"Das Schulsystem wird nicht besser, indem man eine Hürde einbaut"

Interview17. November 2013, 13:56
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AHS-Direktoren-Sprecher Wilhelm Zillner gegen Aufnahmeprüfungen, aber für Gymnasien: "Niemand würde Red Bull Salzburg abschaffen, nur weil der österreichische Fußball desolat ist"

Wilhelm Zillner, Sprecher der AHS-Direktorinnen und -Direktoren in Österreich, lehnt Aufnahmeprüfungen für AHS strikt ab. Das "Risiko", bei so einer punktuellen Entscheidung "Talente" zu verlieren, "ist mir auch im Jahr 2013 zu groß", sagt der ÖVP-Funktionär im Gespräch mit dem STANDARD. Dass die ÖVP bei den Regierungsverhandlungen das Gymnasium zur Verhandlungsmasse erklärte und womöglich nur spezialisierte AHS in der achtjährigen Langform erhalten möchte, hält er für "grundfalsch". Was die Abschaffung des klassischen Gymnasiums mit Österreichs desolatem Fußball zu tun hat, erklärte er Lisa Nimmervoll.

STANDARD: Braucht das Gymnasium einen Schutzwall zur Abwehr der "falschen" Zehnjährigen, die – oder deren Eltern – hineindrängen, weil sie sich dann quasi im sicheren Hafen wähnen – also neue Zugangshürden zur AHS? 

Zillner: Nein, davon halte ich schlichtweg gar nichts. Ich musste diese Aufnahmeprüfung auch machen. Ich erinnere mich, ich hatte damals 39 Grad Fieber, ich habe sie trotzdem bestanden. Aber hätte ich sie nicht bestanden, hätten meine Eltern – ich komme aus einfachsten Verhältnissen – niemals etwas beeinsprucht, ich wäre in eine andere Schule gekommen. Dieses Risiko halte ich auch im Jahr 2013 für zu groß. Da verlieren wir Talente. Es gibt Kinder, die sind punktuell nervös, es gibt Kinder, die haben an dem Tag besonderen Stress etc. Ich möchte das nicht von einer punktuellen Prüfung abhängig machen. 

STANDARD: Einige der ÖVP-Regierungsverhandler sind offenbar anderer Meinung. Warum sagen Sie als AHS-Direktor und Pädagoge, aber auch als ÖVP-Funktionär in Ihrer Heimatgemeinde Nein zu Aufnahmeprüfungen in die AHS?

Zillner: Weil ich glaube, dass man das österreichische Schulsystem nicht besser macht, indem man irgendwo eine Hürde einbaut. Ich denke, dass man über ganz andere Sachen nachdenken müsste als über Zugangsbeschränkungen. Und dann geistern da auch noch so Zahlen herum, etwa dass der Zuzug zum Gymnasium auf ein Viertel beschränkt werden sollte. In Oberösterreich geht ein Viertel der Kinder ins Gymnasium. Also was soll man hier beschränken oder steuern? Da sind wir genau bei jener Maßzahl.

STANDARD: Ist so eine Maßzahl sinnvoll? Ein Argument ist ja auch immer: Es sitzen zu viele Kinder "falsch" im Gymnasium oder in der falschen Schule. Könnten Sie sagen, bei mir im Gymnasium sitzen so und so viele Kinder "falsch" da?

Zillner: Nein, das kann ich so überhaupt nicht sagen. Ich bin aber auch am Land. Die Schule, die ich leite, ist in einer Kleinstadt mit sehr viel ländlichem Zuzug. Vielleicht lebe ich hier auch in einer Insel der Seligen. Aber ich glaube nicht, dass in meiner Schule viele Kinder sitzen, wo man sagt, ihr sitzt völlig in der falschen Schule. Es gibt das schon. Ich möchte das nicht abstreiten, aber so, dass das eine gravierende Zahl wäre, ein Maß, wo man aufschreien müsste, das ist überhaupt nicht der Fall.

STANDARD: Haben Sie umgekehrt das Gefühl, dass Schüler, die vielleicht bei Ihnen im Gymnasium gut aufgehoben wären, so wie das Schulsystem jetzt organisiert ist, nicht zu Ihnen kommen, sondern in die Hauptschule oder die Neue Mittelschulen geschickt werden, eben weil die Eltern vielleicht "bildungsfern" sind und für ihr Kind höhere Bildung gar nicht in Erwägung ziehen, weil das außerhalb ihrer Lebenswelt liegt?

