Expertenkritik an rüdem Umgang der Behörden mit Folteropfern

19. November 2013, 17:47
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Neue Menschenrechtsstudie mahnt bessere Schulungen von Asylreferenten und -richtern ein

Wien - Österreichs Asylbehörden brauchten dringend bessere Schulungen im Umgang mit traumatisierten Folteropfern und kriegsüberlebenden Flüchtlingen. Zu diesem Schluss kommt eine neue, psychotherapeutische und juristische Studie über die Behandlung traumatisierter Flüchtlinge des Wiener Ludwig-Boltzmann-Instituts für Menschenrechte, die am Dienstag vorgestellt wurde.

Denn die Haltung der Behördenvertreter, bei der polizeilichen Ersteinvernahme, am Bundesasylamt und beim Asylgerichtshof, lasse vielfach zu wünschen übrig, erläuterte Cecilia Heiss, Geschäftsführerin des Therapievereins für Folterbetroffene Hemayat. Oft werde unsensibel, ja rüde befragt - wie sich anhand der 14 in die Studie "Krieg und Folter im Asylverfahren" eingeflossenen Einzelfälle herausgestellt habe.

Vom Sessel gekippt

Auf Grundlage der Asylakten, der Rechtsanwalts- und Psychotherapieunterlagen wurden die Fälle mit Einverständnis der Asylwerber qualitativ ausgewertet. Etwa jener eines unter 30-jährigen Afghanen, bei dessen Befragung der zuständige Bundesasylamtsreferent mit "Vorhaltungen" aus dem Akt über das 40 Tage dauernde Einsperren des Mannes in einem Erdloch so lang fortfuhr, bis dieser vom Sessel kippte und regungslos liegen blieb. Er musste auf die Psychiatrie gebracht werden.

Besagter Referent habe ganz offensichtlich nichts über die psychischen Folgen von Folter gewusst, etwa über den Selbstschutz mittels Vermeidung, an die belastenden Szenen erinnert zu werden, sagte Studienmitautorin Yvonne Schaffler. Sie wies auf das UN-Istanbul-Protokoll aus 1996 hin, welches international verbindliche Regeln für den Umgang mit Folteropfern festlege.

Unzureichende rechtliche Absicherung

In Österreich, so Studienmitautorin Margit Ammer, komme besagtes Protokoll nicht zur Anwendung. Daher gebe es auch keinen adäquaten Mechanismus, um Opfer von Gewalt zu identifizieren. Rechtlich seien die Betroffenen außerdem seit 2006 nur unzureichend abgesichert; auf ihre Bedürfnisse müsse nur dann Bedacht genommen werden, wenn ihre "psychische Erkrankung" sie hindere, ihre Interessen im Verfahren zu wahren oder ihnen "Dauerschäden" drohten.

Im Innenministerium wird auf Grundschulungen der Bundesasylamtsmitarbeiter hingewiesen, beim Asylgerichtshof auf laufende Fortbildungsangebote - über Folteropfer bisher aber nicht. (bri, DER STANDARD, 20.11.2013)

  • Der Umgang mit Folteropfern am Bundesasylamt lässt laut einer neuen Menschenrechtsstudie zu wünschen übrig.
    foto: robert newald

    Der Umgang mit Folteropfern am Bundesasylamt lässt laut einer neuen Menschenrechtsstudie zu wünschen übrig.

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