Der Taumel des Erwachsenwerdens

18. November 2013, 09:38
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Die Chilenin Marialy Rivas ist eine der Protagonistinnen beim diesjährigen YOUKI-Festival in Wels, das ganz im Zeichen des Rauschhaften steht

Santiago de Chile im Jahr 1986. Der 13-jährige Luchito betrachtet aus dem Fenster seiner tristen Wohnsiedlung das Haus gegenüber. Während er sich anzieht und sich die Krawatte seiner Schuluniform umbindet, zieht sich Manuel, 16, im Fenster gegenüber aus – und wird zum Objekt der Begierde des Pubertierenden. Während Luchito die ersten sexuellen Erfahrungen macht, das vor allem mit sich selbst, hat Manuel schon ein Sexualleben – mit einem Mädchen. Dies stört Luchito, indem er mit einer Lampe ins Haus gegenüber leuchtet und die Frau verschreckt und vertreibt.

Lichtzeichen mit großen Folgen

Ohne hier schon zu viel zu verraten: Der Kurzfilm "Blokes", also "Buben", der chilenischen Regisseurin Marialy Rivas kommt mit wenigen Szenen, knappen Dialogen und ohne Farbe aus. Er dauert ganze 15 Minuten. In dieser kurzen Zeit gelingt Rivas eine lakonische Coming of Age-Geschichte mit politischen Implikationen, die in der Rezeption manchmal zu kurz gekommen scheinen. Die Militärdiktatur in Chile dauerte von 1973 bis 1990; Mitte der 80er-Jahre, der Erzählzeit des Filmes, herrschten Repression und Polizeigewalt. Diese löst Luchito ungewollt und unwissentlich mit seinen nächtlichen Lichtzeichen aus, die von der Obrigkeit als marxistische Umtriebe fehlgedeutet werden.

"Blokes", 2010 in Cannes uraufgeführt, ist der Eröffnungsfilm des diesjährigen YOUKI-Festivals, des internationalen Jugend Medien Festivals, das von 19. bis 23. November in Wels stattfindet (Eröffnung am Dienstag, 19.11., 19 Uhr im Medien Kultur Haus ). Die Regisseurin und Sundance-Gewinnerin Marialy Riveras wird persönlich anwesend sein. Rivas Arbeiten wurden in Österreich bisher nur im Rahmen der YOUKI und beim identities-Festival gezeigt, obwohl sie international längst auf A-Festivals läuft und reüssiert, u.a. in Berlin, NYFF, Miami und Stockholm.

Rivas wurde 1976 in Talcahuano, Chile, geboren. Sie hat über 200 Werbe- und Industriefilme sowie zahlreiche Musikvideos für chilenische KünstlerInnen gedreht, 2012 stellte sie ihren ersten Langfilm "Joven & Alocada" ("Young & Wild") vor. Darin wird die Geschichte von Daniela, 17, einer bisexuellen jungen Frau erzählt. Die Story spielt ebenfalls in Santiago und beruht auf einer wahren Begebenheit. Daniela, Tochter von orthodoxen evangelikalen Christen, beschreibt ihr Leben in einem Fotoblog. Dieser ermöglichte es  ihr, lange vor Facebook, ein Foto pro Tag sowie kurze Textpassagen zu veröffentlichen. In diesen schildert sie sehr explizit ihre sexuellen Erfahrungen, gleichzeitig aber auch die Gefangenheit in ihrem Glauben, den sie, (noch) nicht, abgelegt hat. "Lord, see to it that mother doesn't type youngandwild.blogspot.com", betet sie. Der sehenswerte, in seiner Ästhetik dem Blog angelehnte Film, wurde letztes Jahr auch in Wels gezeigt.

