"Ein Arbeitsplatz muss sinnstiftend sein"

Interview16. November 2013, 15:00
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Wie eine ganze Region mit alternativer Ökonomie, Kreativität und Solidarabgaben gewinnen kann, erläutern Erwin Stubenschrott und Fery Berger

STANDARD: Herr Stubenschrott, Sie sind Chef einer sozial orientierten Biotechnologiefirma. Berührt Sie die Debatte ums Budgetloch?

Stubenschrott: Also wenn wir so arbeiten würden wie die Politiker, wären wir schon im Konkurs. Als Unternehmer bin ich ja haftbar, Politiker aber nicht. Außerdem bräuchte man in der Politik wie in einem Unternehmen eine gewisse Fachkompetenz. Zuerst Infrastrukturminister, dann Innenminister, dann vielleicht Bildungsminister: Das würde in der Privatwirtschaft nie funktionieren. Kein Politiker sollte ein Amt ausüben, das er nicht aus der Praxis kennt.

Berger: Wenn die Regierung nichts vom Budgetloch gewusst hat, wäre es traurig, und wenn sie es gewusst hat, hat sie gelogen. Als Unternehmer hast jedenfalls eine fahrlässige Krida und gehst sitzen.

STANDARD: Solidarität zieht sich als Motto durch alle Ihre Initiativen.

Berger: Wir blicken schon auf acht Jahre Solidarregion Weiz zurück. Zuerst führten wir ein Solidarsparbuch und einen Solidarkredit ein. Es ist uns damals gelungen, zwei Banken dazu zu gewinnen. Die verzichteten auf die Bankenspanne und Sparer auf einen Prozentpunkt am Sparbuch. Mit den Geldern konnten Kredite an Unternehmer, die über 50-Jährige einstellen, vergeben werden. Das zweite Projekt: Wir zeichnen Solidarbetriebe aus, die sich besonders um ökologisches wie menschliches Handeln bemühen. Aber das geht jetzt in Richtung Gemeinwohlökonomie über.

Stubenschrott: Die Gemeinwohlökonomie ist eine Weitentwicklung der ökosozialen Marktwirtschaft. Das jetzige System hat zwei Ausrichtungen: Konkurrenz und die Gewinnmaximierung. Gemeinwohlökonomie geht in Richtung Kooperation und Gemeinwohl. Alle Leistungen werden nicht nur in der Bilanz gemessen, sondern an Gemeinwohlkriterien. Die Betriebe werden in diese Richtung bewertet. Ausbeutung ist Beispiel eine negative Bewertung. Je positiver so eine Bilanz ausfällt, desto größer soll der Vorteil für Wirtschaftsbetriebe sein, etwa in Form von Zugängen zu öffentlichen Aufträgen, oder in Form von Steuererleichterungen.

STANDARD: Wie viele Betriebe sind schon "Gemeinwohl-Betriebe"?

Stubenschrott: In Österreich 1400 Betriebe. Wir haben auch viele Tausende Unterstützer. Die Bewegung zieht sich über Europa bis nach Südamerika. Es ist ein guter Ansatz, vor allem in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.

Berger: Das Ganze wird mit der Zeit in das Bewusstsein der Menschen einsickern. Immer mehr kaufen bei Gemeinwohlbetrieben ein. Erwin ist da absolut Pionier. Einer der größten Biomassebetriebe. Er ist heuer Entrepreneur of the Year - die letzte der 40 oder 50 Auszeichnungen.

Stubenschrott: Ich hab eigentlich Stahlbauschlosser gelernt und war in der Verstaatlichten Industrie. Ich habe mir gesagt, ich möchte es anders machen. Ich bin anfangs nicht ernst genommen worden mit der Idee der Gemeinwohlökonomie. Alle haben gesagt, mit einem Sozialbetrieb, bist eh gleich tot. Dann hab ich mir überlegt: Ich muss das Modell an Zahlen, Daten, Fakten festmachen. Ich habe verglichen: Wir sind mit unserer Philosophie wesentlich besser unterwegs als die gesamte Branche. Wir haben eine Fluktuation unter vier Prozent, fast keine Krankenstände. Die Leute sind kreativ und innovativ. Mein oberstes Ziel ist: Ein Arbeitsplatz muss sinnstiftend sein.

STANDARD: Was passiert mit dem Gewinn des Unternehmens?

Stubenschrott: Er wurde zu 90 Prozent reinvestiert, wir hatten die letzten 19 Jahre, fast keine Ausschüttungen. 10 Prozent des jährlichen Umsatzes gingen in Forschung und Entwicklung. Wir haben Sozialfonds gegründet. Wenn was ausgeschüttet wird, gibt es automatisch einen Betrag in einen Topf für Sozialfälle, der von den Mitarbeitern mitverwaltet wird.