Zillner: Das ist sehr schwer zu beurteilen. Grundsätzlich kann ich als Direktor eines Realgymnasiums und eines Oberstufenrealgymnasiums (ORG) sagen, dass ich auch eine ganz nennenswerte Zahl von Schülern kriege, die zuerst den Weg über die Hauptschule oder die Neue Mittelschule genommen haben und dann zu mir in die 5. Klasse ORG kommen und dort blendend reüssieren. Ja, es gibt Kinder, die eigentlich mit zehn wahrscheinlich schon hätten ins Gymnasium gehen können, die kriege ich dann halt mit 14, aber das finde ich eigentlich nicht schlimm, sondern eher tröstlich. Das geht in der Debatte momentan völlig unter: die Durchlässigkeit des österreichischen Schulsystems. Die möchte ich schon einmal lobend erwähnen. Wenn man bedenkt, dass mehr als die Hälfte der Maturantinnen und Maturanten in Oberösterreich einen Bildungsweg zur Matura genommen haben, der nicht über das Gymnasium geführt hat, dann widerspricht das diesen gebetsmühlenartig vorgebrachten Argumenten der Selektion mit zehn Jahren völlig. Es gibt die Möglichkeit, zu höherer Bildung zu kommen, auch wenn man mit 10 Jahren noch nicht im Gymnasium war.

STANDARD: Die Gymnasien sind ja eine begehrte Verhandlungsmasse bei den Regierungsverhandlungen. Von ÖVP-Bildungschefverhandler Wilfried Haslauer, dem Salzburger Landeshauptmann, kam das "Angebot", nur die spezialisierten Gymnasien in der Langform zu erhalten und die anderen AHS-Unterstufen in Neue Mittelschulen umzuwandeln und das quasi als "gemeinsame Schule" zu verkaufen. Was halten Sie von dieser Idee?

Zillner: Es tut mir leid, das zu sagen, aber: Nichts. Ich halte den Zugang, der momentan in die Debatte immer wieder eingebracht wird, für grundfalsch. Es wird nicht darüber diskutiert, wie machen wir jene Schulen besser, wo wir Probleme haben, sondern die Diskussion reduziert sich auf die Frage: Wie schaffen wir jenen Schultyp ab, der eigentlich die besten Ergebnisse bringt. Die Gymnasien liefern viel viel bessere Ergebnisse. Man kann diskutieren, welchen Preis zahlen wir dafür in den anderen Schultypen, aber einfach durch das Abschaffen des Gymnasiums wird gar nichts besser, nichts. Ich nenne ein bildliches Beispiel: Der österreichische Fußball ist desolat. Niemand käme auf die Idee zu sagen, wir lösen Red Bull Salzburg auf, und damit wird der österreichische Fußball besser.

STANDARD: Warum braucht es aus Ihrer Sicht diese "klassische" Bildungsinstitution, die das achtjährige Gymnasium im Grunde ja ist?

Zillner: Ich glaube, dass jedes Kind wichtig ist, jedes Kind ist in irgendeiner Form begabt, und jedes Kind ist wertvoll, aber die Kinder sind nicht alle gleich. Es gibt verschiedene Entwicklungsstufen, Begabungen und Interessen, und es gibt Kinder, die entwickeln sich später, und manche früher. Deswegen bin ich dagegen, für alle immer das Gleiche anzubieten. Es gibt einfach Kinder, die sind mit zehn Jahren schon derart wissbegierig und in ihrer Entwicklung auch schon so weit, dass ich es für gut halte, dass es Schulformen wie ein Gymnasium gibt. Und es gibt Kinder, die brauchen mehr Zeit, denen man vielleicht aufgrund ihrer körperlichen Entwicklung die längeren Schulwege und das größere Schulgebäude nicht gut zumuten kann. Die sind vielleicht in einer kleineren Schule in einer näheren Umgebung, das ist halt dann eine Pflichtschule, besser aufgehoben. Da würde ich für alle Kinder verschiedene Angebote machen. Aber das Wichtige dabei ist, es muss möglich sein, von einem Typ in den anderen zu wechseln. Immer wieder und ganz leicht, mit Unterstützungspersonal, mit angeglichenen Lehrplänen, mit Übergangsphasen. Da fällt mir ein Rucksack voller Maßnahmen ein, die ich für zielführend halte.

STANDARD: Stichwort Durchlässigkeit: Wenn Sie sich Ihre Schule anschauen, wie oft ist es denn tatsächlich der Fall, dass jemand aufsteigt aus der Hauptschule? Ist nicht der umgekehrte Weg, der "Abstieg" vom Gymnasium in die Hauptschule, der viel häufigere Fall? Also dass diese Durchlässigkeit eher in eine Richtung geht.

Zillner: Ja, da müsste ich lügen oder mich der Realität verweigern, wenn ich das bestreiten würde. Ja, der Weg in die andere Richtung ist der häufigere, aber es gibt diesen Weg ins Gymnasium auch. Und da rede ich nicht nur von der Oberstufenform. Es gibt auch Schülerinnen und Schüler, die in die Langform des Gymnasiums übertreten, und auch die reüssieren. Aber natürlich müsste man diese Möglichkeiten viel breiter anbieten, etwa durch regelmäßige Gespräche und Beratungssituationen, von denen ich mehr halte als von Prüfungen. Man müsste immer wieder überlegen, ob sich ein Kind so entwickelt hat, dass es jetzt eigentlich in einer anderen Schule besser aufgehoben wäre, ob ein Wechsel nicht auch eine Variante wäre, ob der erste Weg vielleicht doch nicht ganz der richtige war. Da sollte man alle Hürden, die es gibt, abbauen.

