Der Nikolaus kam auch zu Joe

24. November 2013, 18:24
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Als sich ein irischer Bauer in Thomastown zur Ruhe setzte, fand man dort das mutmaßliche Grab des Bischofs von Myra

Dichter Nebel wabert über grünen Hügeln, Schafe weiden auf den Wiesen, feiner Nieselregen ergeht über dem Land. Es ist ein typischer Novembertag im Südosten Irlands. Joe O'Connell empfängt eine Gruppe Reisender auf seinem Landsitz in Jerpoint. Der alte Mann trägt einen Hirtenhut, eine Windjacke und hält einen Gehstock in der Hand. Ganz so, wie man sich einen Schäfer vorstellt.

Vor ein paar Jahren haben er und seine Frau Maeva ein verlassenes Landhaus gekauft. Joe, der früher als Bauer arbeitete, wollte sich hier zur Ruhe setzen, höchstens noch ein paar Kühe weiden lassen. Einem Gemäuer und den verwitterten Steinen auf dem Feld schenkte er zunächst keine Beachtung. "Es erschien uns nicht wichtig", sagt Joe fast schon entschuldigend. Als er die kryptischen Insignien auf den Steinen genauer  in Augenschein nahm, wurde er  dennoch stutzig. Was haben sie zu bedeuten? Er rief beim Liegenschaftsamt an und erkundigte sich. Auch in Irland mahlen die Mühlen der Verwaltung langsam, und so strichen ein paar Wochen ins Land, bis das Amt ein Spezialistenteam schickte.

Von Myra über Bari nach Irland

Archäologen entdeckten Überreste einer mittelalterlichen Stadt - und stießen dabei auf eine Sensation: das mutmaßliche Grab des heiligen Nikolaus. Ein unscheinbares Relikt - mitten auf Joes Weide. "Ich konnte es kaum glauben", sagt er. Es wird vermutet, dass die sterblichen Überreste des Bischofs von Myra 1169 aus Bari von zwei Kreuzrittern in das irische Kilkenny County gebracht wurden. An einer sicher geglaubten Stelle in Jerpoint bei Thomastown wurde Nikolaus von Myra dann erneut beigesetzt. So behauptete es schon die Legende.

Nach dem Sensationsfund ließen die Medienvertreter nicht lange auf sich warten: Das irische Staatsfernsehen berichtete, die Irish Times aus Dublin war da. Joe O'Connell mag so viel Aufsehen eigentlich nicht. Dennoch sagt er: "Es ist unsere Pflicht, dieses Kulturerbe zugänglich zu machen." Damit es erhalten bleibt, hat die Denkmalschutzbehörde von Kilkenny einen 137 Seiten langen "Conservation Plan" erarbeitet. Mittlerweile wird die Stätte vom "National Monuments Act" geschützt.

Joe führt über das Gelände. Die Gemarkung der Stadt Newtown, die im 12. Jahrhundert westlich der Zisterzienserabtei Jerpoint Abbey gegründet wurde, ist noch erkennbar, die Flächendimensionen lassen sich gut abschätzen. Jeder kann in den Jerpoint Park eintreten, und doch ist es ein ruhiger Ort. Selbst zum Saint Nicholas Day am 6. Dezember ist hier kein Massenansturm zu erwarten - der Tag und der Heilige spielen in Irland eine untergeordnete Rolle.

Krähen kreischen, Blätter rascheln, der Wind pfeift über Keltenkreuze. Wenn dunkle Regenwolken lange Schatten auf die Felder werfen, ist die dramatische Kulisse perfekt. Jetzt wird der Regen stärker, Joe hat sich Plastiksackerln über seine Schuhe gestülpt, mit seinem Gehstock zeigt er in die Landschaft. "Das Gelände besteht vor allem aus Kalkstein. Einst war hier überall Wasser." Aufgrund von Fossilienfunden bei Bray in Wicklow County weiß man, dass die Grüne Insel vor 600 Millionen Jahren unter dem Meeresspiegel gelegen haben muss.

Mühle und Markt

Mit großväterlichem Gleichmut erzählt Joe die Geschichte von Newtown: "Hier verlief die Straße in Nord-Süd-Richtung durch die Stadt. Sie führte zum River Nore, wo es eine Mühle gab und mit Gütern wie Salz, Wein und Eisen gehandelt wurde." Das Marktkreuz, die mittelalterliche Markierung des Marktplatzes, steht noch immer auf derselben Stelle - einer runden Steinplatte. Die Ruinen um den Platz lassen  kaum mehr erahnen, dass Newtown einmal ein florierendes Handelsstädtchen gewesen sein muss. Chronisten berichten von einer Siedlung mit 27 Häusern, einem Gericht, einer Mühle, einer Gerberei, einer Brauerei - und 14 Tavernen. Bier sei in rauen Mengen getrunken worden.

"Jeden Montag setzten sich die Geschworenen des Gerichts zusammen." Wohl kaum weil es in der Kleinstadt so viele Verbrechen gab, „dafür aber jede Menge Tavernen, wo das Gericht tagen konnte", sagt Joe und lacht. Zu seiner Blütezeit zählte die Siedlung lediglich 200 Bewohner. Durch den Handel entstand aber ein reger Austausch, Kaufleute, Gelehrte und Geistliche gingen ein und aus. Newtown wurde zudem früh christianisiert. Die Ruinen einer romanischen Kirche, der Saint Nicholas Church, zeugen davon. Heute sind die Außenwände mit Efeu überwuchert, und die Natur hat fast alle Spuren von Urbanität beseitigt. Das Kirchenschiff fußt auf achteckigen Pfeilern, die von  Wänden aus späteren Jahrhunderten verdeckt wurden, der Turm ist aber noch großteils erhalten.

