Interview: Höhere Levels und Missionen für "Ingress" kommen

Interview16. November 2013, 09:00
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Niantic-Vertreterin Anne Beuttenmüller: "Wir sehen alles, was in der Community passiert"

Seit einem Jahr begeistert das mobile Augmented-Reality-Game "Ingress" nunmehr Spieler rund um die Welt. Auch in Wien findet die Mischung aus Geocaching und Rollenspiel regen Anklang, diesen Samstag treten die beiden rivalisierenden Fraktionen "Resistance" (blau) und "Enlightened" (grün) erstmals im Rahmen des offiziellen Events "13Magnus" gegeneinander an. Entwickelt wird das Game vom Google-internen Startup Niantic Project. Der GameStandard hat die Europa-Repräsentantin Anne Beuttenmüller zu einem ausführlichen Interview getroffen.

Vom Nebenprojekt zur Hauptaufgabe

"Wir sind ein kleines Team", antwortet Beuttenmüller auf die Frage, wie viele Leute bei Niantic arbeiten und sich um "Ingress" kümmern. Genaue Zahlen gibt man jedoch nicht heraus. Sie selbst ist seit sechs Jahren bei Google und fand kurz nach dem Start des Spiels zu Niantic. Sie war zu Anfang als reine Nebenaufgabe damit betraut, Aktivierungscodes auf Google+ für kreative Einreichungen auszugeben.

"Es war echt toll, was Nutzer gemacht haben – vom Einrasieren des Logos in die Frisur bis hin zum Stricken von Sachen", erzählt sie. Seit Juni ist sie nun hauptamtlich bei Niantic tätig und betreut Europa noch im Alleingang. Sie hofft allerdings, dass das Team bald aufgestockt wird. Ihre Arbeit als "Product Marketing Manager" umfasst, so sagt sie, zu 70 bis 80 Prozent Communitybetreuung und daneben auch noch die Arbeit mit Presse und Partnern. Dementsprechend bekannt ist sie unter den "Ingress"-Spielern, die vor allem auf Google+ immer wieder neue Featurewünsche, Ideen und Kritik an Niantic herantragen.

Keine Toleranz für IITC und Co.

Für Aufregung sorgte zuletzt ein Statement der Entwickler, die in einem knappen Posting erneut darauf hinwiesen, dass die Nutzung modifizierter "Ingress"-Clients oder alternativer Versionen der offiziellen "Intel-Map" (auf dieser ist der aktuelle Portal-Stand einsehbar) gegen die Nutzungsbedingungen verstößt und Konsequenzen haben kann.

Besonderer Beliebtheit erfreut sich die "Ingress Intel Total Conversion", kurz "IITC", eine Sammlung an Browser-Skripten, die die offizielle Portalkarte mit einer Vielzahl an Funktionen erweitert und die Einbindung eigener Plugins ermöglicht und auch schon für Planungen von Aktionen herangezogen wurde, die letztlich auf der offiziellen "Ingress"-Seite oder im wöchentlich erscheinenden "Ingress"-Videoreport vorgestellt wurden.

An der Botschaft hat sich nichts geändert, hält Beuttenmüller fest. Wer diese Tools verwendet, kann von Niantic bestraft werden – die Bandbreite reicht von Verwarnungen über temporäre Sperren bis hin zur Rücksetzung oder Löschung des Spielerkontos. Man hat sich allerdings das Ziel gesetzt, die Plattform, auf welcher das Spiel läuft, nächstes Jahr zu öffnen und Entwicklern zu erlauben, auf Basis der Infrastruktur eigene Spielideen umzusetzen. Gleichzeitig, betont sie, arbeitet man freilich auch am Ausbau der offiziellen Intel-Map weiter.

"Wir haben unsere eigene Zeitleiste"

Was neue Features und Spielinhalte angeht, gibt sich die Niantic-Mitarbeiterin gegenüber dem GameStandard verdeckt. Dass man nichts zu kommenden Neuerungen verrät, hat allerdings einen Grund. "Das gibt uns gewisse Freiheiten, schnell etwas zu ändern oder unsere Prioritäten zu verschieben. Daher sind wir zaghaft, was Ankündigungen angeht", sagt sie.

