Thomas Mießgang: Ist die neue Arbeitswelt tatsächlich schön?

24. November 2013, 08:00
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Der Umgangston im Geschäftsleben ist in den vergangenen Jahren deutlich lockerer geworden, Hierarchien vermeintlich flacher. Aber liegt darin ein Fortschritt in der Arbeitsorganisation?

Ein Gespenst geht um in der neuen Arbeitswelt. Das Gespenst des permanenten Frohsinns. Schon in den Achtzigerjahren hatte Atari-Chef Nolan Bushnell in Zeitungsanzeigen für Jobangebote in seinem Unternehmen mit Sprüchen wie "Confusing work with play every day" und "Work harder at having fun than ever before" geworben.

Doch in der Inszenierung des Business-Alltages als never-ending Fun Party mit Flipperkästen, Jukeboxen und Bierduschen im "Coyote ugly" -Stil, wie sie vor allem im Milieu der sogenannten New Economy gern praktiziert wird, liegt ein fundamentaler Irrtum. Denn die real existierenden Probleme des menschlichen Miteinanders, die in jeder sozialen Organisation auftreten, lassen sich durch Verdrängen und die Verpflichtung auf gute Laune ja nicht beseitigen. Sie werden nur unter den Tisch gekehrt und kehren dann als neurotische Inversion zurück, die häufig eine wesentlich fatalere Zerstörungskraft entfaltet als die Umgangsformen in herkömmlichen, hierarchisch ausgerichteten Unternehmen.

Das traditionelle Geschäftsleben, bei dem straffe Befehlsketten und ein ruppiger Umgangston gewissermaßen Conditio sine qua non sind, hat für die ständige Gefahr steigenden Mitarbeiterfrustes und einer wachsenden Unbotmäßigkeit ein Ventil geschaffen: Betriebsausflüge, Weihnachtsfeiern, Geburtstagskränzchen sind jene Zeitkorridore im Arbeitsjahr, in denen die Verhältnisse von den Füßen auf den Kopf gestellt werden.

Hier ist auch der Chef mal Mensch, hier darf er's sein. Frau Müller und Herr Mayer kommen sich unter Alkoholismuseinfluss wesentlich näher, als die Polizei unter den Bedingungen des normalen Achtstunden-Arbeitstages erlauben würde, und der unterbezahlte Lagerarbeiter sagt dem Personalchef einmal so richtig die Meinung. Am nächsten Tag ist alles vergessen, die Arbeit geht weiter, und die anekdotenhaltigsten Teile des Vorabends wandern in die Betriebsfolklore.

Es ist die zeitgenössische, arbeitsorganisatorische Variante einer Denkfigur, die von dem sowjetischen Theoretiker Michail Bachtin in die Literaturkritik eingebracht wurde: Unter "Karnevalismus" verstand er das befreiende Lachen vor allem der unteren Volksschichten, das spielerische, rebellische Aufbegehren einer nicht offiziellen Kultur, die alle anerkannten Ränge und Werte verkehrt und verspottet.

Der Karneval in Form der Betriebsfeier oder anderer außerkurrikulärer Aktivitäten ist der gesellschaftlich sanktionierte Ausnahmezustand und macht jene zu Souveränen, deren Stimmen normalerweise im schalltoten Raum erstickt werden. Und die, die im Alltag den Steuerknüppel in der Hand halten, lassen sich bereitwillig zum Affen machen und präsentieren sich gerne in ihrer allzu menschlichen Unzulänglichkeit - sie wissen ja, dass am nächsten Tag Law & Order wieder hergestellt sein werden.

Ermutigung zum Exzess

Erst in dieser Dialektik von Arbeitszwang und der Ermutigung zum temporären Exzess lässt sich jene innerbetriebliche Homöostase herstellen, die für das Funktionieren der "old economy" so wichtig war und ist. Bei den Prinzipien des SMV, des sprichwörtlich gewordenen Silicon-Valley-Managements, fehlt die eine, die repressive Seite dieser Gleichung.

Besser gesagt: Sie versteckt sich in den Anrufungen, die eine allumfassende Permissivität in Aussicht stellen. Die Journalistin Rebecca Greenfield hat für den Atlantic Monthly einige Perks, also jene Sonderzulagen und Special Effects, die die Arbeitszufriedenheit steigern sollen, unter die Lupe genommen. So locken manche Firmen mit dem Angebot, die Mitarbeiter dürften hochoffiziell einen bezahlten dreimonatigen Sommerurlaub in Anspruch nehmen. Die Marketingfirma Xiik beispielsweise trompetet auf ihrer Webseite großspurig: "Unseren Angestellten stehen so viele bezahlte Urlaubstage zu, wie sie benötigen - ganz nach ihrer eigenen Entscheidung."

Im Kleingedruckten darunter steht dann allerdings: "So schön es auch wäre, die Firma für längere Zeit zu verlassen: Schon der Hausverstand sagt uns, dass dies keinen Sinn ergibt." Der unlimitierte Urlaub ist also nichts als ein Köder, ein nettes Gedankenspiel, an dessen Realisierung nur jene denken, die über keinen Common Sense verfügen. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn Firmen ihre Angestellten davon überzeugen wollen, auf freie Tage, die ihnen arbeitsrechtlich zustehen, zu verzichten: Das Verbleiben am Arbeitsplatz mit seinem stets gefüllten Kühlschrank und dem Billardtisch sei doch ohnehin so etwas wie Freizeit. Dazu kommt der panoptische Blick der "open office spaces", die den Teamgeist stärken sollen, in Wahrheit aber die gegenseitige Überwachung fördern, und das kostenlose Essen, das zur Folge hat, dass niemand mehr wagt, die Firma zu verlassen, um Mittagspause zu machen.