STANDARD: In der Diskussion ist jetzt die "Potenzialanalyse" aufgetaucht. Kann man bei einem zehnjährigen Kind das Potenzial, das dieses Kind als Mensch, als Lernender, als Träger einer "Bildungskarriere" hat, ernsthaft einschätzen?

Zillner: Provokant geantwortet: Ja, ich glaube, das kann man – und zwar über die Volksschullehrerinnen und Volksschullehrer. Die haben das Kind jahrelang gekannt, und in sehr vielen Fällen bemühen sich diese Pädagoginnen und Pädagogen auch wirklich, eine Prognose zu stellen, wo das Kind am besten aufgehoben ist. Ich glaube, man müsste sie und ihre Expertise mehr schützen und nicht allen Angriffen ungeschützt aussetzen, damit die dann nur mehr Gefälligkeitsgutachten ausstellen. Aber die Volksschullehrerinnen und Volksschullehrer wissen schon, wie die Kinder sind, und sie haben auch sehr viel Erfahrung und Treffsicherheit. Das sollte man auch in irgendeiner Form beeinspruchen können. Das gibt es ja jetzt auch schon, wenn man die AHS-Reife nicht bekommt, kann man Aufnahmeprüfungen machen, aber meine Erfahrung zeigt, dass die Volksschullehrerinnen und Volksschullehrer in ihren Prognosen treffsicherer sind, als es viele Menschen wahrhaben möchten.

STANDARD: Was vermissen Sie sonst noch in der aktuellen bildungspolitischen Debatte?

Zillner: Das Wichtigste: Ich glaube einfach nicht, dass man das österreichische Schulsystem besser macht, wenn man einen ideologischen Richtungskampf und -krampf hinbiegt auf eine einzige Fragestellung – Gesamtschule oder nicht – und glaubt, dann ist alles gut. Aus der Diskussion vollkommen verschwunden ist zum Beispiel, dass die Schulen wesentlich mehr Unterstützungspersonal bräuchten. In allen erfolgreichen Schulsystemen gibt es Angebote, wo man tagsüber menschenwürdig bleiben kann, es gibt Krankenschwestern, Sozialarbeiter, Psychologinnen. Bei uns gibt es sie nicht einmal in der Diskussion. Nur ein Teil der Probleme der Kinder sind reine Lernprobleme.

STANDARD: Was würden Sie den Regierungsverhandlern raten, wenn Sie verhandeln müssten? Wo würden Sie im Schulbereich ansetzen?

Zillner: Ich würde die Parteipolitik aus allen Verhandlungen komplett rausschmeißen und echte Bildungsexperten suchen, und zwar nicht solche, die gleich wieder einem Lager zuzuordnen sind, auf deren Expertise hören und dann Schritt für Schritt versuchen, das Bildungssystem besser zu machen und zwar nicht einfach durch Abschaffen und Dazuschaffen und Verpflichten, sondern durch ein Maßnahmenpaket. Ich habe mehrere europäische Schulsysteme kennengelernt. Der Einfluss der Parteipolitik ist in kaum einem Land so dominant wie in Österreich. Die Schweiz, ein Land mit Gesamtschule, hat das fantastisch gemacht, die Parteipolitik zurückzudrängen. Oder nehmen wir die nächsten Nachbarn, die Bayern zum Beispiel, die haben ein gegliedertes System. Beide sind besser. Ich glaube nämlich, dass die Frage nach der Qualität des Systems völlig unabhängig ist von Gesamtschule oder gegliedertem System. Es braucht etwas anderes. Und ich würde mir vor allem wünschen, dass die Praktiker mehr zu Wort kommen und nicht ausschließlich Leute, die seit Jahrzehnten nicht mehr in Schulen gestanden sind. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 17.11.2013)

Wilhelm Zillner (57) ist Direktor des BRG/BORG Kirchdorf an der Krems in Oberösterreich und seit November 2010 Sprecher der AHS-Direktor/inn/en. Insgesamt gibt es in Österreich 341 Allgemeinbildende höhere Schulen (AHS). Er kandidierte für den Gemeinderat in Schlierbach für die ÖVP.

  • "Es gibt die Möglichkeit, zu höherer Bildung zu kommen, auch wenn man mit 10 Jahren noch nicht im Gymnasium war."
    foto: privat

    "Es gibt die Möglichkeit, zu höherer Bildung zu kommen, auch wenn man mit 10 Jahren noch nicht im Gymnasium war."

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