"Ich möchte keine schlechten Filme mehr machen"

Interview20. November 2013, 17:36
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In Roman Polanskis "Venus im Pelz" übernimmt Emmanuelle Seigner als Schauspielerin das Kommando über ihren Regisseur

STANDARD: Stimmt es, dass Sie "Venus im Pelz" anfangs gar nicht machen wollten?

Emmanuelle Seigner: Ich habe zuerst nur David Ives' Stück, nicht die Adaption gelesen, und es fühlte sich unmöglich an. Nur zwei Protagonisten und so viel Dialog - das erschien mir als zu ambitioniert. Ich sprach dann mit den Produzenten Alain Sarde und Robert Benmussa, die sehr pingelig darauf schauen, was Roman (Polanski, Anm.) plant. Sie liebten das Stück, und das hat mich tatsächlich überzeugt. Interessanterweise fühlte es sich schließlich ganz leicht an, als ich es dann spielte. Das war sehr eigenartig.

STANDARD: Das Schwierige an der Rolle scheint zu sein, dass es nicht um eine Person, sondern gleich um mehrere geht: um die Schauspielerin Vanda, um die Figur der Wanda von Dunayev aus Sacher-Masochs berühmtem Roman ...

Seigner: Ja, es sind so viele! Die Umsetzung ist wohl eine Frage des Trainings, und manchmal bin ich einfach faul. Ich wusste jedoch, dass ich mich bei Mathieu Amalric, meinem Partner im Film, sehr sicher fühlen konnte. Er ist so gut und großzügig, und er hat ein tolles Gefühl für Rhythmus. Wir haben schon in Schmetterling und Taucherglocke zusammengearbeitet, obwohl wir da nur wenige Szenen gemeinsam hatten.

STANDARD: "Venus im Pelz" ist eigentlich eine Komödie um das Verhältnis zwischen Schauspielerin und Regisseur. Kennen Sie diese Lust, Macht an sich zu reißen?

Seigner: Das ist gar nicht so sehr eine Frage von Mann und Frau. Der Job des Schauspielers ist generell sehr passiv - für mich war es oft frustrierend, keine Kontrolle zu haben. Man macht seine Arbeit, aber danach entscheidet man nichts mehr selbst - der Schnitt, die Musik, die Poster, all das machen andere für dich. Vandas Form der Überschreitung gefiel mir daher besonders gut.

STANDARD: Haben Polanski und Sie den Film an irgendeiner Stelle als Reflexion des eigenen Arbeitsprozesses betrachtet - man hat ja viel über die Ähnlichkeit Amalrics mit dem jungen Polanski gemunkelt?

Seigner: Das haben die Journalisten so gesehen. Ich glaube, Roman mochte den Stoff, weil es sein Ding war. Er beinhaltet viele dieser Obsessionen, die man auch in anderen Filmen von ihm findet. Sein erster Film, Das Messer im Wasser, spielt in einem Boot, mit drei Personen. So etwas liebt er. Aber Roman ist ganz anders als der Regisseur im Film. Er würde es nicht zulassen, dass diese Frau die Macht an sich reißt. Er würde sie rausschmeißen wie nichts.

STANDARD: Seine jüngste Schaffensperiode hat Polanski einmal als seine japanische Phase bezeichnet, weil er mit den Filmen so sehr nach Einfachheit und Simplizität streben würde.

Seigner: Japanisch, wirklich? Ich kann mich erinnern, wie er mit Kubrick telefoniert hat, als der noch lebte. Sie haben stundenlang darüber geredet, wie schwierig es nach einer gewissen Zeit ist, einen Stoff zu finden, der einem zusagt. Man hat schon so vieles ausprobiert und strebt immer noch danach, etwas Neues umzusetzen. Für ihn war Venus im Pelz definitiv eine Herausforderung. Was ich an diesem Film mag, ist auch, dass es sein erster oder zweiter Film sein könnte. Es ist spannend zu sehen, dass er in seinem Alter so agiert, als wäre er noch 25.

STANDARD: Was meinen Sie genau? Diese Reduktion, die es in "Carnage" (" Der Gott des Gemetzels") ja auch schon gab, oder dieses Spiel aus Unterwerfung und Kontrolle?

