Wer links ist, muss den Fußball lieben

Interview18. November 2013, 22:06
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Fußball ist immer noch der Sport der Arbeiterklasse, sagt 
Filmregisseur Ken Loach. Deswegen gehören Vereine 
nicht ins Portfolio eines Multimilliardärs

Man muss kein Fußballfan sein, um Ken Loachs "Looking for Eric" zu mögen, aber es hilft. Nicht nur, weil der ehemalige Manchester-United-Star Eric Cantona in diesem Film sich selbst spielt und dem Postbeamten Eric Bishop zurück ins Leben hilft. Auch die Fans des FC United of Manchester haben einen Gastauftritt. Was Fußball und Gesellschaft nach Meinung von Regisseur Loach miteinander zu tun haben, bringt Cantona in "Looking for Eric" auf den Punkt. Nach dem wichtigsten Moment seiner Karriere gefragt, sagt er: "Es war ein Pass." Entscheidend ist nicht der Triumph des einzelnen Spielers, sondern das Zusammenspiel von mehreren. So möchte der Sozialist Ken Loach den Fußball nicht nur gespielt, sondern auch organisiert sehen: Nicht als Spielzeug und Investitionsobjekt reicher Männer, sondern im Besitz der Fans zum Wohl der Gemeinschaft. Nachdem der Regisseur gerade von den Dreharbeiten zu seinem 
neuesten Film aus Irland zurückgekehrt ist, erklärt er im Interview, wie Fanvereine den Fußball und die Gesellschaft verbessern können und warum sein eigener Klub Bath City FC zum Verlieren verdammt ist.

ballesterer: Sie haben vor einigen Jahren in einem Interview gesagt: "Wenn die Regierung Banken in Not retten kann, warum dann nicht auch Fußballklubs?" 
Was macht den Fußball für die Gesellschaft so erhaltenswert?

Ken Loach: Ich halte Fußball an sich für eine gute Sache, auf sehr vielfältige Art und Weise. Leute werden ermuntert, sich nicht nur Spiele anzuschauen, sondern selbst Sport zu betreiben. Fußball kann Menschen zusammenbringen, er stiftet Gemeinschaft und kann einer ganzen Stadt eine Identität geben. Fußballvereine haben die Macht, sehr viel Positives zu bewirken.

Aber das funktioniert nicht immer.

Das Problem ist, dass sich die Vereine – zumindest in meinem Land – meist 
im Besitz von einzelnen Menschen befinden. Das sind kapitalistische Unternehmen, die darauf ausgerichtet sind, ihre Kunden auszubeuten – nicht darauf, etwas Gutes für die Gemeinschaft zu tun. Daher ist es gut, wenn Vereine im Besitz ihrer Mitglieder sind und die Fans mitbestimmen. Soweit ich weiß, ist das bei den Klubs in Deutschland der Fall und ebenso beim FC Barcelona – zumindest auf dem Papier. Wir sollten das auch hier in Großbritannien umsetzen. Um das zu erreichen, müssen sich die Fans organisieren, sie müssen Anteile kaufen und sich für ihre Mitbestimmungsrechte einsetzen. Auch die Regierung kann dabei eine wichtige Rolle spielen, indem sie die Rahmenbedingungen dafür schafft.

In England haben Mitgliedervereine keine Tradition. Die großen Klubs haben schon früh Firmen oder reichen Unternehmern gehört. Warum wird die Idee von Vereinen in Fanbesitz gerade in England aktuell so stark aufgenommen?

In den letzten Jahren ist ziemlich viel schiefgelaufen, Vereine sind pleitegegangen und so weiter. Wahrscheinlich haben die Leute das Bedürfnis, einige dieser 
Fehler wieder zu korrigieren. Es gibt heute eine Reihe von Vereinen, die im Besitz ihrer Fans sind. Ich habe Freunde bei ein oder zwei davon, und dort wird großartige Arbeit geleistet. Sie arbeiten mit Schulen, mit alten Leuten, mit Kindern. Diese Vereine sind wirklich vorbildlich: Sie schauen nicht nur auf sich und darauf, wie sie Geld machen können, sondern sie nehmen die Gesellschaft wahr, die sie umgibt. Sie sind wie Kooperativen organisiert und haben eine andere Perspektive auf den Fußball. Das ist eine sehr gute Sache.

