Schnelle Gesten ausbremsen

20. November 2013, 18:01
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Wie können Parolen und Kommunikationsformen der Straße, deren Strategien und Haltungen in der Kunst thematisiert werden? Künstler Ovidiu Anton versucht es mit Transformationen und Verrückungen: "Sauve qui peut " heißt seine Einzelschau

Wien - Kunst spielt oft damit, Bekanntes, Alltägliches in andere Kontexte zu versetzen und den Mehrwert so aus dem Moment der Irritation und Verfremdung zu generieren. Diese Verrückungen tauchen in der Arbeit von Ovidiu Anton (geb. 1982 in Timisoara, Rumänien) häufig auf.

Etwa im Graffito Révolte, das nun den Rollladen der Galerie Christine König, die Ovidiu Anton ein Solo widmet, schmückt. Ursprünglich hat der Künstler die gesprayte Anstachelung zum Widerstand in Marseille entdeckt und in Wien wieder "ausgesetzt". Anton betreibt allerdings keinen Parolenklau, sondern sieht einen (Kultur-)Austausch vor. Und so stiftete er der südfranzösischen Hafenmetropole das Motto "Alles für alle" - einen politischen Ansatz, gefunden auf einer Mauer in Wien-Leopoldstadt. Für das Entlehnen der Botschaft "La poésie est dans la rue" aus Bukarest muss sich Anton jedoch noch revanchieren.

Anton beschäftigt unter anderem die Frage, wie man Themen und Aktionen des öffentlichen Raums, in Kunsträume transferiert. Denn nur zu verschieben wäre ihm wohl zu billig. In einer anderen Serie zu politischen Graffiti bremst er die schnelle, weil verbotene Geste des Schreibens aus: Die Parole hebt sich nun als weiße Negativform von einem Meer aus mit dem Textmarker gezogener Striche ab.

Anton greift aber auch das Transformieren im Sinne von "zum Kult" oder "zum Designklassiker" machen auf. Etwa wenn er den existenzialistisch gedachten und von einfachen Weinkisten inspirierten Corbusier-Hocker LC-14 (der mit dem Griffloch auf jeder Seite) aus dem Designhimmel stürzt, indem er ihn wieder bodenständig macht: Sein Nachbau ist nicht nur aus einfachstem Holz gefertigt, es ist - konstruiert aus rot-weißen Baustellenabsperrungen - zusätzlich mit der bereits erwähnten Poesie der Straße aufgeladen. Industrielle Bauweise und Vermarktung weicht Handarbeit.

Nicht nur Graffiti, sondern auch andere Aneignungstechniken des öffentlichen Raums - etwa Parkour - haben sich zum Trend entwickelt, deren Protagonisten als Heroen der Jugend zu heiß umworbenen Werbeträgern wurden. Auch diese Zwiespältigkeit der zum Mainstream avancierten Untergrundkulturen interessiert Anton. Und so könnte man auch eine Verbindung ziehen zwischen studentischen Hausbesetzungen der 1970er- und 80er-Jahre und der im Video Street Cat Deluxe thematisierten Gentrifizierung des Istanbuler Stadtteils Cihangir. Die ging zwar schleichend vonstatten, aber es waren Studierende der Mimar-Sinan-Universität, die sich das Viertel über die Jahre angeeignet haben. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 21.11.2013)

Bis 11. 1.

Christine König Galerie

Schleifmühlgasse 1A, 1040 Wien

  • Katzen lässt Ovidiu Anton in "Street Cat Deluxe" über Gentrifizierung in Istanbul erzählen.
    foto: galerie könig

    Katzen lässt Ovidiu Anton in "Street Cat Deluxe" über Gentrifizierung in Istanbul erzählen.

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