Die gläserne Decke bekommt Risse

Kommentar der anderen19. November 2013, 18:44
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Am Mittwoch wird in Brüssel über eine Frauenquote in Aufsichtsräten abgestimmt. Ein weiterer Schritt in Richtung einer gerechteren Arbeitswelt

Im Laufe der Jahre hat die EU eine Vorreiterrolle bei der Gleichstellung der Geschlechter eingenommen. Vom Grundsatz des gleichen Entgelts für die gleiche Tätigkeit bis zu den Rechten am Arbeitsplatz - wir können stolz auf die Fortschritte sein, die Europa in den letzten Jahrzehnten erzielt hat. Die Europäische Kommission und das Europäische Parlament haben diese Entwicklung gemeinsam vorangetrieben.

Die Ergebnisse sind weithin sichtbar: 60 Prozent der Universitätsabsolventen in der EU sind Frauen. Der Anteil der Frauen in der Arbeitswelt ist von 55 Prozent im Jahre 1997 auf 62 Prozent gestiegen. Seit dem Jahr 2000 haben Frauen drei Viertel der Millionen neuer Arbeitsplätze in Europa übernommen.

Gläserne Decke

Trotz allem gibt es in der Unternehmenswelt für Frauen eine gläserne Decke, die sie daran hindert, in die höchsten Führungspositionen zu gelangen. Auch heute noch werden Aufsichtsräte von einem Geschlecht dominiert. 83,4 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder und 97 Prozent der Vorstandsvorsitzenden sind Männer, während auf Frauen nur 16,6 bzw. drei Prozent dieser Positionen entfallen. In Österreich haben Frauen zwölf Prozent der Aufsichtsratsposten inne - dieser Anteil liegt unter dem EU-Durchschnitt.

Trotz einiger freiwilliger Maßnahmen auf nationaler und europäischer Ebene hat sich die Situation in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert. Spürbare Fortschritte sind die Ausnahme, nicht die Regel. Echte Erfolge gibt es nur in Ländern, in denen gesetzliche Quoten eingeführt wurden. Beim derzeitigen Tempo würde es weitere 40 Jahre dauern, ein annähernd ausgeglichenes Verhältnis zwischen Frauen und Männern, das heißt mindestens 40 Prozent beider Geschlechter, in den Chefetagen zu erreichen.

Wirtschaftlich notwendig

Es sind unsere Volkswirtschaften, die unter dieser Situation leiden. Die Gleichstellung der Geschlechter am Arbeitsplatz ist kein Frauenthema, sondern eine unternehmerische und wirtschaftliche Notwendigkeit. In diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen wir alle vor den Herausforderungen einer alternden Bevölkerung, sinkender Geburtenraten und mangelnder Qualifikationen stehen, ist es wichtiger denn je, dass wir uns die Vielfalt menschlicher Talente und Fähigkeiten zunutze machen - unabhängig vom Geschlecht.

Aus diesem Grund wollen die Europäische Kommission und das Europäische Parlament erneut Vorreiter sein, wenn es darum geht, den Fortschritt in Europa zu beschleunigen. Vor einem Jahr hat die Kommission eine neue europäische 40-Prozent-Regelung vorgeschlagen. Diese Zielvorgabe gilt für nicht geschäftsführende Aufsichtsratsmitglieder börsennotierter Konzerne in Europa und ist das richtige Signal für die Führungsspitzen der Unternehmen. 

Fairer Deal

Kern des Vorschlags ist ein transparenter Auswahlprozess, damit bis 2020 anhand eindeutiger Kriterien und eines Vergleichs der Fähigkeiten und Qualifikationen der Bewerber ein Anteil von 40 Prozent des unterrepräsentierten Geschlechts erreicht wird. Die Grundlage dafür bildet ein einfaches Konzept: Keine Frau erhält einen Arbeitsplatz, nur weil sie Frau ist. Gleichzeitig wird keiner Frau ein Arbeitsplatz verweigert, nur weil sie Frau ist. Dies ist ein fairer Deal - für Unternehmen wie für Frauen, die das gleiche Recht auf Karriere haben wie Männer.

Am Mittwoch, dürfte der Kommissionsvorschlag die eindeutige Unterstützung durch das Europäische Parlament erhalten, die direkt gewählte Volksvertretung der EU. Es ist ein starkes Signal für die Gleichstellung der Geschlechter in Europa, wenn das Parlament ebenfalls nachdrücklich für eindeutige Vorschriften zur Beseitigung der geschlechtsspezifischen Unausgewogenheiten in den Aufsichtsräten eintritt.

Dem gemeinsamen Engagement von Kommission und Parlament ist es zu verdanken, dass diese neuen Vorschriften auf den Weg gebracht werden. Die Fachminister der Mitgliedstaaten müssen nun im Rat Taten folgen lassen. Sie müssen Farbe bekennen. Werden sie die Position der direkt von den europäischen Bürgern gewählten Mitglieder des Parlaments unterstützen, um die Gleichstellung voranzubringen? Oder machen sie unter dem Vorwand einen Rückzieher, dass die Gleichstellung auf nationaler Ebene geregelt werden soll? Die Zeit ist reif für eine Entscheidung.

Der Ball rollt

Die Bemühungen um Gleichstellung finden immer mehr Zuspruch in Europa. Die gläserne Decke erhält Risse. Im letzten Jahr ist der Anteil der Frauen in den Aufsichtsräten in Europa so stark gestiegen wie nie zuvor. Am deutlichsten war die Zunahme in Ländern wie Frankreich, Italien und Dänemark, in denen kürzlich entsprechende Gesetze verabschiedet wurden. Diese Länder befeuern den Wandel. Der Ball ist ins Rollen gekommen. Immer mehr Unternehmen bemühen sich um hochqualifizierte und talentierte Frauen. Sie wissen, dass sie nicht auf die Fähigkeiten und Talente von Frauen verzichten können, wenn sie in der Weltwirtschaft wettbewerbsfähig bleiben wollen.

Wir können uns keine Selbstgefälligkeit mehr leisten. Europa setzt sich seit 1957 für die Gleichstellung von Frauen und Männern ein. Die Zahl der Frauen in den Aufsichtsräten zu erhöhen ist nur der nächste logische Schritt. Die Bemühungen begannen vor 50 Jahren mit der Gewährleistung des gleichen Entgelts für gleiche Arbeit. Mit dem heutigen Votum der gewählten Vertreter der EU machen wir einen weiteren Schritt, um gleiche Chancen für Frauen und Männer in den Entscheidungsgremien der Unternehmen zu gewährleisten: Es ist auch eine Welt der Frauen! (Viviane Reding, Evelyn Regner, DER STANDARD, 20.11.2013)

Viviane Reding (62) stammt aus Luxemburg, ist Vizepräsidentin der EU-Kommission sowie Justizkommisarin.

Evelyn Regner (47) ist EU-Abgeordnete für die SPÖ.

  • Die Quote der Frauen in Chefetagen sei immer noch sehr niedrig, deswegen müsse eine verbindliche Quote in ganz Europa her, argumentiert Regner.
    foto: dpa

    Die Quote der Frauen in Chefetagen sei immer noch sehr niedrig, deswegen müsse eine verbindliche Quote in ganz Europa her, argumentiert Regner.

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Viviane Reding: Frauen haben das gleiche Recht auf Karriere wie die Männer.
 
    foto: dpa

     

    Viviane Reding: Frauen haben das gleiche Recht auf Karriere wie die Männer.

     

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