Berger: Durch Erwin ist die ganze Region schon sehr weit. Jetzt hat sich auch die Stadtgemeinde Weiz bereit erklärt, als Gemeinwohlbetrieb einzusteigen. Das ist eine Sensation.

STANDARD: Die übliche Reaktion auf Krisen heißt Personalabbau. Wie war das in ihrem Betrieb?

Stubenschrott: Wir sagten: Die erste Ebene verzichtet auf 15 Prozent Gehalt, die zweite Führungsebene auf zehn und die dritte, wenn sie kann, auf acht. Der Rest der Belegschaft wird nicht angegriffen.

STANDARD: Ein Modell für Politiker?

Berger: Faymann und Spindelegger müssten jetzt eigentlich eine Pressekonferenz geben und sagen, sie verzichten in den nächsten fünf Jahren auf 20 Prozent ihrer Gage.

STANDARD: Ihre Modellversuche passieren praktisch ohne Politik?

Berger: Aber mit dem Versuch, die Politik zu integrieren. Wir haben alle Bürgermeister des Bezirkes Weiz zu überzeugt, einen Solidar-Euro für Projekte in Brasilien und Sozialfonds einzuführen.

STANDARD: Ist die Solidarregion Gegenentwurf zur Globalisierung?

Berger: Die Grundidee kam uns 2005, als die VA Tech privatisiert und verkauft wurde. Wir suchten Zusammenhalt. Wir konnten uns von der Globalisierung nicht abkoppeln, aber als Region ökologisch, wirtschaftlich und sozial reagieren. Das war die Grundidee.

STANDARD: Kann Politik Solidarität verordnen?

Berger: Verordnen wäre eh falsch. Aber der Staat hat die verdammte Pflicht zu schauen, dass es Rahmenbedingungen für ein gerechtes Zusammenleben gibt.

STANDARD: Wie stehen sie zu Vermögenssteuern?

Stubenschrott: Man müsste sich das natürlich genau anschauen, aber vom Gedanken her wäre das eine sinnvolle Sache. Die, die es sich leisten können, sollen auch einen größeren Beitrag leisten. Ich finde es ja schäbig, wie sich manche Konzerne über Gruppenbesteuerung davonstehlen und mit der Abwanderung und dem Verlust von Arbeitskräften drohen, um möglichst wenig zu bezahlen.

STANDARD: Was könnte die Bundespolitik von Ihrer Region lernen?

Berger: Jede Region kann es probieren. Dass es funktioniert, zeigt die Weizer Statistik. Wir haben die viertgeringste Arbeitslosigkeit in Österreich. Es gibt viel weniger Abwanderung aus dem Bezirk.

Stubenschrott: Wir könnten Faymann und Spindelegger abermals sagen, dass sich Österreich selbst energetisch versorgen könnte. 2012 haben wir 17,4 Milliarden Euro für fossile und atomare Energieimporte ausgegeben. Der Energieverbrauch ist seit 2002 um 30 Prozent gestiegen, aber die Kosten für fossile und atomare Importe um über 500 Prozent. Dabei hätten wir mit erneuerbaren Energien eine Riesenchance. Das wäre sofort durchsetzbar. Österreich verfügt über Spitzentechnologie. Wir haben bei Bioenergie Riesenexportchancen. Arbeitslätze könnten sich verdoppeln.

STANDARD: Warum passiert das nicht?

Stubenschrott: Wir waren bei Spindelegger, Berlakovich und Mitterlehner. Sie zeigten Interesse und sagten, das müssten sie sich unbedingt anschauen. Ich weiß, als wir rausgingen, landeten die Unterlagen in den runden Ablagen. Die Interessengruppen, die Atom- und die Fossillobby sind einfach zu groß. Wir wollten die Ökorichtlinien in Brüssel mitgestalten. Wir haben es als Brache in Österreich gerade mal geschafft, eine Person als Vertretung zu positionieren, die Gaslobby hat 300 Leute draußen sitzen. Damit ist die Sache klar.

Berger: Spindelegger und Faymann sollen wirklich in die Region kommen und schauen, was die Zivilgesellschaft zustande bringt, was an Kapazitäten in unserem Land vorhanden ist. Sie könnten herfahren, zuhören und versuchen, anders zu denken. (Colette M. Schmidt, Walter Müller, DER STANDARD, 16.11.2013)

 

FERY BERGER (52) ist Theologe der interreligiösen Bewegung Way of Hope.

ERWIN STUBENSCHROTT (58) ist Geschäftsführer des Biomasseheizungsunternehmens KWB. Wie Berger ist er Mitinitiator der Solidarregion Weiz und der Initiative Gemeinwohl-Ökonomie.

  • Wären Politiker Unternehmer, würde ihnen eine fahrlässige Krida drohen, sagen Erwin Stubenschrott (li.) und Fery Berger.

    Wären Politiker Unternehmer, würde ihnen eine fahrlässige Krida drohen, sagen Erwin Stubenschrott (li.) und Fery Berger.

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