Das Fazit von Rebecca Greenfield: All die schönen Perks sind in erster Linie Teil eines Masterplans, um das Verhalten der Angestellten auf subtile Weise zu kontrollieren.

In der vermeintlichen Permissivität verbirgt sich somit eine größere Repression als in den herkömmlichen Arbeitsorganisationsmodellen, weil die Entscheidungen über Arbeitszeiten, Urlaubsplanungen und Coffee Breaks internalisiert werden. Und das nach den kollektiven Vorgaben eines Betriebes geformte Über-Ich ist ein härterer Boss als selbst der übelste Menschenschinder aus dem Stahlwerk.

Ein weiteres Problem liegt darin, dass in der Zusammenführung von Arbeit und Freizeit unter dem Logo einer coolen Firma eine der wesentlichen Existenzbedingungen eskamotiert wird: die Dialektik von Sammlung und Verschwendung.

Die Freizeit war früher etwas, das einer als beschwerlich empfundenen Arbeitslast abgezweckt werden musste. In jenem "Thank God, it's Friday!" entfalteten sich katalytische Energien, die in der sinnlosen Verschwendung von körperlichen und finanziellen Ressourcen am Wochenende Seelenheil und Transzendenz suchten und im Wechsel der Aggregatzustände des Seins das Leben in seiner emotionalen Tiefe auskosteten.

Am Montag stand der Arbeitnehmer dann wieder brav am Firmeneingang, fütterte die Stechuhr und die verfluchte die Obrigkeit. Heute ist zusammengewachsen, was nicht zusammengehört, und dieser Zustand produziert ein ständiges Gefühl zwischen teilnahmslosem Wohlgefallen und lauem Missbehagen - eine eingeebnete Existenz, die als neurotische Endlosschleife erlebt wird.

Was Walter Benjamin schon 1921 in seinem hellsichtigen Essayfragment Kapitalismus als Religion erkannt hat, ist erst unter zeitgenössischen Bedingungen des permanenten Workflows zur vollen Entfaltung gekommen: "Der Kapitalismus ist die Zelebrierung eines Kultes sans rêve et sans merci. Es gibt da keinen ,Wochentag', keinen Tag, der nicht Festtag in dem fürchterlichen Sinne der Entfaltung allen sakralen Pompes, der äußersten Anspannung des Verehrenden wäre."

Ein Ozean der Beliebigkeit

Es droht somit ein Ozean der Beliebigkeit, auf dem die seichten, referenzlosen Höflichkeitsfloskeln und oberflächliche Vertraulichkeitsgesten tanzen wie Papierschiffchen, der geistige Müll, der sich in der Seele abgelagert hat, sorgfältig getrennt wird und die Wohlfühl-Zombies vergessen, dass das Leben eigentlich kein Ponyhof oder eine Starbucks-Filiale ist, sondern eine zeitlich begrenzte Situation der existenziellen Geworfenheit, die jedem Einzelnen die Frage abfordert, was er hier eigentlich macht und wozu.

In dieser Situation hilft nur die Rückkehr zu einem strategischen Grobianismus, der hilfreiche Distanzverhältnisse wiederherstellt und eine Neustrukturierung des völlig aus der Fasson geratenen Arbeitsfeldes ermöglicht. Am besten, man geht bei nächster Gelegenheit zum Chef, der gerade jeden einzelnen Mitarbeiter mit "Hey du, wie geht's uns denn heute?" begrüßt hat und jetzt in Jeans und Sneakers am Designerschreibtisch kauert, seinen Latte macchiato schlürft und die E-Mails checkt. Man hole tief Atem, spucke ihm auf den aufgeklappten iMac und sage in deutlich artikulierten Worten: "Sire, geben Sie Beleidigungsfreiheit!" (Thomas Mießgang, Album, DER STANDARD, 23./24.11.2013)

Thomas Mießgang, geboren 1955 in Vorarlberg, studierte Germanistik an der Universität Wien. Mießgang war Kulturjournalist, u. a. für das "Profil" in Wien, "Die Zeit" in Hamburg und die ORF-Sendung "Diagonal - Radio für Zeitgenossen". Von 2000 bis 2012 war er (Musik-)Kurator an der Kunsthalle Wien. Von ihm erschienen zahlreiche Publikationen, u. a. zur Musik und zur bildenden Kunst. Sein aktuelles Buch "Scheiß drauf. Die Kultur der Unhöflichkeit" erschien im Herbst 2013 bei Rogner&Bernhard.

  • Flache Hierarchien oder doch nicht? "Heute ist zusammengewachsen, was nicht zusammengehört, und dieser Zustand produziert ein ständiges Gefühl zwischen teilnahmslosem Wohlgefallen und lauem Missbehagen ..."
    foto: w2 photography/corbis

    Flache Hierarchien oder doch nicht? "Heute ist zusammengewachsen, was nicht zusammengehört, und dieser Zustand produziert ein ständiges Gefühl zwischen teilnahmslosem Wohlgefallen und lauem Missbehagen ..."

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