Dieses Jahr leitet Rivas bei YOUKI einen Regie- und Skript-Workshop für zehn junge Filmschaffende u.a. zu den Fragen "wie mache und finanziere ich einen Kurzfilm?" (der Workshop ist bereits ausgebucht). Das Jahresmotto des bereits 15. YOUKI-Festivals für innovatives Nachwuchskino  ist "Rausch – Dazed and Confused" in Anlehnung an Richard Linklaters gleichnamigen Teenie-Klassiker. Neben der naheliegenden Assoziation zu Alkohol- und Drogenrausch fokussiert die Auseinandersetzung insbesondere auf das Rauschhafte von Coming-of-Age. "Wie artikulieren sich das Ekstatische, der Taumel und Schwindel des Erwachsenwerdens in Kino, Performance und Medien?", fragen die ProgrammmacherInnen.

In diesem Kontext wird u.a. der Hamburger Künstler Tino Hanekamp in Wels erwartet. Als Mitbegründer des Musikclubs "Uebel & Gefährlich" und Autor des Kiezkrimis "So was von da" wird er eine collagierte Lesung und Performance zum Festivalthema gestalten. Weitere diskursive Prgrammpunkte spüren den Drogenseancen der Wiener Aktionisten nach und Reflektieren den Fanrausch in den Kurven europäischer Fußballstadien.

90 Filme beim Kurzfilmfestival

Im Mittelpunkt des Festivals steht aber natürlich der Internationale Kurzfilmwettbewerb. Mehr als 500 Filme der 10- 26-jährigen Regiseur_innen wurden eingereicht, rund 90 davon werden auf großer Leinwand gezeigt.

Daneben organisieren YOUKI und "pink noise2 (Girls Rock Camp) einen Musikerinnen-Workshop. Dabei orientiert sich die Band am Festivalmotto „Rausch" und sichtet mit den Teilnehmerinnen ausgewähltes Filmmaterial. Dieses wird analysiert und dient als Inspirationsquelle für ein Lied, das im Rahmen des Workshops entstehen soll. Die Leitung übernehmen Vera Kropf (Luise Pop) und Veronika Eberhart (plaided). Der dreitägige Workshop gipfelt, wenn alles klappt, in einem Auftritt im Rahmen der YOUKI-Gala.

Während Workshops renommierte Referent_innen der Branche mit Jugendlichen zusammenbringen und auf eine konzentrierte Weitergabe von Wissen abzielen, bieten die neuen YOUKI Labs eine offene Atmosphäre des gemeinsamen, kreativen Arbeitens. So soll unterschiedlichen Arbeitsweisen und –modellen Rechnung getragen werden. Die Labs werden von jungen Vortragenden betreut, die die jugendlichen Teilnehmer_innen als Coaches begleiten.

Zum Beispiel beim YOUKI Magazin: Themen, die das Festival bewegen. Eine junge Redaktion greift sie auf.

Bei der Festival-Moderation: Jugendliche moderieren die Filme junger Filmemacher_innen.

Bei Vegan Youth: Das Wiener Label fettkakao gestaltet die YOUKI Kantine und kocht vegan.

Beim Talk Filmsofa: der tägliche Filmtalk lädt junge Filmschafende zum Gespräch auf's Sofa.

Das trilaterale Jugendfilmprojekt "Palais Ideal" soll belegen, dass Freundschaften und Arbeitspartnerschaften über die Grenzen hinausblicken.

Gemeinsam mit der Kölner Filmemacherin Vera Schöpfer (Screenagers), den Schweizer Jugendflmtagen und dem FiSH Festival in Rostock werden Jugendliche ihre Lebensrealitäten filmisch reflektieren. Das Projekt läuft seit dem Frühjahr 2013, im Rahmen der YOUKI 15 werden die Filme vorgestellt. (Tanja Paar, dieStandard.at, 18.11.2013)

  • "Blokes" von Marialy Rivas eröffnet das diesjährige YOUKI-Filmfestival in Wels.
    foto: marialy rivas

    "Blokes" von Marialy Rivas eröffnet das diesjährige YOUKI-Filmfestival in Wels.

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