Cooles Seminar mit Puritanern

15. November 2013, 17:49
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Strutzenberger-Uraufführung im Wiener Schauspielhaus

Wien - Das Leben der US-Dichterin Emily Dickinson (1830-1886), Gegenstand von Thiemo Strutzenbergers Queen Recluse, ist ein Rätsel. Dickinson war scheu. Sie lebte zurückgezogen in Amhurst (Massachusetts). Man denkt an das Rauschen dichter Baumkronen, an das Knarren steiler Holzstiegen, an Puritaner mit Backenbärten. Die Menschen in ihrer Umgebung sprühten vor Leder. Keine besonders anregende Gesellschaft für eine Empfindsame.

Ihrer bewusst herbeigeführten Einsamkeit trotzte Dickinson eine Flut von Gedichten ab. Emilys Texte sind nervöse Gebilde, in denen sie zu unerhört neuen Formen der Gedankenverknüpfung findet. In der tiefsten Provinz begibt sich das Wunder der Moderne. Andere Frauen in Dickinsons Position - ihr Vater war Kongressabgeordneter - hätten Früchte eingelegt und Plätzchen gebacken. Mehr Selbstverwirklichung sah der Puritanismus für aufgeweckte junge Damen nicht vor.

Die Autorin, Heldin der faszinierenden Szenenfolge Queen Recluse im Wiener Schauspielhaus, legte den Finger auf metaphysische Wunden. Ihre ungemein knappen Gedichte bemühen Gott und die Welt, das Tot-Sein und das Schweigen. Thiemo Strutzenbergers szenischer Essay legt eine tolle Volte hin. Nichts wäre einfacher, als das Los der leutscheuen Emily melodramatisch zu beklagen. Strutzenberger, im Hauptberuf Schauspieler (ein famoser obendrein), stellt Dickinson jedoch vom Kopf auf die Füße.

Sein Stück passt auf eine kleine Spielfläche im "Nachbarhaus" des Schauspielhauses. Die Lebensmenschen Dickinsons bevölkern ein Podest aus Parkettfliesen, das von Transparentvorhängen umschmeichelt wird (Ausstattung: Christian Tabakoff).

Zu Anfang wähnt man sich auf einer Messe für Inneneinrichtung. Anstatt den Figuren allerlei Einfühlsames in den Mund zu legen, füttert Strutzenberger sie mit Theorie. Es geht um Fragen der Repräsentation, um die Besetzung des öffentlichen wie des Privatraums. Anwesend sind Emily (Barbara Horvath), deren Schwägerin (Myriam Schröder), ihr Bruder, ein rechtschaffener Anwalt (Gideon Maoz). Ein Literaturkritiker namens Higginson (Steffen Höld) umkreist das Dickinson'sche Anwesen wie ein Habicht.

Die historische Dickinson verkroch sich. Die rekonstruierte in Queen Recluse bleibt jederzeit sichtbar. Das Stück versammelt alle Hauptpersonen aus Dickinsons Leben. Nur sind die Figuren niemals Gegenstand einer Illusion. Sie verkaufen keine Fabel, sondern die modernen Einsichten der Semiotik. Sie sprechen wie Menschen, die gerade ein Judith-Butler-Seminar besucht haben.

Sie wälzen Gedanken zu Weiblichkeit, "Territorialität" und Besitz. Das Bild, das wir uns von der historischen Dickinson machen, ist bestimmt von den Vorurteilen einer (männlichen bestimmten) Geschichtsschreibung. Was wie eine verkopfte Turnübung wirken könnte, ist dank der hervorragenden Schauspieler (Regie: Martin Schmiederer) ein leichtfüßiges Gedankenstück. Eine Art Über-Jelinek. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 16.11.2013)

  • Zu Hause bei der Familie Dickinson: M. Schröder, B. Horvath (verdeckt) und S. Höld.
    foto: pelekanos

    Zu Hause bei der Familie Dickinson: M. Schröder, B. Horvath (verdeckt) und S. Höld.

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