Aus dem Blätterwald ist kein Entkommen

18. November 2013, 07:34
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Szenischer Essay "Ich gehe." nach Texten von Brigitte Schwaiger

Wien - Es ist ein langer Weg unter das Dach des Wiener Volkstheaters, in den Schwarzen Salon, wo die Uraufführung von Veronika Barnass Ich gehe. vor kleinem Publikum gezeigt wird - es gibt nicht viel Platz hier oben. Der richtige Aufführungsort für die Textcollage, die Barnas (die auch für den Raum verantwortlich zeichnet) aus Brigitte Schwaigers Die Galizianerin und Fallen lassen schuf, betritt man darin doch Welten, die abgeschnitten sind vom Alltag, von dem, was als Normal gilt.

Schwaiger, die sich 2010 das Leben nahm, schrieb durch, mit und über ihre psychische Erkrankung. In Die Galizianerin zeichnete sie die Überlebensgeschichte der polnischen Jüdin Eva Deutsch auf. Fallen lassen ist so etwas wie ihre eigene Überlebensgeschichte: ein Bericht aus der Psychiatrie.

An einem Schreibtisch, vor einem Haufen leerer Blätter sitzend, wird im Schwarzen Salon Inge Maux zum Alter Ego Schwaigers. Sie sitzt im Finsteren, zerquält, kaum ein Blick geht nach draußen. Die Krankheit ist bei ihr ein In-sich-selbst-eingeschlossenSein, aus dem es kein Entkommen gibt. Auf dem Boden liegen Unmengen leerer Blätter, die nach und nach an Schnüren hinaufgezogen werden. Ein Dickicht entsteht so, ein Blätterwald, in dem die Autorin herumirrt - und gleichzeitig eine Projektionsfläche, auf die Buchstaben geworfen werden oder auch der Kurzfilm Brigitte Schwaiger und die 49er-Straßenbahn. Die Sprache, das Schreiben ist hier Falle (nämlich das Aufschreiben der Diagnose) ebenso wie Entkommen: eine Möglichkeit von Fantasie, Traum und Hoffnung.

Gegenübergestellt wird diese Kranke im Käfig der leeren Blätter nun einer Frau, die faktisch weit Schlimmeres erlebt hat, psychisch aber um so vieles unversehrter scheint. Wenn Inge Maux zu Eva Deutsch wird, dann erhellt sich die Bühne zumeist. Es kommt plötzlich Leben und Bewegung in Sprache und Körper. Maux überzeugt in dieser Doppelrolle, weil sie so unprätentiös wie unverbissen spielt. Keiner der Figuren zwingt sie ein Korsett auf. Natürlich darf die psychisch Kranke sich hier auch einmal freuen - die Schatten von Vergangenheit und Krankheit sind den Figuren ohnehin immer anzumerken.

Im Laufe des Abends erfolgen die Wechsel zwischen den beiden in immer kürzerem Abstand. Die Engführung der beiden Perspektiven gibt den Betrachtern Fragen auf, die weit über Psychiatrie und NS-Terror hinausgehen: Wenn der einen Vater im Krieg verhungerte und die andere in ihrem psychischen Schmerz ausstößt "Ich möcht verhungern" - darf man das verurteilen? Aber wie soll man das Leid der anderen messen, wie vergleichen oder sich gar anmaßen, es aufzuwiegen? Was einem dieser schmerzhafte, gerade deshalb sehenswerte Abend zeigt: Man kann es höchstens mitfühlen. Mehr nicht. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 18.11.2013)

Bis 17. 12., 19.30

  • Inge Maux gibt in "Ich gehe." der Autorin Brigitte Schwaiger wie auch der polnischen Jüdin Eva Deutsch eine Stimme. 
    foto: marko lipuš

    Inge Maux gibt in "Ich gehe." der Autorin Brigitte Schwaiger wie auch der polnischen Jüdin Eva Deutsch eine Stimme. 

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