"Kinder dürfen Sessel nicht mehr selbst erklimmen"

22. November 2013, 05:30
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Kindergartenpädagogin Samer über Leistungsdruck, den Mangel an Lehrkräften und Elternverantwortung

"Es bräuchte ein Ministerium, in dem sämtliche Kindergartenkompetenzen gebündelt sind", sagt Karin Samer, Betriebsrätin für Kindergartenpädagoginnen bei den Kinderfreunden, im Interview mit derStandard.at. Über Leistungsdruck im Kindergarten und den Mangel an Kindergartenpädagoginnen sowie den Druck, der auf den Pädagoginnen lastet, sprach sie mit Katrin Burgstaller.

derStandard.at: Bei Durchsicht der Stellenanzeigen fällt auf: Es werden sehr viele Kindergartenpädagoginnen gesucht. Ist der Beruf so unbeliebt?

Samer: Der Eindruck täuscht nicht. Viele Stellen sind offen, es herrscht ein Fachkräftemangel in den Kindergärten, und zwar österreichweit. Viele würden den Beruf gerne ausüben, weil sie gerne mit Kindern arbeiten. Leider merken sie jedoch sehr rasch, dass sie das, was Kinder für ihre Entwicklung wirklich brauchen, mit den derzeitigen Rahmenbedingungen nicht abdecken können. Sie halten diese permanente Überforderung nicht aus. Das Durchschnittsalter der Pädagoginnen in Österreichs Kindergärten liegt bei 45 Jahren. Es fehlen uns die Jungen für die Zukunft.

derStandard.at: Sind die großen Gruppen das Hauptproblem?

Samer: Nicht nur. Die Frage ist auch: Wie viele Fachkräfte sind für wie viele Kinder verantwortlich. Wir haben in Österreich neun verschiedene Landesgesetze. Neunmal werden die Raumgröße, die Gruppengröße sowie der Betreuungsschlüssel unterschiedlich geregelt. In Wien ist für Drei- bis Sechsjährige eine maximale Gruppengroße von 25 Kindern vorgeschrieben. Diese Gruppe muss mindestens von einer ausgebildeten Pädagogin, die Vollzeit arbeitet, sowie einer Assistentin, die 20 Stunden arbeitet, betreut werden.

derStandard.at: Assistentinnen kümmern sich in erster Linie um das Geschirr, Hygiene und das Essen. Was kann eine Pädagogin in einer Gruppe mit 25 Kleinkindern im Sinne einer Bildungseinrichtung bewirken?

Samer: Wir ziehen noch immer den Hut vor unseren Kolleginnen, dafür, dass sie unter diesen Bedingungen noch Bildungsarbeit leisten. Sie gehen täglich an ihre Grenzen, weil sie ihre Arbeit nicht als Job, sondern als Berufung sehen. Trotzdem bedarf es verbesserter Rahmenbedingungen, damit die Pädagoginnen nicht ausbrennen. Und damit der Bildungsauftrag weiterhin erfüllt werden kann. Die Politik müsste verstärkt in die Qualität statt in die Quantität der Kindergärten investieren.

derStandard.at: Die Politik sagt schon seit Jahren, sie hat das Problem erkannt. Wurde in der letzten Legislaturperiode eine substanzielle Änderung vorgenommen, die in der alltäglichen Arbeit spürbar ist?

Samer: Es wurde ein bundesweit gültiger Bildungsrahmenplan herausgegeben. Dieser ist gut und wichtig, denn er ist ein Werkzeug, der pädagogische Standards österreichweit festschreibt. Man hat jedoch vergessen, dass das Unterrichtsministerium nicht für die Strukturbedingungen zuständig ist. Es bräuchte noch das Bundesrahmengesetz, das einheitliche Strukturbedingungen für ganz Österreich festlegt. Viele Ministerien sind mit unterschiedlichen Sachfragen zum Thema elementare Bildung betraut. Auch daran scheitern Veränderungen. Es bräuchte ein Ministerium, in dem sämtliche Kindergartenkompetenzen gebündelt sind.

derStandard.at: Kindergartenpädagoginnen starten mit einem Gehalt von zirka 2.000 Euro brutto. Ist das genug?