Ist der sportliche Erfolg dann gar nicht mehr wichtig?

Fußballfans sind geborene Pessimisten. Du erwartest doch immer, dass dein Team verliert. Du gehst davon aus, dass der nächste Samstag eine Katastrophe wird, und genauso kommt es dann auch. Danach hast du eine ganze Woche, um damit zu hadern und zu trauern. Fußballfan zu sein, ist eben eine Art von Masochismus. Aber natürlich ist Erfolg wichtig – fast schon ein Selbstläufer. Je erfolgreicher ein Klub ist, desto mehr Zuschauer kommen, desto mehr Einnahmen hat er. Gleichzeitig muss er das Niveau 
halten und braucht ständig gute Trainer und Spieler. Bei einem Community Club, also einem kleinen Mitgliederverein, ist das ein bisschen anders. Er kann von seiner Basis profitieren, von seinen Kontakten im Viertel. Das bindet die Menschen auch an den Verein, dann kommen mehr Zuschauer, der Klub kann bessere Spieler kaufen und so weiter. Auch Community Clubs können erfolgreich sein, aber eben nicht, indem sie einzelnen Spielern horrende Gehälter zahlen, sondern indem sie in ihre Gemeinde investieren.

Die Linke war dem Fußball gegenüber lange Zeit sehr misstrauisch, Fans sind eher als primitive Masse wahrgenommen worden und nicht als positive politische Kraft. Mit so einer Haltung können Sie nicht viel anfangen, oder?

Nein, gar nicht. Fußball ist ein Arbeitersport. Wenn man sich der Linken zuordnet, ist das allein schon Grund genug, um Fußballfan zu sein.

Aber ist der Fußball heute wirklich noch ein Arbeitersport?

Natürlich. Es stimmt schon, dass es in England unglaublich teuer geworden ist, ins Stadion zu gehen, daher treffen sich die Leute eben an anderen Orten wie Pubs und Bars, um die Spiele dort im Fernsehen zu sehen. Obwohl sich viele den Stadionbesuch nicht mehr leisten können, lesen sie über ihre Vereine und verfolgen die Spiele. Fußball ist ein Sport der Arbeiterklasse geblieben.

Die Community Clubs im Fanbesitz wie AFC Wimbledon oder FC United of Manchester sind ein weiteres Gegenmodell zum Fußball im Pub.

Ja, genau. Bisher gibt es nur einige wenige, aber das ist genug, um zu zeigen, dass es funktionieren kann. Andy Walsh, der Geschäftsführer des FC United of Manchester, ist ein großartiger Typ. Um einen solchen Verein zum Laufen zu bringen, braucht man Leute wie ihn, die die Energie und den Ehrgeiz haben, das wirklich umzusetzen. Es ist eine mühevolle Arbeit, die ohne die richtigen Leute nicht funktionieren kann. Ich bin von diesen Vereinen wirklich sehr beeindruckt.

Der FC United of Manchester wird im November mit dem Bau eines eigenen Stadions beginnen. Der AFC Wimbledon hat Pläne für ein Stadion nahe der alten Spielstätte eingereicht. Welche Bedeutung hat das?

Das ist enorm wichtig. Das Stadion ist der Ort für deine Träume, eine Heimat. Hier gehst du regelmäßig hin, du hast deinen angestammten Platz, um dich herum sind die Leute, die du kennst. Zum Fußballerlebnis gehören auch Rituale, und viele davon sind ganz eng mit dem Stadion verknüpft. Das macht es so bedeutsam. Deswegen hat auch der Umzug von Wimbledon nach Milton Keynes die Fans damals so aufgebracht. Sie haben es mit der Gründung des AFC Wimbledon geschafft, ihr Gemeinschaftsgefühl zu bewahren, obwohl sie ihre Heimat verloren hatten. Und jetzt sieht es ja auch beim AFC so aus, als würden sie bald in ihren angestammten Stadtteil zurückkehren.

