Kunst hinter einstürzenden Mauern

Interview19. November 2013, 17:38
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Ólafur Eliasson und Ai Weiwei, gemeinsam virtuell auf einer Forschungstagung in Berlin

Welche Mauern sollen als nächste fallen, in der Forschung, in ihrer Anwendung, in ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft – letztlich in unseren Köpfen?

Seit fünf Jahren stellt die "Falling Walls"-Stiftung diese Frage, nicht zufällig am Jahrestag des Falls der Berliner Mauer, in eben dieser Stadt in einer großen, mehrteiligen Veranstaltung. Am Vortag des 9. November treffen sich Start-ups mit potenziellen Investoren und präsentieren ihnen marktreife Ideen ("Falling Walls Venture"). Im "Falling Walls Lab" hingegen können 100 junge Forscher ihre Projekte im Drei-Minuten-Takt der Öffentlichkeit und einer Jury vorstellen, ein wahrer Speed-Dating-Marathon, aus dem drei Sieger hervorgehen. Die können tags darauf beim Hauptereignis nochmals vermitteln, an welchen Durchbrüchen sie arbeiten.

Auch dieses Jahr waren sie ein Baustein in der minutiös geplanten Tagung. Rund zwei Dutzend international anerkannte Wissenschafter trugen Anliegen, Analysen und Prognosen aus ihren Fachgebieten vor. Meist auf hohem Niveau, sprachen vor allem Naturwissenschafter über bevorstehende Durchbrüche vor allem in Medizin/Life Sciences, Nanotechnologie, Klimaforschung, Landwirtschaft, seltener auch in Sozial- oder Geisteswissenschaften.

Den Anfang machte allerdings ein außergewöhnliches, politisch akzentuiertes Ereignis: Der dänische, in Berlin lehrende Künstler Ólafur Eliasson verband sich per Skype mit seinem Freund und Kollegen Ai Weiwei in Peking (Ai Weiwei darf seit Jahren nicht aus seinem Heimatland China ausreisen). Gemeinsam sprachen sie über die Notwendigkeit der Kunst, alle Beschränkungen und Grenzen zu hinterfragen, und starteten ein Online-Kunstprojekt, an dem jeder Internet-Besucher weitermachen kann.

Am Rande der Tagung sprach Eliasson mit derStandard.at über den Stellenwert der Aktion im Rahmen einer Forschungstagung.

derStandard.at: Was kann die Ai-Weiwei-Aktion auf einer Falling Walls-Konferenz bewirken, auf der sich Forscher mit Wirtschaftsvertretern und Investoren treffen?

Ólafur Eliasson: Ai Weiwei hat seit mehr als zwei Jahren Reiseverbot. Von daher ist es wichtig, darüber nachzudenken, wie man langfristig damit umgehen soll. Es scheint die chinesische Regierung nicht zu interessieren, was der Westen sagt und wie dessen Medien reagieren. Weiweis Courage liegt in seiner Kreativität. Für mich ist es wichtig, dass man seine Kunst sieht und über sie seine Beziehung zur Zivilgesellschaft erkennt. Heute war die Idee, ein Kunstwerk zu präsentieren, das die Distanz zwischen dem Künstler und dem Aktivisten Ai Weiwei verkleinert.

derStandard.at: Was Sie hier gemeinsam inszeniert und initiiert haben, scheint nicht in den Rahmen einer Veranstaltung zu passen, in der es vor allem um Forschung, Innovation und Finanzierung geht. Als wie groß sehen Sie die Gefahr, dass Sie als eine Art netter Aufputz gesehen werden, bevor es wieder um Business as usual geht?

Eliasson: Gute Frage. Sie scheint auch typisch zu sein für Österreich, weil dort eine Tradition der Kritik sehr stark vertreten ist. Ich gebe Ihnen Recht, dass das ein Problem ist. Darum habe ich auch in meiner Rede darauf hingewiesen, dass man sich überlegen sollte, was eigentlich der Erfolg einer solchen Veranstaltung ist. Die quantifizierbaren Kriterien eines erfolgreichen Projekts liegen ja schon fest; es sollten vielleicht auch die nicht quantifizierbaren Kriterien ein Platz finden. Da geht es darum, Dinge zu hinterfragen, also nicht nur: Wie machen wir etwas, sondern: Warum machen wir das oder jenes?

derStandard.at:  Oder was machen wir da überhaupt.