Samer: Nein. Die schlechte Bezahlung ist ein weiterer Grund dafür, das so viele den Beruf meiden. Kindergartenpädagoginnen leisten für die gesamte Gesellschaft sehr wichtige Arbeit, das sollte auch entsprechend honoriert werden. Im Kindergarten, wo Bildungschancen für die Zukunft gesetzt werden, ist die Bezahlung am schlechtesten. Hier muss sich etwas verändern.

derStandard.at: Das ist nicht nur eine Frage der Politik, sondern der Gesellschaft allgemein.

Samer: Über viele Jahrzehnte hinweg wurde der Kindergarten nicht als Bildungseinrichtung empfunden. In der Gesellschaft ist noch immer das Bild verankert: Im Kindergarten arbeiten vor allem Frauen, die ein wenig mit den Kindern spielen. Der Umdenkprozess setzt aber sukzessive ein. Kindergartenpädagoginnen werden von den Eltern immer stärker als Experten in Entwicklungs- und Bildungsfragen gesehen. Elementarpädagoginnen sagen in der Öffentlichkeit immer mehr, was Sache ist. Es wäre wünschenswert, dass auch Eltern unser Anliegen tatkräftig mittragen.

derStandard.at: Würde die Akademisierung des Kindergartenberufs einen Imagewandel bringen?

Samer: Die Ausbildung muss auf jeden Fall verändert werden. Mit unserem Ausbildungsmodell der BAKIP sind wir Schlusslicht in der EU. Alle anderen EU-Länder haben die Ausbildung auf tertiärem Niveau angesiedelt. Zurzeit beginnen künftige Kindergartenpädagoginnen sehr früh mit der Ausbildung. Sie sollen sich im Alter von 15, 16 Jahren mit der Entwicklungspsychologie der Kinder auseinandersetzen und sind selbst noch nicht gesettelt. Sehr viele ausgebildete Elementarpädagoginnen steigen in den Beruf nie oder nur vorübergehend ein.

derStandard.at: Man müsste Uni-Absolventinnen im Kindergarten mehr bezahlen, scheitert die Umsetzung daran?

Samer: Das ist sicher ein wesentlicher Punkt. Aber es scheitert auch an einem Kompetenzgerangel. Die Länder wollen ihre Kompetenzen nicht abgeben. Es gibt außerdem zu wenig ausgebildete Lehrende für Elementarpädagogik. Diese Ebene müsste zuerst einmal geschafft werden.

derStandard.at: Es gibt in den Regierungsverhandlungen offenbar die Überlegung, Volkschullehrerinnen im Kindergarten "unterrichten" zu lassen.

Samer: Diese Überlegungen sind ein bildungspolitischer Hohn. Damit ignorieren die verantwortlichen Politikerinnen in den Verhandlungsgremien alle anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnisse im elementarpädagogischen Bereich.

Volkschullehrer und Volksschullehrerinnen unterrichten in Volksschulen, sie haben andere Methoden, einen anderen Zugang zur Wissensvermittlung. Sie haben nicht die Ausbildung zur Förderung im elementaren Bereich und dadurch zur Arbeit mit Kindergartenkindern. Hier zeigen sich wieder einmal die Ignoranz und die geringe Wertschätzung gegenüber den Kindergartenpädagoginnen sowie dem Stellenwert des elementaren Bildungsbereiches in der Politik.

derStandard.at: Stichwort Bildungseinrichtung: Nimmt der Leistungsdruck im Kindergarten für die Kinder zu?

Samer: Wir sehen das Kind, das im sozialen, kognitiven, kreativen, emotionalen Bereich gefördert wird, ganzheitlich. Wir sagen nicht, ein dreijähriges Kind muss bestimmte Leistungen erfüllen. Natürlich bieten Kindergärten auch Englischkurse oder andere Zusatzkurse an. Das ist teilweise nicht wegzudenken, weil es die Eltern möchten. Viele Eltern würden gerne viel mehr Leistungen vom Kindergarten erfüllt sehen.

derStandard.at: Haben die Eltern immer mehr Angst, dass ihr Kind auf der Strecke bleibt?

