"Warum mein Bruder und nicht ich?"

Ansichtssache27. November 2013, 11:05
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Diese Frage stellt sich Chris Capozziello (33) im Bildband "The Distance Between Us" - sein Zwillingsbruder Nick ist seit seiner Geburt behindert

Immer wieder stellt sich Chris Capozziello (33) diese Frage - und findet keine Antwort. Sein Zwillingsbruder Nick leidet seit seiner Geburt an Zerebralparese, Chris hingegen kam gesund auf die Welt 

Drei Minuten. Drei Minuten trennen die Zwillinge Christopher und Nicholas voneinander. Drei Minuten, die den Unterschied zwischen einem gesunden und einem behinderten kleinen Bub machen. Weil Nick bei der Geburt nicht genug Sauerstoff bekam, leidet er an zerebraler Parese, einer Krankheit, die sich in einer verzögerten Entwicklung, in motorischen und sprachlichen Störungen und in wiederkehrenden Krämpfen äußert. Je älter die Zwillinge wurden, desto augenscheinlicher wurden die anfangs unmerklichen Unterschiede zwischen ihnen.

Heute sind die beiden 33 Jahre alt. Im Gegensatz zu Nick führt Chris ein geregeltes Leben, hat Freundin, Job, eigene Wohnung und ist gesund. Eine große Frage gibt Chris aber seit seiner Kindheit fast ununterbrochen zu denken: Warum muss Nick leiden und nicht ich?

Um mit seinen Schuldgefühlen, Scham und Ohnmacht umzugehen, hat er seinen Bruder 13 Jahre lang mit der Kamera begleitet: daheim im Kinderzimmer, beim Fußballspielen, im Nightlife von New York, beim Billardspielen in der örtlichen Kneipe, bei seinen Gehirnoperationen. Entstanden ist ein zutiefst persönliches und bewegendes Buch, das den langen und andauernden Kampf, die Folgen dieser drei Minuten zu akzeptieren, dokumentiert.

foto: christopher capozziello/edition lammerhuber

"Zerebralparese ist weniger eine bestimmte Krankheit als vielmehr eine Häufung von Symptomen - das Nachbeben einer Explosion, die keiner hört. Für Nick kam die Explosion mit seiner Geburt."

 

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foto: christopher capozziello/edition lammerhuber

"Ich will Erklärungen, warum manche leiden und manche nicht. Ich will wissen, warum es bei manchen bergauf geht, während andere am Boden bleiben. Ist es Schicksal, Zufall oder einfach nur Pech?"

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foto: christopher capozziello/edition lammerhuber

"Wir spielen vor unserem Haus Ball. Aber obwohl ich Nick den Tennisball nur ganz sanft zuwerfe, muss er ihm meistens hinterherlaufen."

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foto: christopher capozziello/edition lammerhuber

"Ich habe nie die Worte dafür gefunden, aber mich schon immer gefragt, ob meine Anwesenheit im Leib unserer Mutter mich dafür verantwortlich gemacht hat, was Nick passiert ist. Dieses Gefühl, diese Angst spüre ich immer noch, um nichts weniger als früher."

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foto: christopher capozziello/edition lammerhuber

"Mum hat mich gerade angerufen. Sie sagte: 'Nick hat einen dieser Krämpfe, du musst sofort kommen!' Ich lasse alles liegen und stehen. Vierzig Minuten später bin ich da. Mum und Dad halten ihn, damit er sich nicht selbst verletzt. Ich frage Nick: 'Geht es dir gut?' Er antwortet: 'Was denkst du denn?' - Ich weiß immer noch nicht, was ich in diesen Situationen sagen soll."

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foto: christopher capozziello/edition lammerhuber

"Das sind die letzten Momente vor Nicks erster Gehirnoperation. Ich habe große Angst um ihn. Das ist Hightech-Medizin, sage ich mir. Auch wenn es aussieht wie mittelalterliche Folter."

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foto: christopher capozziello/edition lammerhuber

"Selbst inmitten eines Krampfes sieht Nick nicht so kraftlos und verängstigt aus wie jetzt. Wir alle fragen uns, was passieren wird - ob all das, was er durchmachen muss, es schlussendlich auch wert ist." 

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foto: christopher capozziello/edition lammerhuber

Chris Capozziello, der als freier Fotojournalist - unter anderem auch für die "New York Times" - arbeitet, vermag es, mit ausgesuchten Anekdoten, weitgehendem Ausblenden von Diagnosen, Therapien und Medikamenten sowie vor allem mit seinen großartigen Schwarz-Weiß-Fotografien erahnen zu lassen, wie sich das Aufwachsen als gesunder Zwilling eines kranken Bruders anfühlt. Trotz wiederkehrender Zusammenbrüche, regelmäßiger Enttäuschungen und ausbleibendem Therapieerfolg bei seinem Bruder behielt Chris stets einen Funken Hoffnung bei, der sich auch durch das Buch zieht.

So hat man den Eindruck, dass er es im Lauf der Jahre sogar schafft, die Unabänderlichkeit der Situation, aber auch die Einzigartigkeit seines Bruders zu akzeptieren. Ganz am Schluss kommt dann auch Nick selbst zu Wort und zeigt einige seiner eigenen Fotos, die er auf einem Roadtrip quer durch die USA mit Chris geschossen hat. Auch wenn die zugrunde liegende Frage nach dem "Warum?" offen bleibt, bleiben muss: Entstanden ist ein großes Buch, das daran erinnert, immer einmal öfter aufzustehen als hinzufallen; das zeigt, dass das Leben trotz allem schön sein kann; das mit Sicherheit das schönste Geschenk ist, das man einem Bruder nur machen kann. (Florian Bayer, derStandard.at, 27.11.2013)

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foto: christopher capozziello/edition lammerhuber

Christopher Capozziello
The Distance Between Us  (engl.)
Edition Lammerhuber
209 Seiten, 160 Fotos, 59 Euro
ISBN 978-3-901753-61-9

 

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