Eine Dauerausstellung als Spannungsfeld

18. November 2013, 18:30
6 Postings

Um 600.000 Euro wurde die neue Dauerausstellung des Jüdischen Museums der Stadt Wien realisiert: Sie trägt den Titel "Unsere Stadt!"

Wien - Vor zwölf Jahren, 2001, listeten Tina Walzer und Stephan Templ sehr, sehr viele Immobilien auf, die während der NS-Zeit in Wien "arisiert" und danach vielfach nicht restituiert wurden, da Private nicht zur Rückgabe verpflichtet sind: Cafés, Kaufhäuser, Apotheken, Kinos, Verlage, Kanzleien, Hotels, Industrieanlagen etc. Diese "Topografie des Raubes" trug den Titel Unser Wien.

Verblüffend ähnlich, nämlich Unsere Stadt!, nennt sich die neue Dauerausstellung des Jüdischen Museums. Sie wurde am Montagabend präsentiert - auf den Tag genau 20 Jahre nach der Eröffnung des Museums im Palais Eskeles. Und sie setzt im Erdgeschoß zeitlich genau an Unser Wien an, also nach der Verfolgung und versuchten Auslöschung der Juden im Dritten Reich: mit der Rückkehr.

Danielle Spera, die Direktorin des Jüdischen Museums, und ihr Chefkurator Werner Hanak-Lettner setzen damit einen unerwarteten, weil nicht plakativen Beginn. Er hat aber trotzdem ungeheure Wucht - und er zeigt das Spannungsfeld auf, das die jüdisch-wienerische Geschichte seit Beginn an prägt: dass die Juden, die am Aufbau der Stadt in den letzten 820 Jahren mitbeteiligt waren, "immer wieder zu Außenseitern, Ausgeschlossenen, zu Geduldeten und Tolerierten degradiert" wurden, wie Hanak-Lettner in seinem programmatischen Text über die Dauerausstellung schreibt.

Zu Beginn unserer Zweiten Republik sagte etwa Vizebürgermeister Leopold Kunschak (ÖVP): "Ich bin immer ein Antisemit gewesen und bin es auch heute noch." Und Bundespräsident Karl Renner (SPÖ), nach dem ein Teil des Rings benannt ist, meinte 1946: "Sicherlich würden wir es nicht zulassen, dass eine neue jüdische Gemeinde aus Osteuropa hierher käme und sich hier etabliert, während unsere eigenen Leute Arbeit brauchen." In der Israelitischen Kultusgemeinde hegte man damals wenig Hoffnung: "Uns alle, die wir hier leben, erfasst Abscheu vor der Gegenwart und Zukunft, die hier geradezu aussichtslos ist."

Diese und viele weitere Zitate bilden den Auftakt. Illustriert werden Rückkehr und Wiederaufbau mit wenigen, aber aussagekräftigen Objekten, etwa mit dem Repetiergewehr, das der spätere Fotograf Harry Weber als Mitglied der British Army bei der Befreiung geschultert hatte und bis zu seinem Tod 2007 im Keller aufbewahrte.

Die wohltuende Reduktion ist der Platznot geschuldet. Dennoch gelingt es den Kuratoren, chronologisch auf alle wichtigen Ereignisse und Themen bis in die jüngste Vergangenheit einzugehen. In die klare Ausstellungsarchitektur von Gerhard Abel sind auch etliche Monitore integriert; auf einem der Videos kann man etwa die denkwürdige Rede von Franz Vranitzky als Bundeskanzler 1991 über die "moralische Mitverantwortung" sehen. Eher kursorisch nimmt man sich der Restitution an - wohl auch deshalb, weil die Provenienzforschung gerade im Jüdischen Museum viele Jahre vernachlässigt wurde. Keinen Hinweis gibt es zudem auf die zerstörte Hologramminstallation, die das zentrale Element der ersten Dauerausstellung war.

Im zweiten Stock geht man in der Geschichte zurück - und auf die drei jüdischen Gemeinden im Laufe der Jahrhunderte ein. Da das Mittelalter in der Dependance am Judenplatz genau dargestellt wird, begnügt man sich mit ein paar Verweisen. Den meisten Raum widmet man der Jahrhundertwende, als Wien zur größten deutschsprachigen Gemeinde wurde. Die zur Schau gestellten Objekte reichen von Theodor Herzls Fahrrad (eine Leihgabe) über ein Porträt Sigmund Freuds von Andy Warhol bis zu einer Gustav-Mahler-Büste von Auguste Rodin. Nebenbei, als Schau in der Schau, wird die jüdische Religion erklärt.

Da der Saal für Veranstaltungen genutzt werden soll, ließ sich der Architekt etwas Raffiniertes einfallen: Die beidseitig "befüllten" Stellwände lassen sich binnen 15 Minuten ineinander verschachtelt zur Seite rollen. Und eine App fürs Smartphone weist geschichtsträchtige Pfade zum Judenplatz. Der Sprung ins 21. Jahrhundert ist geglückt. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 19.11.2013)

  • Raffinierte Ausstellungsarchitektur: Reduktion auf wenige, aber aussagekräftige Objekte, ergänzt um Monitore mit Videos.
    foto: jmw / klaus pichler

    Raffinierte Ausstellungsarchitektur: Reduktion auf wenige, aber aussagekräftige Objekte, ergänzt um Monitore mit Videos.

Share if you care.