Samer: Ja. Es gibt Kinder, deren Freizeitplan von Montag bis Freitag voll ist. Eltern wollen Kindern einen Vorsprung geben und sehen oft nicht, dass die Kinder in diesem Freizeitstress das Kindsein verlieren. Sie haben keine Zeit mehr, sich zurückzuziehen und tagzuträumen und das, was sie gesehen haben, zu verarbeiten. Kinder schaffen es nicht, den ganzen Tag in Gesellschaft zu verleben. Auch wir brauchen Zeiten, in denen wir nur für uns sein können.

derStandard.at: Müssen Kindergartenpädagoginnen auch die Eltern in dieser Hinsicht "erziehen"?

Samer: Die Pädagoginnen brauchen Zeit, um mit den Eltern darüber zu sprechen, was Kinder wirklich brauchen. Es nützt nichts, das Kind in einen Musikkurs zu bringen, wenn es keine Wegstrecken bewältigen kann, weil es mit dem Auto überall hingebracht wird, weil alles sehr schnell gehen muss. Für mache Kinder ist es Schwerstarbeit, über eine Wiese zu laufen. Bewegung im Freien findet sehr selten statt, das ist jedoch ein grundlegendes Entwicklungspotenzial. Kinder dürfen Sessel nicht mehr selbst erklimmen, weil ihre Eltern Angst haben, dass sie sich verletzen. Wir bemühen uns, Eltern das wieder nahezubringen. Das verstehen wir unter Bildungspartnerschaft.

derStandard.at: Ist das auch ein Auftrag an die Politik?

Samer: Das ist eine gesamtgesellschaftliche Frage. Die ständige Verfügbarkeit hat schleichend begonnen und überholt uns nun. Wir spüren uns selbst nicht mehr. Diese Problematik wird auch in den Kindergarten hineingetragen. Alle sind gefordert, hier Umdenkprozesse einzuleiten.

derStandard.at: Eltern sollen ihre Kinder vor der Leistungsgesellschaft bewahren?

Samer: Wir haben ein leistungsorientiertes Schulsystem. In diesem System werden Kinder nicht in ihren Fähigkeiten wahrgenommen und gefördert. Die Priorität liegt darin, was sie nicht können. Ich verstehe Eltern, die ihre Kinder möglichst gut fördern möchten. Kritisch wird es, wenn Kinder an diesem Leistungsdruck zerbrechen.

derStandard.at: Nicht alle Eltern haben das Geld, ihren Kindern diese Kurse zu bezahlen.

Samer: Natürlich sieht man, dass viele Kinder aus bildungsfernen Schichten weniger günstige Grundbedingungen mitbringen. Es gibt aber auch Kinder aus gutsituierten Familien, die nicht alle Entwicklungsschritte abgeschlossen haben. Viele Eltern sehen nicht, dass sie in das Kind noch etwas anders investieren sollen als Geld. Andere wiederum verbringen einfach sehr viel Zeit mit ihren Kindern und entwickeln unbewusst ihre Kinder. Ein qualitativ hochwertiger Kindergarten mit guten Rahmenbedingungen kann für jedes Kind, egal mit welchen Vorbedingungen es dort hinkommt, die erste mögliche Chancengleichheit für Bildung sein. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 21.11.2013)

KARIN SAMER (44), geboren in Wien, ist Betriebsratsvorsitzende der Kinderfreunde für den pädagogischen Bereich und seit 1987 Kindergartenpädagogin. Sie ist Mutter zweier erwachsener Kinder.

  • "Wir ziehen den Hut vor den Kolleginnen, die unter diesen Bedingungen arbeiten.
    foto: derstandard/cremer

    "Wir ziehen den Hut vor den Kolleginnen, die unter diesen Bedingungen arbeiten.

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