Kopflose Abstraktion

22. November 2013, 17:48
posten

Der eine Bildhauer trieb die Figur aus Metall, der andere modellierte und ließ sie gießen. Im Angebot kommender Auktionen warten beide Varianten

Zunächst wurde der Entwurf zu Papier gebracht, und die Konturen wurden auf eine Metallplatte (u. a. Messing, Kupfer, Alpaka) übertragen - mitsamt einem saumartigen Zuschlag für die herauszuarbeitende Dreidimensionalität. Der Umriss wurde ausgeschnitten oder -gesägt, ab den 1970ern verwendete man dazu den praktikableren Nibbler, ein dafür gängiges Sonderwerkzeug. Dann begann die Treibarbeit mit Kugel-, Band- und Tellerhammer, zwischendurch musste das Blech ausgeglüht und zur weiteren Verarbeitung formbar gemacht werden.

Fallweise lötete man andere Blech- oder Standteile an. Den Abschluss bildete die Feinarbeit, und man begradigte die Dellen an der Oberfläche mit einem Planier- oder Ziselierhammer. Karl Schmidt, der in den 1960er-Jahren als Lehrling in der Werkstätte Hagenauer begann (später Werkstättenleiter, zuletzt Geschäftsführer), gibt jenen Einblick in den Produktionsprozess, der sich beim Anblick getriebener Skulpturen für Laien nicht erschließt.

Bis kurz vor seinem Tod im September 1986, schildert Schmidt, habe Franz Hagenauer seine Ideen skizziert und damit die Wände der Werkstatt "tapeziert", in traditioneller Handwerksmanier schufen seine Mitarbeiter daraus plastische Großfiguren.

Im Zuge der 20-Jahr-JubiläumsAuktion (26.-28. 11., Jugendstil) gelangt im Kinsky eine solche zur Versteigerung. Die Idee dazu mag Franz Hagenauer seit den 1930er-Jahren gehabt haben, die Ausführung erfolgte laut Schmidt erst Anfang der 1980er. Noch 1983 war es eine klassische Frauenfigur: samt Kopf, Armen und Füßen, die später auf Geheiß des Maestros abgeschnitten wurden.

Bronzener Stoiker

Den ersten öffentlichen Auftritt absolvierte der Torso im November 1986 bei einer Ausstellung in der Galerie Würthle (177.000 ATS), nun buhlt er (30.000-60.000 Euro) neuerlich um die Gunst des Publikums. Während Franz Hagenauer, der bei Anton Hanak Bildhauerei studiert hatte, seine Bestimmung in einer bis zur Abstraktion reduzierten Formensprache fand, blieb jene seines italienischen Kollegen Giacomo Manzù figurativer, am Naturvorbild orientiert und von der italienischen Frührenaissance geprägt.

Synonym dafür steht der Cardinale seduto, der zu einer Ikone der Verinnerlichung avancierte. Im Rahmen der vierten Auktionswoche (25.-29. 11., Klassische Moderne) harrt der ursprünglich modellierte und schließlich in Bronze Gegossene (32.000-43.000) stoisch eines neuen Besitzers.

 (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 23./24.11.2013)

  • Noch 1983 hatte Franz Hagenauers Torso Kopf, Arme und Füße.
    foto: im kinsky

    Noch 1983 hatte Franz Hagenauers Torso Kopf, Arme und Füße.

  • Noch 1983 hatte die Figur Kopf, Arme und Füße.
    foto: archiv schmidt

    Noch 1983 hatte die Figur Kopf, Arme und Füße.

Share if you care.