"Wir sind die Loser, die Älteren"

20. November 2013, 18:17
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Österreichs Zeitungen sorgen sich um Medien- und Lesekompetenz. Die sind "gesellschaftliche Aufgaben ", erinnert ein deutscher Wissenschafter. Die Defizite nicht allein junger Menschen nennt er einen "demokratietheoretischen Skandal"

Wien - Wie viel bedeuten Zeitungen und Bildung für die Demokratie? Österreichs Zeitungsverband flog für eine Enquete darüber den deutschen Philosophen und Erziehungswissenschafter Matthias Rath aus Ludwigsburg ein.

Im Gepäck hat er einen "auch politisch desaströsen Befund": Noch immer bestimmt die Herkunft die Chancen auf Bildung und damit auf gesellschaftliche Teilhabe. "Wer familiär hat, dem wird gegeben."

Mangelnde Anleitung

Kein Trost auch Raths Erinnerung an die vor wenigen Wochen per Piaac-Studie dokumentierte Leseschwäche älterer Semester: "Nicht ab der 1985er-Generation, den ersten Fernseh- und Computer-Kids, wurde die Lesekompetenz plötzlich schlechter, sondern die Lesekompetenz war nie besser!" Die Pisa-Ergebnisse der Generationen ab 1985, erhoben in den Jahren 2000 bis 2009 waren schlecht. - "Aber nicht sie sind die Loser, sondern wir, die Älteren." In Raths Manuskript stehen die Loser übrigens mit zwei "o".

Der Wissenschafter betont: "Nicht die Medien, vor allem nicht die digitalen Medien sind die Ursache mangelnder Lesekompetenz, sondern die mangelnde Anleitung, auch komplexe Leseprozesse zu meistern." Die fehle in Familie und Schule.

Rath rät: "Zeitungen müssen mehr als Objekt und Instrument kritischer Meinungsbildung verstanden werden. Denn mit der Nutzung der Zeitung als einem aufklärerischen Medienprodukt können im Unterricht die Grundzüge politischer Partizipation verstanden und geübt werden. Unsere Gesellschaft braucht Menschen mit kritischem Medienbewusstsein." Der Wissenschafter empfiehlt, "Medienbildung als integrative Querschnittsanstrengung in der Schule durchzusetzen". Es sei an der Zeit, den Medienerlass aus 2012 "Wirklichkeit werden zu lassen, auch und gerade mit einer aktiven Zeitungsarbeit der Verlage und Verleger".

Förderung und Forderung

Die Verleger fordern für ihre Arbeit Unterstützung: 50 statt 10,8 Millionen Euro Presseförderung wären angebracht, erinnert Verbandspräsident Thomas Kralinger: "Wenn unsere Gesellschaft an vitaler Demokratie Interesse hat, braucht es eine funktionierende Kontrolle." - Noch eine Aufgabe der Medien. (fid, DER STANDARD, 21.11.2013)

Nachlese
Mehrwert der Zeitungen: VÖZ berichtet über den "Public Value" der Blätter - Mittwoch lädt der Verband Österreichischer Zeitungen zu einer ­Enquete

  • Erziehungswissenschafter Matthias Rath.
    foto: vöz

    Erziehungswissenschafter Matthias Rath.

  • VÖZ-Präsident Thomas Kralinger mit Mehrwert.
    foto: vöz

    VÖZ-Präsident Thomas Kralinger mit Mehrwert.

  • VÖZ: Public Value-Bericht 2013

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