Auf manchen Grabsteinen vor der Kirche sieht man lateinische Inschriften, auf manchen die französische Lilie. O'Connell hat sich freilich mit der Geschichte befasst, die ihn hier an seinem neuen Landsitz erwartete: "Durch die anglonormannische Invasion fanden ja auch französische Wörter Eingang in den irischen Wortschatz", erklärt er.

Neue Brücke, weiter Bogen

Kriege und Epidemien setzten Newtown immer wieder zu. Später, im 16. Jahrhundert, stürzte die strategisch wichtige Brücke über den River Nore ein. Die neue Brücke wurde an einem anderen Ort errichtet, die Handelsroute machte also fortan einen Bogen um die Stadt. Newtown verwaiste und versank in der Bedeutungslosigkeit. Erst 1780 ließ der Earl of Belmore hier wieder ein Jagdhaus im georgianischen Baustil errichten. Heute wird das Belmore House vom Ehepaar O'Connell bewohnt.

Im eleganten Tea Room mit Parkett, Polstermöbeln und feinem Porzellan serviert Maeva das Mittagessen: fangfrischen Lachs aus dem Fluss, Forellenkaviar und Schafskäse. Selbst die Äpfel und Erdbeeren zum Nachtisch kommen aus der Region - dank des milden Golfstroms gedeihen die Früchte entlang der Küste von Wexford bis Wicklow. Wer käme da schon auf die Idee, importierte Mandarinen und Nüsse im Nikolaussackerl zu vermissen!

Und ohnehin viel passender an einem nasskalten Tag wie diesem erscheint: hervorragendes Brown Bread mit Butter - früher eigentlich das klassische Armeleuteessen in Irland - und dazu Whiskey. Denn wie sagt schon ein irisches Sprichwort: "Was Butter und Whiskey nicht heilen, kann überhaupt nicht geheilt werden." (Adrian Lobe, DER STANDARD, Album, 23.11.2013)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Diese Reise wurde unterstützt von Ireland Tourism.

  • In der Nähe der Jerpoint Abbey stießen Archäologen auf eine unscheinbare Stelle im Feld eines Bauern. Sie gilt als die letzte Grabstätte des Nikolaus von Myra.
    foto: corbis / martin siepmann

    In der Nähe der Jerpoint Abbey stießen Archäologen auf eine unscheinbare Stelle im Feld eines Bauern. Sie gilt als die letzte Grabstätte des Nikolaus von Myra.

  • Flüge von Wien nach Dublin, zum Beispiel täglich mit Aer Lingus. Der Besuch des Jerpoint Park in Thomastown lässt sich auch gut im Rahmen eines Dublin-Städtetrips realisieren. Er liegt nur rund eineinhalb Autostunden von der irischen Hauptstadt entfernt, ist aber ebenso mit Öffis erreichbar. Eine gute Übersicht für Bus- und Bahnverbindungen bietet: http://getthere.ie. Weitere Informationen über den Jerpoint Park findet man unter: jerpointpark.com, die genaue Adresse ist: Jerpoint Church, Thomastown, Co. Kilkenny, Ireland
Weitere Infos bei Ireland Tourism

    Flüge von Wien nach Dublin, zum Beispiel täglich mit Aer Lingus. Der Besuch des Jerpoint Park in Thomastown lässt sich auch gut im Rahmen eines Dublin-Städtetrips realisieren. Er liegt nur rund eineinhalb Autostunden von der irischen Hauptstadt entfernt, ist aber ebenso mit Öffis erreichbar. Eine gute Übersicht für Bus- und Bahnverbindungen bietet: http://getthere.ie. Weitere Informationen über den Jerpoint Park findet man unter: jerpointpark.com, die genaue Adresse ist: Jerpoint Church, Thomastown, Co. Kilkenny, Ireland

    Weitere Infos bei Ireland Tourism

  • In und um Thomastown gibt es eine Reihe feiner Unterkünfte vom einfachen Bed and Breakfast bis hin zum stilvollen Anwesen: zum Beispiel die Privatunterkunft mit Frühstück Ballyduff House (Bild) oder das luxuriöse Mount Juliet Estate. Das Belmore House der O'Connells bietet selbst keine Zimmer an, es lohnt sich aber, dort Tee zu trinken oder für einen Lunch reinzuschauen. Dort erfährt man auch, wo sich das Lachsfischen lohnt oder wo man Fahrräder ausleihen kann, um den Jerpoint Park zu erkunden. Jeden Tag um zwei Uhr demonstriert Border Collie Cap, Joes Hund, wie er die Gänse hütet.
    foto: ballyduff house

    In und um Thomastown gibt es eine Reihe feiner Unterkünfte vom einfachen Bed and Breakfast bis hin zum stilvollen Anwesen: zum Beispiel die Privatunterkunft mit Frühstück Ballyduff House (Bild) oder das luxuriöse Mount Juliet Estate. Das Belmore House der O'Connells bietet selbst keine Zimmer an, es lohnt sich aber, dort Tee zu trinken oder für einen Lunch reinzuschauen. Dort erfährt man auch, wo sich das Lachsfischen lohnt oder wo man Fahrräder ausleihen kann, um den Jerpoint Park zu erkunden. Jeden Tag um zwei Uhr demonstriert Border Collie Cap, Joes Hund, wie er die Gänse hütet.

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