Seigner: Carnage ist weniger typisch, bourgeoiser. Dieser Film ist punkiger, unverschämter, humorvoller. Zugleich hat er etwas von einem Billy-Wilder-Film, mit dem Fokus auf Kabarett ...

STANDARD: Polanski hat einmal gesagt, dass eigentlich alle seine Filme Komödien seien, aber die Leute würden das nicht erkennen ... Selbst Filme wie "Der Mieter" oder gar "Rosemary's Baby"?

Seigner: Ja, er hat einmal erzählt, wie er sich mit Gérard Brach (Drehbuchautor, Anm.) über den Mieter zerkugelt hat. Als der Film dann in Cannes präsentiert wurde, hat kein Einziger gelacht. Der Humor ist den Leuten völlig entgangen. Jetzt gilt er ja als Kultfilm. Bei Rosemary's Baby bin ich mir nicht so sicher ... Aber Roman findet in allen Situationen ein Moment von Komik, auch in jenen der Verzweiflung.

STANDARD: "Frantic", Ihr erster größerer Film mit Ihrem Mann, war 1988 ein großer Erfolg. In Frankreich hatten Sie jedoch lange zu kämpfen, nicht wahr?

Seigner: Die Franzosen sind schnell neidig. Ich spielte neben Harrison Ford, ich sah gut aus, war mit Roman liiert - man hasste mich dafür. Ich war ein Teufel. In Frankreich muss man ein Zwerg sein, es muss einen Makel an dir geben, ein Handicap. Das war bei mir nicht der Fall. Es ist anders als in Amerika, wo Erfolg etwas zählt - hier macht einen das suspekt.

STANDARD: Man muss sich etwas erst hart erkämpfen?

Seigner: Sie wollen nicht, dass man zu viel Glück hat.

STANDARD: Dabei wollten Sie zunächst gar nicht Schauspielerin werden, richtig?

Seigner: Ich war damals noch zu jung, um zu wissen, was ich will. Das Schauspielen kam einfach zu mir: Ich habe Godard in einem Hotel getroffen, er hat mich gefragt, ob ich in Détective mitspielen will. Ich wusste gar nicht, wer er ist.

STANDARD: Mittlerweile sind Sie neben dem Schauspielen auch als Sängerin aktiv ...

Seigner: Eine Sängerin zu sein hilft mir, eine Schauspielerin zu sein. Und umgekehrt. Der einzige Unterschied ist vielleicht, dass ich als Sängerin die Chefin bin. Ich entscheide über die Lieder, die Texte, den Mix. Als Schauspielerin ist man viel passiver. Ich habe auch beschlossen, keine schlechten Filme mehr zu machen. Ich möchte wählerischer werden. Und wenn man einen etwas dümmlicheren Film macht, dann sollte er zumindest gut produziert sein. Es gibt ja gar nicht so viele spannende Rollen für Frauen.

STANDARD: Sie meinen nicht Ihre Angebote, sondern insgesamt?

Seigner: Ja, im Kino gibt es zu wenig interessante Parts, aber so viele tolle Schauspielerinnen.

STANDARD: Wie war das bei François Ozons "In ihrem Haus": gute oder schlechte Rolle?

Seigner: Definitiv schlechte Rolle. Ich habe es gemacht, weil ich mit Ozon arbeiten wollte. Aber die Rolle war beschissen. Doch ich bereue nichts, denn es war ein Erfolg. (DER STANDARD, 21.11.2013) 

Ab 22.11. im Kino

Emmanuelle Seigner (47) kommt aus einer Pariser Künstlerfamilie. Die Schauspielerin und Sängerin ist seit 1989 mit Roman Polanski verheiratet, mit dem sie auch zwei Kinder hat.

  • Prostituierte, Schauspielerin, Verführerin, Göttin und mehr: Emmanuelle Seigner zeigt in Roman Polanskis "Venus im Pelz", dass sie viele Rollen im Repertoire hat.
    foto: polyfilm

    Prostituierte, Schauspielerin, Verführerin, Göttin und mehr: Emmanuelle Seigner zeigt in Roman Polanskis "Venus im Pelz", dass sie viele Rollen im Repertoire hat.

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