigkeits- und Wohnungseigentumsrechts und aller damit in Zusammenhang stehenden Materien" anbieten. Erste Termine stehen schon fest, neben dem Dauerbrenner Erhaltungspflichten stehen zunächst die Themen Abrechnungen sowie steuerrechtliche Aspekte im Wohn- und Immobilienbereich im Vordergrund. Eine Schiene namens "Meisterklasse" ist ebenfalls geplant, anfangs mit jeweils zweitägigen Intensivseminaren zum Mietrecht und zum Wohnungseigentumsrecht. "Gerade bei diesen Meisterklasse-Seminaren werden auch immer mehrere Vortragende als Referenten tätig sein, um aus den unterschiedlichen Blickwinkeln eines Rechtsanwalts, eines Interessenvertreters oder eines Richters die wichtigsten praxisorientierten Punkte den Teilnehmern darlegen zu können", erklärt Schinnagl.

Neben wohnrechtlicher Weiterbildung soll auch der Gedankenaustausch im Vordergrund stehen: "Dies erscheint uns wichtig, da die gegenwärtigen komplexen und vielfältigen wohnrechtlichen Herausforderungen in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft hochqualifizierte Führungskräfte und erfahrene Mitarbeiter erfordern." Im Mai 2014 wird die Wohnakademie außerdem ein erstes Frühlingssymposium auf Stift Göttweig abhalten, auf dem der wohnrechtliche Horizont der Teilnehmer erweitert und somit "neue Perspektiven eröffnet" werden sollen, so die Ankündigung.

"Hineinhorchen" ins Recht

Dass tatsächlich Bedarf an der einen oder anderen "neuen Perspektive" besteht, davon kann auch Kothbauer ein Lied singen. Auf gesetzlicher Ebene habe sich in den vergangenen Jahren zwar wenig getan, "umso wichtiger ist es deshalb aber, genau in die Rechtsprechung hineinzuhorchen und zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln". Und sollte es einmal doch legistische Neuerungen geben, dann sei es natürlich auch wichtig, "sehr rasch und umfassend über diese Neuerungen zu informieren". Auch aus diesem Grund sieht Kothbauer noch Potenzial für wohnrechtliche Seminare, Schulungen und Symposien jedweder Art.

"Kommunikationsbedarf"

Auch ÖVI-Geschäftsführer Anton Holzapfel sieht einen "hohen Kommunikationsbedarf" in der Branche gegeben - sei es, weil der Gesetzgeber tätig werde, wie dies im Vorjahr mit der neuen Immobilien-Ertragsbesteuerung der Fall war, oder sei es, weil es eben zu keinen legistischen Klarstellungen komme. Dass das Angebot an Ausbildungsseminaren für Hausverwalter und Makler immer größer wird, hat für ihn aber auch simple ökonomische Gründe: "Kursanbieter gehen naturgemäß mit Vorliebe in die Branchen, denen es gut geht - und das ist nun einmal die Immobilienbranche, in Österreich und auch in Deutschland."

Dass es irgendwann vorbei sein könnte mit dem großen Zulauf zu den Seminaren und Schulungen, etwa weil im Wohnrecht endlich der von allen Seiten geforderte "große Wurf" kommt und sich die Materie radikal vereinfacht, diese "Gefahr" sieht Kothbauer nicht - aus mehreren Gründen. Zum einen zeichnet sich dieser große Wurf derzeit einfach nicht ab. "Zum anderen sind die Dinge, auch wenn sie vereinfacht werden, immer noch komplex genug." So manches Thema, das man vor zehn Jahren noch in einem Tagesseminar habe vermitteln können, gehe sich heute an nur einem Tag nicht mehr aus. "Es wird immer umfassender und gleichzeitig zerrütteter, und da ist es natürlich gerade auch für Anfänger schwer, den Blick fürs Ganze zu bewahren." Seine Schulungstätigkeit würde es zwar "wesentlich erleichtern, wenn es da und dort gesetzliche Vereinfachungen gäbe", doch dass irgendwann einmal jemand sagen wird: "Jetzt ist eh schon alles so einfach, wir brauchen keine Schulungen mehr" - diese Angst hat er beileibe nicht. Denn: "Aus dem Gesetz selber schlau zu werden, ohne praktische Instruktionen zu bekommen, das ist wohl eine eher unrealistische Vorstellung." (Martin Putschögl, DER STANDARD, 23.11.2013)

  • Bei Seminaren zu wohnrechtlichen Themen sitzen hauptsächlich Verwalter und Makler im Publikum.
    foto: istock/georgijevic

    Bei Seminaren zu wohnrechtlichen Themen sitzen hauptsächlich Verwalter und Makler im Publikum.

Share if you care.