Wie steht es um Ihren eigenen Verein? Sie sind Mitglied der Fanvereinigung "Bath City Supporters' Society", die auch Anteile am Verein hält. Die „Supporters' Society" hat vorgeschlagen, den gesamten Verein zum Gemeinbesitz zu machen.

Ja, das haben wir versucht. Aber es gibt eine kleine Gruppe von Leuten, die bei City die Hauptanteile halten und sie auch nicht hergeben möchten. Dem Verein geht es im Moment nicht besonders gut, es ist wirklich ein ganz kleiner Klub. Zur "Supporters' Society" gehört eine Stiftung, die genau die Arbeit macht, die ein Community Club leisten kann: Es gibt Veranstaltungen in Schulen, sie organisieren Spiele und Training für Kinder mit Behinderungen – auch der Mädchenfußball wird sehr stark unterstützt. Diese ganzen Aktivitäten werden ehrenamtlich von den Fans getragen – ohne die Unterstützung der Mehrheitseigner.

Als Fan steht Ihnen demnächst ein wichtiges Match ins Haus: Der Bath City FC spielt in der letzten Qualifikationsrunde zum FA-Cup und hat damit die Chance, in die erste Hauptrunde einzuziehen.

Oh ja, aber wir werden verlieren. Unser Gegner, Salisbury City, spielt eine Liga höher und ist viel besser als wir. Es wird wohl in einer Katastrophe enden. Das ist schade, weil es ein sehr wichtiges Spiel ist, schließlich geht es um den Cup. Wenn wir in die Hauptrunde kommen, würde das zusätzliches Geld bringen – und das brauchen wir ganz dringend. (Nicole Selmer, Ballesterer, derStandard.at, 20.11.2013)

Nachtrag: Ken Loachs Pessimismus sollte sich bewahrheiten: Bath City verlor das Spiel am 26. Oktober gegen Salisbury – allerdings nur knapp – mit 0:1.

 

Der englische Regisseur und Drehbuchautor Ken Loach (77) machte sich ab den 1960er Jahren mit Fernsehproduktionen für die BBC einen Namen. Im Kino gelang dem bekennenden Sozialisten in den 1990ern mit Filmen wie "Riff-Raff“, "Raining Stones“ und "Land and Freedom“ der internationale Durchbruch. Zwei seiner Werke beschäftigen sich mit Fußball: "Looking for Eric“ mit Eric Cantona von 2009 und der Kurzfilm "Another City: A Week in the Life of Bath’s Football Club“, in dem Loach den Sechs-tligisten aus seiner südenglischen Heimatstadt porträtiert.

  • Eric Cantona in Ken Loachs Film "Looking for Eric".
    foto: filmladen verleih

    Eric Cantona in Ken Loachs Film "Looking for Eric".

  • Inhalte des ballesterer Nr. 87 (Dezember 2013) – seit 19. November im Zeitschriftenhandel und digital im Austria-Kiosk
SCHWERPUNKT: FANVEREINE
JETZT ÜBERNEHMEN WIR!Fanvereine gegen den modernen Fußball
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WIR RUFEN DIE SCHWEIZKein Plan B vonnöten
FUSSBALL ALS SCHACHInterview mit Gines Melendez
AUSWÄRTSSEKTORCHECKNostalgie in der Südstadt
KRAFTWERKHawlicek und der
österreichische Fußball
GROUNDHOPPINGMatchberichte aus 
Deutschland, Italien, Norwegen und Tschechien
 
    foto: ballesterer

    Inhalte des ballesterer Nr. 87 (Dezember 2013) – seit 19. November im Zeitschriftenhandel und digital im Austria-Kiosk

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