Unter ÖVP-Bildungsmuftis

Kommentar der anderen15. November 2013, 18:58
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Während die SPÖ verbotene Früchte ablehnt, schrammt die ÖVP an jedem Randstein der Bildungsdebatte entlang, den sie finden kann

Vor mehr als dreißig Jahren hatte ich eine Wohnung in einer neuen Wohnanlage bezogen. Mit einer kleinen Tiefgarage. Noch heute amüsieren sich meine Kinder und ich über einen Nachbarn, der das Kunststück zuwege gebracht hat, sich bei seiner ersten Ausfahrt am Garagentor sowohl den linken als auch den rechten Außenspiegel wegzuschrammen. Ich hätte mir nie im Entferntesten träumen lassen, dass meine Partei gerade dabei ist, dieses Kunststück zu wiederholen und sich in Sachen Schulreform mit einem Vorschlag nicht nur beide Außenspiegel zu zertrümmern, sondern die linke und die rechte Seite noch dazu. Nur amüsieren tue ich mich dabei nicht.

Ich bin Befürworter des Gymnasiums in seiner derzeitigen Form bei gleichzeitig massivem Ausbau der Ganztagsschule und einer ebenso massiven Frühförderung von Kindern aus benachteiligten Schichten. Was in den ersten zehn Jahren versäumt wird, ist in den anschließenden vier nicht aufzuholen! Dabei habe ich aber immer anerkannt, dass es Argumente für die Gesamtschule gibt, die man nicht mit der Killerphrase "Eintopfschule" abtun kann. Sie funktioniert ja auch in manchen europäischen Ländern sehr gut.

Nun ist das Gymnasium für die SPÖ so etwas wie eine verbotene Frucht. Dem Salzburger Landeshauptmann als ÖVP-Verhandlungsführer ist natürlich klar gewesen, dass ein Verbot mit der ÖVP nicht zu machen ist. Da hat sich ein idealer Ausweg geboten: Nicht abschaffen, sondern ausdörren! Daher zunächst sein pädagogisch nicht zu begründender Vorschlag, das Gymnasium nur mehr für Schüler mit seltenen und ganz speziellen Neigungen (Musik und Altgriechisch) beizubehalten. Nachdem es auch das mit der ÖVP nicht gespielt hat, hat das Verhandlungsteam eine neue Form der Fruchtpflege entwickelt: Nicht ausreißen oder ausdörren, sondern die Früchte einfach höher hängen. Da beginnt die parteipolitische (linker Spiegel) und die noch viel wichtigere bildungspolitische und pädagogische (rechter Spiegel) Beschädigung.

Geschickter Schachzug?

Es sieht ja auf den ersten Blick wie ein geschickter Schachzug der ÖVP aus, der SPÖ das Angebot zu machen, die Gymnasiastenzahl auf dreißig Prozent zu beschränken. Ändert sich doch nichts gegenüber dem Status quo. Derzeit besucht österreichweit auch nur ein Drittel der Schüler eine AHS. Die Verhandler aus den Bundesländern mögen nur bitte einmal daran denken, was die Eltern in Hietzing und Döbling, die es bis jetzt gewohnt sind, achtzig Prozent ihrer Sprösslinge in ein Gymnasium zu schicken, von so einem Numerus clausus halten würden.

Das ist ja, als wollte die SPÖ die Anhebung des Pensionsalters für ÖBB-ler auf 67 vorschlagen! Ja, aber dafür soll auch die SPÖ im Gegenzug über ihren Schatten springen und einem Selektionsverfahren zustimmen. Und da man auch in der ÖVP aus guten Gründen gegen eine Aufnahmeprüfung ist, soll an ihre Stelle eine Potenzialanalyse treten. Womit man sich gleich den rechten Spiegel abrasiert.

Ich bin der Sohn eines Lehrers, familiär von Lehrern geradezu umzingelt und selbst dreifacher Schülervater gewesen. Ich nehme für mich in Anspruch, über das Repertoire an Manipulations- und Druckmöglichkeiten, über das entschlossene Eltern verfügen, so gut Bescheid zu wissen wie ein Landesschulratspräsident. Und von meinem Zivilberuf her weiß ich, dass das Erstellen von Prognosen über das zukünftige Potenzial von Mitarbeitern zu den schwierigsten Aufgaben von Führungskräften zählt. Wenn Lehrer schon bei der Notengebung unter großem Druck sind, wie viel größer wäre der dann, wenn es um die Einschätzung des Potenzials geht.

Schüler in Ballungsräumen mit hohem Migrantenanteil hinken im statistischen Mittel anderen Schülerpopulationen leistungsmäßig hinterher. Ein durchschnittlicher vierzehnjähriger Berliner Schüler hat den Wissensstand eines bayrischen Zwölfjährigen. Von der Tendenz her wird das in Österreich nicht anders sein. Dürfen daher in Wien auch dreißig Prozent der Schüler ins Gymnasium oder müssen sie von dieser Quote etwas an Zell am See oder Vöcklabruck abgeben?

Es geht nicht an, dass ein Land den Zugang zu einer öffentlichen Schule zahlenmäßig par ordre du mufti beschränkt. Nichts wäre einzuwenden gegen ein Auswahlverfahren, das über das Notenkriterium hinausgeht, wenn sich darüber ein politischer und pädagogischer Konsens erzielen ließe. Aber der ist aus mehrheitlich guten Gründen nicht in Sicht. Damit ist der bisherigen ÖVP-Verhandlungsposition die Geschäftsgrundlage entzogen. Jetzt bin ich doch wieder amüsiert (Bernhard Görg, DER STANDARD, 16.11.2013)

BERNHARD GÖRG (71) war Personalmanager bei IBM, Landesobmann der ÖVP und Vizebürgermeister in Wien.

  • Bernhard Görg: Die ÖVP beschädigt sich selbst.
    foto: standard/fischer

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  • Bildung, ein Menschenrecht? Mag sein. Aber eines, das Parteien und Gewerkschafter zuteilen.
    foto: standard/cremer

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