"Kriminalisierter Brauch" mit Bedienungsanleitung

17. November 2013, 17:58
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Kürzlich wurde ein Tiroler Brauch, der "landesübliche Empfang", offiziell protokolliert. Bei dieser Zeremonie wird regelmäßig ein Marsch aus der NS-Zeit gespielt. Die Grünen wollen im Protokoll nun auf "historische Verantwortung " hinweisen - Kritikern reicht das nicht

Innsbruck - Es herrschten wohl auch davor weder Anarchie noch Chaos in den Tiroler Kapellen und Schützenverbänden, aber man ist eben sichergegangen. Im September veröffentlichte das Amt der Tiroler Landesregierung eine Broschüre zum sogenannten "landesüblichen Empfang" - einer in Österreich einzigartigen Tradition, die sich schon aus Kaiserzeiten ableitet und nach der hohe Gäste in Tirol mit "militärischen Ehren" empfangen werden. Der vorgeschriebene Ablauf wird seither praktiziert, war zuvor jedoch nie offiziell festgehalten worden.

An einem solchen Empfang, der in Tirol regelmäßig abgehalten wird, stehen Schützen und Bläser in Formation - in sieben Schritten erfolgt die Ehrung. Den Beginn macht ein "Ankündigungssignal", je nach Rang des Gastes wird dafür eine unterschiedliche Anzahl an Rufen und Stößen gespielt (Bundespräsident: 3 Rufe, 3 doppelte Stöße, Bischof: ein Ruf, ein doppelter Stoß). Danach folgen die "Meldung" beim Landeshauptmann, die Landeshymne und das "Abschreiten der Front" entlang der Formation durch den Gast. Dabei erweisen "der Höchstanwesende und seine Begleitung dem führenden Feldzeichen (der Fahne) durch Stehenbleiben und Verneigung die Ehrenbezeugung".

Das Problem an den 24 Seiten volkskultureller Gebrauchsanweisung: Die immer wiederkehrende Kritik, dass zum Standardrepertoire der Tiroler Blasmusikkapellen ein Marsch gehört, der einen historisch bitteren Beigeschmack hat, wurde schlicht ausgeklammert - dieser "Standschützen-Marsch" wurde auf Grundlage eines Tiroler Volksliedes von Sepp Tanzer geschrieben, dem früheren Gaumusikdirektor für Tirol-Vorarlberg. Gewidmet ist er dem NS-Gauleiter Franz Hofer.

Vereinspräsident Platter

"Ich lasse mir Tiroler Brauchtum und Tradition und insbesondere unsere Traditions- und Trachtenverbände nicht kriminalisieren. Von meiner Seite gibt es ein klares Bekenntnis zur festlichen Gestaltung landesüblicher Empfänge und zu den volkskulturellen Verbänden", lässt Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) ausrichten. Er ist selbst unter anderem Präsident des Tiroler Blasmusikverbandes, des Sängerbundes, des Landestrachtenverbandes und Landesoberstschützenmeister.

"Die Tiroler Volkspartei subventioniert Nazi-Kultur mit Steuermitteln", sagt der Publizist Markus Wilhelm, der den Anstoß zur Debatte lieferte und inzwischen von der ÖVP geklagt worden sei. In Bezug auf die Broschüre beanstandet der grüne Koalitionspartner, nichts von der Veröffentlichung gewusst zu haben. In der nächsten Auflage soll nun ein Absatz eingefügt werden, in dem die Kapellen gebeten werden, historische Verantwortung und Bewusstsein zu beweisen.

"Der angekündigte Zusatz ist lächerlich. Denn zu landesüblichen Empfängen wäre viel zu sagen", sagt Wilhelm. Er ist mit dieser Einschätzung nicht allein. Der vom Land beauftragte Historiker Michael Wedekind erstellte ein Gutachten zum Stand der wissenschaftlichen Forschung über die Entwicklung der Tiroler Volkskultur. Das Ergebnis: Empfehlungen zur Überarbeitung der Förderkriterien und die Durchführung einer Tagung und weiterer Forschung.

In einem Interview der "Tiroler Tageszeitung" sagt er: "Das Ganze vermittelt doch eher in Inszenierung und Choreografie den Eindruck einer vordemokratischen Operetten-Monarchie. Dieser sogenannte landesübliche Empfang ist nicht nur unzeitgemäß, sondern in der Aufwertung eines sich verbandsmäßig organisierenden Teils der Gesellschaft mit ganz dezidierten politischen Vorstellungen auch höchst fragwürdig."

Ehrenschnaps und Salve

Im Ablauf der Broschüre folgt auf das Abschreiten der Front die Ehrensalve - die Schüsse seien die "höchste Ehrenbezeugung" und Friedenssymbol. Ist in "weiterer Festfolge kein Gottesdienst vorgesehen", geht die Veranstaltung danach zum lockeren Teil über: Die Marketenderinnen schreiten zu den zu empfangenden Persönlichkeiten und kredenzen ein "Begrüßungsschnapserl", "ein volles Stamperl aus dem Panzele", ihrem Umhängefässchen. Danach erfolgt die Abmeldung, der Gastkommandierende bittet um letzten Befehl, der Hornist bläst ab. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 18.11.2013)

  • Mit der Salve erweisen die Schützen die höchste Ehre beim Empfang. Marketenderinnen warten mit dem Schnaps.
    foto: apa/robert parigger

    Mit der Salve erweisen die Schützen die höchste Ehre beim Empfang. Marketenderinnen warten mit dem Schnaps.

  • Hektografierter Werbebrief des Deutschen Alpenverlags - vormals "Tyrolia" (1939), siehe dietiwag.at
    faksimile: dietiwag.at

    Hektografierter Werbebrief des Deutschen Alpenverlags - vormals "Tyrolia" (1939), siehe dietiwag.at

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