Missbrauch: Bund soll auch Heer und Vereine sensibilisieren

19. November 2013, 18:10
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Die Klasnic-Kommission, die die Ansprüche von kirchlichen Missbrauchsopfern prüft, fordert eine breite Plattform zur Prävention in allen Bereichen der Gesellschaft

Innsbruck/Wien – "Jede Aufforderung zur Prävention enthält natürlich Kritik an einem Mangel", sagt Kurz Scholz. Der ehemalige Wiener Stadtschulratspräsident ist Mitglied der "Unabhängigen Opferschutzkommission", die zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der römisch-katholischen Kirche unter Leitung von Waltraud Klasnic eingesetzt wurde. Die Kommission hat bereits im Frühjahr 2012 konkrete Vorschläge für eine Missbrauchs-Präventionsplattform in Österreich erarbeitet, für die aber konkrete Zusagen fehlen.

"Diese Verweigerungshaltung finde ich schrecklich", sagt Scholz im STANDARD-Gespräch am Rande einer Pressekonferenz am Dienstag, bei der die Kommission ihr Buch Missbrauch und Gewalt. Erschütternde Erfahrungen und notwendige Konsequenzen vorstellte. In dem Buch fordern die Mitglieder der Kommission mehrfach ein "öffentliches Bekenntnis von Staat, Kirche und Gesellschaft" zur Problematik.

Scholz skizziert, wie die geforderte Plattform aussehen würde: Es brauche eine Arbeitsgruppe, an der sich alle Ministerien beteiligen – "wie beim Thema Frauenförderung vor 25 Jahren". Außerdem müsse man Fachleute hinzuziehen und dann alle Institutionen miteinbeziehen, wo es Missbrauch geben könnte: Bundesheer, Sportvereine, Altenpflege und dort für Sensibilisierung sorgen. Die Kosten seien minimal. Gespräche zu dieser Plattform habe man viele geführt, aber nur Bundespräsident Heinz Fischer und die Volksanwaltschaft hätten die Idee unterstützt. Die Regierungsverhandlungen sollten sich, so meint Scholz, nun auch diesem Thema widmen.

Jedes Land mit eigenen Regeln

Neben den Misshandlungen in kirchlichen Institutionen ginge es bei einer solchen Plattform auch um den Missbrauch in Einrichtungen der Länder, der Gemeinden oder des Bundes. Jedes Bundesland hat da einen anderen Weg eingeschlagen.

Beklagt werden immer wieder die Schwierigkeiten, als Opfer von Gewalt, Missbrauch oder Ausbeutung in österreichischen Heimen mangels einer zentralen Stelle zu seinem Recht zu kommen. "Die Menschen werden von Kommission zu Kommission im Kreis geschickt", sagt der Innsbrucker Historiker Horst Schreiber, der sich seit vielen Jahren mit der Aufarbeitung der Tiroler Heimgeschichte befasst.

Zum einen sind die Zuständigkeiten oft unklar. Hinzu kommt noch, dass viele ehemalige Heimkinder mehrere Stationen in verschiedenen Anstalten mit unterschiedlichen Trägern durchliefen. "Jeder kann sich vorstellen, dass es nicht besonders angenehm ist, die eigene, schwere Vergangenheit an bis zu fünf verschiedene zuständige Stellen immer und immer wieder berichten zu müssen", sagt Schreiber.

Zentrale Anlaufstelle gefordert

Auf einer Veranstaltung in Innsbruck, bei der Opfer mit Wissenschaftlern in den Dialog traten, war deshalb die Forderung einhellig: Eine zentrale, vom Bund eingerichtete Stelle, die mit den Opfern jegliche Ansprüche klärt, psychologische Betreuung vermittelt und im Ernstfall einen Rechtsbeistand zur Verfügung stellt. Denn die rechtliche Durchsetzung sei in solchen Causae häufig eine Frage von Eloquenz, Aktenkundigkeit und der finanziellen Möglichkeit des Opfers verbunden, sich einen Anwalt leisten zu können.

"Die Republik Österreich hat keine Verantwortung übernommen und drückt sich vor diesem Thema. Das Parlament und die Regierung möchten offenkundig nicht von den Heimkindern belästigt werden", sagt Schreiber.

Der Wiener Stadtrat Christian Oxonitsch (SP) warf in Bezug auf die Missbrauchsproblematik die Idee einer österreichweiten Dokumentationsstelle auf. Im Büro des Sozialstadtrats hieß es am Dienstag, man sei nach wie vor offen dafür, es sei zu dem Thema aber kein Vertreter des Bundes an Oxonitsch herangetreten. Auch auf eine Entschuldigungszeremonie des Bundes warte man.

"Wo ist das Mahnmal?"

Klasnic forderte für Missbrauchsopfer der Kirche eine "angemessene und würdige Veranstaltung mit den Opfervertretern" sowie "klare Entschuldigungen". Scholz fragte: "Wo ist das Mahnmal, dass die Kirche zur eigenen Gewissenserforschung und von christlicher Reue getragen setzt?"

Die Klasnic-Kommission ist selbst aber auch nicht unumstritten: Ein Wiener Rechtsanwalt hatte im April Klage gegen die "Unabhängige Opferschutzkommission" beziehungsweise Klasnic und ihren Sprecher Herwig Hösele eingebracht, unterstützt von der Plattform "Betroffener kirchlicher Gewalt". Die Kommission sei nicht unabhängig und versuche "wie eine Behörde" aufzutreten, so der Vorwurf. Laut Hösele wurde der Antrag auf einstweilige Verfügung zweimal abgewiesen. (Katharina Mittelstaedt und Gudrun Springer, DER STANDARD, 20.11.2013)


WISSEN: 1380 Meldungen seit April 2010

1381 Meldungen von Betroffenen im Bereich der katholischen Kirche Österreichs ergingen an die "Unabhängige Opferschutzkommission" unter Leitung von Waltraud Klasnic. Der Großteil davon sei in den Jahren 2010 und 2011 erfolgt (Start war im April 2010). Die acht Kommissionsmitglieder betonten stets, ihre Arbeit unabhängig und weisungsfrei zu machen. Weitere Missbrauchsfälle nimmt die Kommission laut Klasnic inzwischen nicht mehr selbst auf. Anlaufstellen für Opfer seien die Ombudsstellen der Diözesen, mit etwaigen Tätern befasse sich die Diözesankommission. Die Klasnic-Kommission entscheide aber weiterhin über finanzielle Hilfe (bis 25.000 Euro). (spri)

  • !Die Republik Österreich hat keine Verantwortung übernommen und drückt sich vor dem Thema", sagt Historiker Horst Schreiber.
    foto: apa/helmut fohringer

    !Die Republik Österreich hat keine Verantwortung übernommen und drückt sich vor dem Thema", sagt Historiker Horst Schreiber.

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