"Der Staatsanwalt hat genug, was mich entlastet"

17. November 2013, 18:58
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"Der Spiegel" veröffentlicht einen Text von Hildebrand Gurlitt - und sprach mit dessen Sohn Cornelius

Berlin - Hildebrand Gurlitt hat nicht behauptet, wie manche Medien berichteten, dass seine gesamte Sammlung beim Bombardement auf Dresden im Februar 1945 verbrannt ist: "Der Spiegel" veröffentlichte einen Text, den der Kunsthändler 1955 schrieb. Darin heißt es: "Ich fand die ausgelagerten Reste der Sammlung und besitze sie noch." Ein "anderer Teil" sei von den US-Amerikanern beschlagnahmt und ihm nach fünf Jahren zurückgegeben worden. "Ein dritter Teil" schließlich hätte, eingemauert in einer Wassermühle, den Krieg überdauert.

Ein Blatt des sechsseitigen Manuskripts, das im Stadtarchiv Düsseldorf aufbewahrt wird, fehlt leider. Doch schon vor dieser Lücke geht Gurlitt, ein Verteidiger der vom NS-Regime als "entartet" bezeichneten, modernen Kunst, auf seine Aktivitäten im Dritten Reich ein: "Sehr viele Bilder neuer Kunst gingen durch meine Hand. Sie kamen von den Malern, von emigrierenden Kunden und Freunden, von Menschen, die die Bilder aus Vorsicht lieber abstießen, aus dem großen Beschlagnahmedepot Niederschönhausen, wo man gegen dieselben Devisen, die zu besitzen mit Zuchthaus bestraft wurde, wenn man den Schneid dazu hatte, sehr schöne Bilder kaufen konnte. Was nicht gegen bare Devisen verkauft wurde, ich glaube, etwa 80.000 Kunstwerke, hat die SS verbrannt. Viele dieser Bilder konnte ich vor dem Untergang retten und großen Sammlern, z. B. Haubrich in Köln oder etwa die gesamte Nolde-Graphik dem Dr. Sprengel nach Hannover, weitergeben."

Längst sei er kein Kunsthändler mehr, schreibt Gurlitt: "Die 'Tausend Jahre' des Dritten Reichs waren mir genug." Er werde nichts von seiner Sammlung verkaufen, die ihm "nach so viel Fährnissen" unerwarteterweise wieder zugefallen sei, und sehe sie "nicht eigentlich als mein Eigentum an, sondern als eine Art Lehen, mit dem zu wirken mir aufgegeben ist". Dazu kam es nicht mehr: Hildebrand Gurlitt kam 1956 bei einem Autounfall ums Leben.

Neun Jahre später, 1967, starb dessen Ehefrau. Von da an lebte Sohn Cornelius Gurlitt, Ende Dezember 1932 geboren, mit den geerbten Bildern in München.

Am 28. Februar 2012 wurden die Kunstwerke, wie berichtet, von Zollfahndern beschlagnahmt; Gurlitt, dem Steuerhinterziehung zur Last gelegt wird, erhielt bis heute kein einziges Bild zurück, obwohl zumindest 310 Kunstwerke (von insgesamt 1280) unproblematische Provenienzen haben. Die Vorgangsweise der Behörden scheint nicht legitimiert zu sein: "Der Spiegel" spricht von "rechtsstaatlichem Expressionismus".

"Was ist das für ein Staat?"

Özlem Gezer, einer Redakteurin des Nachrichtenmagazins, gelang es zudem, Cornelius Gurlitt letzte Woche auf dessen Reise mit dem Zug zum Arzt nach Augsburg zu begleiten. Sein Vater, sagt Gurlitt, habe nie etwas von Privatpersonen gekauft, die Bilder kämen aus deutschen Museen (sie mussten die "entartete Kunst" entfernen) oder von Händlern. Er selbst hatte nie etwas mit der Anschaffung der Bilder zu tun, "nur mit der Rettung" - eben zum Beispiel in Dresden. Gezer beschreibt Gurlitt als weltfremden, herzkranken und gepflegten Mann. So wirkt er auch im Video, das sie auf www.spiegel.de veröffentlichte.

Im Gespräch fühlt sich Gurlitt an Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" erinnert; ihm scheint es auch wie Josef K. im Roman "Der Prozess" zu gehen. Er fragt sich, warum "die Fremden", die seine Wohnung stürmten, alle Bilder mitnahmen - und nicht nur jene, die sie prüfen wollen. Er ist entsetzt, seine Bilder in Zeitungen zu sehen: "Was ist das für ein Staat, der mein Privateigentum zeigt?"

Der Staatsanwalt habe ihm gesagt, dass er irgendwann die Anklageschrift bekomme, aber bisher sei nichts eingetroffen. Er, Gurlitt, habe ihm alle Unterlagen geschickt. "Ich verstehe nicht, warum der sich noch nicht bei mir gemeldet hat." Man verfolge ihn wie einen Mörder, die Behörden würden "alles falsch" darstellen: "Ich werde nicht mit denen reden, und freiwillig gebe ich nichts zurück, nein, nein. Der Staatsanwalt hat genug, was mich entlastet." (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 18.11.2013)

  • Sein Vater, sagt Gurlitt, habe nie etwas von Privatpersonen gekauft, die Bilder kämen aus deutschen Museen oder von Händlern.
    foto: reuters/dominic ebenbichler

    Sein Vater, sagt Gurlitt, habe nie etwas von Privatpersonen gekauft, die Bilder kämen aus deutschen Museen oder von Händlern.

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