"Die Raumstation ist kein Luftschloss, sondern eher ein Zeltlager"

17. November 2013, 16:32
85 Postings

Geringer Komfort, gigantische Aussicht und eine unsichere Zukunft: Die Internationale Raumstation feiert Jubiläum

Washington/Moskau - Die Zukunft der Internationalen Raumstation, die in diesen Tagen ihren 15. Geburtstag feiert, steht in den Sternen. Die europäischen Teilhaber würden gerne die aufstrebende und finanzstarke Raumfahrtmacht China ins Boot holen, doch scheitert dies vor allem am Widerstand der USA und Russlands. China arbeitet derweil Pläne für eine eigene Weltraumstation aus.

Internationales Projekt

Die ISS kann indes auf eine respektable Geschichte zurückblicken. Der "Grundstein" wurde am 20. November 1998 gelegt, als eine russische Proton-Rakete das erste Bauteil ins All brachte. Zwei Wochen später befestigte dann eine Space-Shuttle-Crew ein US-Modul an dem russischen Segment. Seit 2000 ist die Station ständig besetzt.

Gut ein Dutzend Nationen - neben den USA und Russland vor allem Europäer sowie Japan und Kanada - beteiligten sich an der ISS. Die meisten Bauteile stammen aus Russland und den USA, aber mit dem in Bremen und Turin gebauten Columbus-Labor erhielt das "Haus im Orbit" 2008 auch ein "europäisches Zimmer".

Abstriche bei der Ausstattung

Mit rund 28.000 km/h rast der 450-Tonnen-Koloss in etwa 90 Minuten einmal um den Erdball. Raumfahrer schwärmen von dem Blick aus rund 400 Kilometern Höhe auf unseren Planeten. Nachts funkeln Megastädte, tagsüber glitzern Ozeane.

Aber abgesehen von dieser Aussicht sei die ISS alles andere als eine schwebende Traumherberge, erzählt der Kosmonaut Pawel Winogradow. Bei schlechter Luft und bescheidenem Essen lebe die außerirdische Wohngemeinschaft fast ohne Privatsphäre zwischen Computern und Kabeln. "Die Raumstation ist kein Luftschloss, sondern eher ein Zeltlager", sagt auch der US-Astronaut Chris Cassidy. Mit entsprechend begrenztem Komfort: Dusche gibt es in der Schwerelosigkeit keine, stattdessen ist Katzenwäsche mit feuchten Tüchern angesagt.

Kosten, Nutzen und Visionen

Von Beginn an gab es auch Kritik an der Raumstation. Die Gesamtkosten von mehr als 100 Milliarden Euro stünden in keinem Verhältnis zum Nutzen, meinen ISS-Gegner. Keines der bisher mehr als 1.200 Experimente auf der Station habe Bahnbrechendes zutage gefördert, behaupten sie. Schlagzeilen mache die Station nur mit singenden Astronauten, defekten Toiletten oder als Kulisse für Hollywood-Filme wie das aktuelle Weltraum-Abenteuer "Gravity".

Der Vorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Johann-Dietrich Wörner, widerspricht dem. "Fernsehen, Kommunikation, Wettervorhersage - das alles wäre nicht möglich ohne Raumfahrttechnik." Auch die Ergebnisse der Medizinforschung in der Schwerelosigkeit, etwa über den Kreislauf und den Salzhaushalt, würden auf der Erde genutzt. Der DLR-Chef sieht die Raumfahrt auch als Ausdruck menschlicher Neugier. "Im Weltall warten noch viele Geheimnisse auf uns. Wir verstehen noch nicht einmal fünf Prozent von dem, was da draußen ist", meint Wörner.

Symbol der Völkerverständigung

Vielleicht sei die politische Dimension der ISS bedeutender als ihre wissenschaftliche, schreibt die Moskauer Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta". Nach dem kosmischen Wettlauf zwischen der Sowjetunion und den USA im Kalten Krieg sei die Raumstation heute auch ein Symbol der Völkerverständigung. "Das Gemeinschaftsprojekt ISS ist eine Art UNO im Kosmos", sagte der vor einem Jahr gestorbene deutschstämmige NASA-Manager Jesco von Puttkamer einst.

Bis 2020 haben die Raumfahrtbehörden den Betrieb der ISS vereinbart. Für die Zeit danach fehlt noch Geld. Auch deswegen schlagen die Europäer vor, China an der ISS zu beteiligen. Die USA und Russland sind jedoch skeptisch. Für sie hat Raumfahrt auch eine militärische Komponente, daher wollen sie sich von China nicht in die Karten schauen lassen. Zudem bezweifeln Experten, dass Peking seine eigenen Pläne fallen lässt, um eine alternde ISS mitzufinanzieren. (APA/red, derStandard.at, 17. 11. 2013)

  • Außenansicht der ISS, aufgenommen von Bord eines der mittlerweile eingemotteten Space-Shuttles. Draußen endlose Weiten ... drinnen macht man sich besser nicht allzu breit, wie 2001 auch der erste Weltraumtourist Dennis Tito (links unten mit Ball) feststellte.
    foto: reuters/nasa

    Außenansicht der ISS, aufgenommen von Bord eines der mittlerweile eingemotteten Space-Shuttles. Draußen endlose Weiten ... drinnen macht man sich besser nicht allzu breit, wie 2001 auch der erste Weltraumtourist Dennis Tito (links unten mit Ball) feststellte.

  • Artikelbild
    foto: reuters/nasa
Share if you care.