Eliasson: Also, wenn wir wissen warum, dann beantwortet sich auch die Frage nach dem Was. Die starke Präsenz akademischen Denkens geht auf Kosten anderer Faktoren, der analytische Fokus ist sehr hoch. Schauen Sie, es gibt auf der Welt jede Mange Konferenzen. Viele sind geschlossene Blasen, sehr vorhersehbar, da geht es um Corporate Social Responsibility. Hier gibt es immerhin viel analytische, kritische Präsenz. Da bin ich froh, dass ich gegen die Marginalisierung von Kunst und Kultur auftreten kann. Dass ich zeigen kann, wie Kunst zur Produktion von Realität beitragen kann.

derStandard.at: Wieso sagten Sie vorhin: typisch für Österreich?

Eliasson: Ich hatte eine lange Beziehung zu und in Österreich. Und das, was ich dort immer sehr gemocht habe, ist eine kritische Haltung, die nicht in bestimmten Szenen polarisiert auftritt, wie das oft in anderen Ländern der Fall ist.

derStandard.at: Was meinten Sie mit dem nicht Quantifizierbaren, das nicht zu kurz kommen sollte? Sehen Sie, dass so ein Zugang zur Wissenschaft wichtige Spuren hinterlässt, etwas bewirken kann?

Eliasson: Quantifizieren heißt ja, dass alles in Zahlen ausgedrückt werden kann. Man sieht zum Beispiel, dass es bei der Frage des Klimawandels vor allem um Messbarkeit geht, was wohl in Zukunft gemessen wird usw. Aber davon sind wir nicht wirklich berührt. Mich interessiert die Diskrepanz zwischen den Fakten und dem, was uns wirklich bewegt. Man könnte sagen: Ja, vielleicht sollte ich mich mit meinen Gefühlen zu dem Thema intensiver auseinandersetzen und davon in einem nicht quantifizierbaren Raum etwas in Aktionen übersetzen. Allgemeiner gesagt geht es um Empathie, um mitmenschliche Beziehungen. Wir wissen vieles – über die Armut in der Welt, über das Klima usw. –, wir sind aber so an das quantitative Denken gewöhnt, dass dieses andere Denken nicht unterstützt wird.

In der Kunst fängt alles mit einer Idee an. Das muss keine romantische Idee sein, das kann auch politisch sein oder instinktiv. Dann kommen Skizzen, Modelle, Tests, weitere Überlegungen, Fragestellungen, die auch sozial- oder naturwissenschaftlich sein können. Daraus entsteht ein Kunstwerk. Es stellt dar, wie eine Idee in die Welt hineingreift.

Meine Studenten fragen mich manchmal: Ich habe diese und diese Idee – ist das nicht ein tolles Kunstwerk? Und ich sage darauf: Nein, das ist eine Idee, die vielleicht zu einem Kunstwerk werden kann. Und erst, wenn diese die Welt berührt, wissen wir, ob es ein tolles ist. (Michael Freund, derStandard.at, 20.11.2013)

Falling Walls ist eine von Sebastian Turner ins Leben gerufene Stiftung, die von deutschen Forschungsministerium, von der Bosch-Stiftung, der Helmholtz-Gemeinschaft und von zahlreichen weiteren Institutionen und Unternehmen unterstützt wird. Die Unternehmensberatung A. T. Kearney ist Sponsor der Falling-Walls-Labs und hat die Reise des Autors nach Berlin unterstützt.

Links

  • Der chinesische Künstler Ai Weiwei und und sein dänischer Kollege Ólafur Eliasson via Skype im Gespräch.
    foto: epa/florian schuh

    Der chinesische Künstler Ai Weiwei und und sein dänischer Kollege Ólafur Eliasson via Skype im Gespräch.

  • Ólafur Eliasson auf der Konferenz Falling Walls in Berlin.
    foto: michael freund

    Ólafur Eliasson auf der Konferenz Falling Walls in Berlin.

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