Rot, Gelb oder Grün: Einkaufshilfe für Diabetiker

20. November 2013, 11:32
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Ein von der FH St. Pölten entwickelter Scanner beurteilt Lebensmittel nach ihrem Gesundheitswert

Auf dem Monitor ist ein Balken in Grün-Gelb-Rot zu sehen, am linken Rand, im grünen Bereich, ein Pfeil. Also ist das Naturjoghurt mit einem Prozent Fett sehr empfehlenswert. Mit dem fast gänzlich fettfreien Fruchtjoghurt schaut es wider Erwarten weniger gut aus: Hier bewegt sich der Pfeil im gelb-roten Bereich des Balkens. "Der Fettanteil ist hier zwar sehr gering, dafür ist der Anteil an Fruchtzucker enorm", sagt Daniela Wewerka-Kreimel, Dozentin am Department für Gesundheit und Soziales der Fachhochschule (FH) St. Pölten sowie ernährungswissenschaftliche Leiterin des Projekts "Elektronische Einkaufshilfe für eine zuckerbewusste Ernährung".

Im Lauf eines Jahres haben sieben Forscherinnen und Forscher an der FH in einem bereichsübergreifenden Projekt einen Scanner auf Tabletbasis entwickelt, der Lebensmittel nach ihrem Gesundheitswert beurteilt und Kundinnen und Kunden direkt im Supermarkt darüber informiert. Nun wird die Einkaufshilfe fünf Monate lang in einem Spar-Markt im niederösterreichischen Lilienfeld getestet.

Vor allem Menschen mit Diabetes mellitus sollen durch das Gerät unterstützt werden, denn für sie spielt die gezielte Auswahl von Lebensmitteln eine maßgebliche Rolle. Acht bis neun Prozent der Österreicher (zwischen 573.000 und 645.000 Personen) sind laut Österreichischem Diabetesbericht 2013 von Diabetes betroffen. Die meisten leiden an Typ-2, der vor allem durch Übergewicht verursacht wird - und rund 40 Prozent der Österreicher sind zurzeit übergewichtig. Durch eine Lebensstiländerung soll die Manifestation der Erkrankung um bis zu 70 Prozent reduziert werden können. Weshalb das Gerät auch einen vorbeugenden Effekt haben soll.

Die Technik dahinter ist relativ simpel: Es handelt sich um einen Barcodescanner in Form eines Tablets. Voraussetzung für die Nutzung sind abgepackte Lebensmittel und Getränke, die über einen Barcode verfügen. Beim Einscannen erhält das Gerät die vom Hersteller angegebenen Produktinformationen zu Kaloriengehalt, Fett, Kohlenhydraten, Ballaststoffen und Zucker.

Die Software errechnet einen Mittelwert, der in Form des bunten Balkens auf dem Monitor visualisiert wird. Basis für die Bewertung ist eine Datenbank, in die derzeit 2700 im Spar-Markt Lilienfeld erhältliche Produkte eingespeist sind.

Fehler festgestellt

"Die Meisterarbeit lag in der Softwareentwicklung", sagt Ernst Piller, Leiter des Instituts für IT-Sicherheitsforschung der FH St. Pölten sowie Leiter des Projekts. Der größte Aufwand sei das Erfassen, Überprüfen und Ergänzen der Datenbank gewesen. "Wir überprüfen jede Angabe der Hersteller und stellen auch immer wieder Fehler fest", sagt Wewerka-Kreimel. Wie etwa auf einem abgepackten Stück Bauchspeck, wo nur zirka ein Zehntel des tatsächlichen Fettgehalts angegeben war.

Die Nutzung des Rechners ist einfach. So erfordert das horizontale Einscannen der Produkte aus zehn Zentimeter Entfernung zwar ein wenig Geschick - ein größerer Scan-Bereich ist bereits angedacht - gestaltet sich aber im Vergleich zum Einscannen eines Produkts per Smartphone als einfach.

Alternative Vorschläge

Das gilt auch für die Informationen: Anstatt einer Auflistung der einzelnen Inhaltsstoffe gibt die einfache grafische Auflösung auf einen Blick Aufschluss über "gut" oder "böse". Unter jedem wenig empfehlenswerten Produkt finden sich Alternativvorschläge. Diese sind ebenfalls mit Balken und Pfeil versehen. "Sie müssen mit dem Ausgangsprodukt möglichst identisch sein", sagt Wewerka-Kreimel. So lautet etwa die Alternative zu weißen Fleckerlnudeln Vollkornfleckerln. Um die Bevorzugung von Produkten oder Herstellern zu vermeiden, variieren die Vorschläge bei jedem erneuten Scan.

Dass das Gerät ausschließlich den Gehalt von Fett, Kohlenhydraten, Ballaststoffen, Zucker und Kalorien berücksichtigt und nicht etwa auch die Art des Fettes oder den Anteil an Nüssen und Früchten, der ebenfalls eine tragende Rolle bei der Ernährung von Diabetikern spielt, liegt an der Kennzeichnung seitens der Hersteller. Diese beruht nach wie vor auf freiwilliger Basis. "Ich kann nur mit den Daten arbeiten, die ich bekomme" sagt Wewerka-Kreimel. Im Falle konkreterer Angaben wäre die Beurteilung der Lebensmittel zwar komplexer, aber auch genauer. Sofern sich der Lebensmittelrechner nach der Testphase durchsetzen wird, vielleicht ein Anlass für die Produzenten zur sorgfältigeren Deklaration von Lebensmitteln. (Eva Tinsobin, DER STANDARD, 20.11.2013)

  • Die Anwendung ist denkbar einfach, Daniela Wewerka-Kreimel führt vor, wie's geht.
    foto: fh st. pölten/ernst piller

    Die Anwendung ist denkbar einfach, Daniela Wewerka-Kreimel führt vor, wie's geht.

  • Nach dem Einscannen eines Produktes gibt ein Balken auf dem Monitor Aufschluss über "gut" oder "böse".
    foto: eva tinsobin

    Nach dem Einscannen eines Produktes gibt ein Balken auf dem Monitor Aufschluss über "gut" oder "böse".

  • Unter jedem wenig empfehlenswerten Produkt finden sich Alternativvorschläge.
    foto: eva tinsobin

    Unter jedem wenig empfehlenswerten Produkt finden sich Alternativvorschläge.

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    foto: eva tinsobin
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