Domestizierungseffekte auch bei Insekten feststellbar

23. November 2013, 17:58
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Seidenspinner werden seit 5.000 Jahren zur Produktion von Seide eingesetzt - ihr Leben für den Menschen hat sie verändert

Jena - Nicht nur bei Säugetieren und Vögeln - also den Tiergruppen, aus denen wir die meisten unserer Haustiere rekrutiert haben - zeigt die Domestizierung genetische Effekte. Auch Insekten kann ein langes Zusammenleben mit dem Menschen verändern, wie das Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena berichtet.

Der ursprünglich in China beheimatete Seidenspinner (Bombyx mori) wurde vor rund 5.000 Jahren domestiziert. Seine als Seidenraupen bekannten Larven spinnen sich zur Verpuppung in ein Gespinst ein, das aus einem einzigen, mehrere Hundert Meter langen Faden besteht. Zur Seidengewinnung wird der Kokon samt der darin befindlichen Puppe gekocht und der Spinnfaden anschließend abgewickelt. 

Nicht mehr notwendige Düfte ...

Wissenschafter der Abteilung Evolutionäre Neuroethologie des Jenaer Instituts haben zusammen mit Kollegen aus Japan jetzt herausgefunden, dass sich das Riechvermögen des Seidenspinners über die Jahrtausende hinweg verändert hat. Umweltdüfte, die den Falter beispielsweise zu einer Wirtspflanze führen würden, werden deutlich vermindert wahrgenommen, wie der Vergleich mit der verwandten Art Bombyx mandarina ergab, die als Wildform des Seidenspinners gilt. Die Wissenschafter zeichneten hierfür Elektroantennogramme von Versuchstieren beider Arten auf, die mit verschiedenen Blatt- und Blütendüften stimuliert wurden.

Äußerlich fiel auf, dass die Anzahl von Riechhärchen auf den Antennen der Bombyx mori Weibchen stark reduziert war. Zusätzlich zeigten Messungen der Gehirnaktivität unterschiedliche Aktivitätsmuster im Geruchszentrum des Gehirns der gezüchteten und der wilden Seidenspinner. Diese Muster waren bei domestizierten Tieren von Fall zu Fall sehr variabel, während sie bei ihren wilden Vorfahren und vier anderen untersuchten Insektenarten weitgehend konstant waren.

Die Fähigkeit, mit Hilfe ihrer Antennen Umweltdüfte wahrzunehmen und Wirtspflanzen aufzuspüren, scheint bei den Seidenspinnern infolge von Gefangenschaft und Züchtung überflüssig geworden zu sein, denn das Eiablagesubstrat wird vom Menschen zur Verfügung gestellt. In der Natur hingegen ist die Wahl des geeigneten Eiablageplatzes entscheidend für das Überleben des auf eine einzige Wirtspflanze, den Maulbeerbaum, spezialisierten Nachwuchses und dient somit dem Erhalt der Art.

... und ein unverzichtbarer

Dafür scheint die Wahrnehmung des weiblichen Lockstoffes (Bombykol) durch Seidenspinner-Männchen unvermindert hochsensibel geblieben zu sein. Dabei müssen sie die Weibchen gar nicht mehr in der freien Natur aufspüren – diese werden ihnen ja durch die Züchter präsentiert. Vermutlich dient Bombykol nicht nur als Lockstoff, sondern löst auch das Paarungsverhalten beim Männchen aus und ist deshalb für den Fortpflanzungserfolg unentbehrlich. (red, derStandard.at, 23. 11. 2013)

 

  • Auch äußerlich haben sich die Seidenspinner in den 5.000 Jahren an der Seite des Menschen verändert. Links das nicht mehr flugfähige Weibchen des Seidenspinners Bombyx mori, rechts das der verwandten Wildform Bombyx mandarina, die noch eine Tarnfarbe hat.
    foto: markus knaden, max-planck-institut für chemische ökologie

    Auch äußerlich haben sich die Seidenspinner in den 5.000 Jahren an der Seite des Menschen verändert. Links das nicht mehr flugfähige Weibchen des Seidenspinners Bombyx mori, rechts das der verwandten Wildform Bombyx mandarina, die noch eine Tarnfarbe hat.

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