Diese Vorgehensweise wird von vielen Spielern kritisiert. So wünschte sich die Community schon seit vergangenem Jahr eine Übersicht für das Inventar, eingeführt wurde diese jedoch erst Anfang November. "Fast alle Features, die wir eingeführt haben, basieren auf Spielerfeedback", fügt Beuttenmüller hinzu. "Wir haben aber unsere eigene Zeitleiste."

Höhere Levels, Missionen und Lokalisierung in Arbeit

Zwei kommende Neuerungen bestätigte sie dem GameStandard allerdings. Es ist definitiv geplant, Missionen einzuführen und die Levelgrenze – derzeit kann jeder Spieler maximal Level 8 erreichen – anzuheben.

Sind die existierenden Stufen rein durch das Sammeln von Erfahrungspunkten (im Spiel "AP" genannt) zu erreichen, sollen künftige Aufstiege mit anderen Elementen verknüpft werden – unter anderem den Missionen. Wann diese Erweiterungen eingeführt werden, bleibt freilich vorerst das Geheimnis von Niantic.

Eine andere Baustelle sind Lokalisierungen. Spiel und Hintergrundgeschichte sind aktuell nur in englischer Sprache verfügbar. Das soll aber nicht so bleiben. An Übersetzungen wird gearbeitet, in einem ersten Schritt wurden offizielle Videoclips zur Story und der "Ingress Report" mit zuschaltbaren Untertiteln versehen.

"Sehen alles, was in den Communities passiert"

Schon länger hält sich in der "Ingress"-Gemeinde das Gerücht, dass sich zu den Enlightened und der Resistance noch eine dritte Fraktion gesellen soll. Die Idee war auch bei Niantic schon Thema. "Wir sehen alles, was in den Communities passiert", erklärt Beuttenmüller. Dementsprechend sind dem Team die Diskussionen und Memes zu dem Thema nicht entgangen. "Es gibt sogar schon Spekulationen zu einer vierten Fraktion", erzählt die Europa-Beauftragte schmunzelnd, ohne etwas über die Pläne von Niantic preiszugeben.

Flexible Story

Die Hintergrundgeschichte von "Ingress", rund um eine geheimnisvolle Energie und den Umgang mit ihr, erfährt eine dynamische Entwicklung. Diese hängt auch davon ab, welche Partei Events wie 13Magnus für sich entscheidet. Im Groben ist bereits festgelegt, was geschieht, wenn eine bestimmte Fraktion als Sieger hervorgeht. "Wir sind aber sehr flexibel und offen", sagt Beuttenmüller.

"Wir lassen die Spieler oft mitspielen, geben Hinweise und schaun was die Spieler mit den Hinweisen machen und versuchen dann, darauf zu reagieren." Auch die Gewinner von 13Magnus in Wien werden handlungsrelevante Gegenstände bzw. Dokumente erhalten.

Von Arbeitsportalen und einem "Care-Paket"

Anne Beuttenmüller betreut nicht nur die "Ingress"-Community, sondern ist auch selbst unter dem Nick "Anne" für die Resistance aktiv. Zeit zum Spielen bleibt ihr selten, zuletzt konnte sie im Urlaub gemeinsam mit ihrem Mann etwas mehr Zeit auf Portaljagd verbringen. Ansonsten spielt sie auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz bei Google in Hamburg und packt auch auf Reisen zwischendurch den "Scanner" (so das offizielle Wording für die "Ingress"-App) aus.

Ein Portal findet sich freilich auch bei ihrem Hamburger Büro. Und dieses war bereits einmal Ziel einer besonderen Aktion der lokalen Enlightened-Gemeinde. Diese stellte dort zu Anfang des Jahres das erste Level-8-Portal auf und hinterlegte ein "Care-Paket" für Beuttenmüller mit einem weinenden Schlumpf – "Schlümpfe" ist der international etablierte "Kosename" für die Resistance, während die Enlightened gerne als "Frösche" betitelt werden – und den Unterschriften der beteiligten Spieler. Beigelegt waren eine Baby-Windel und eine Tafel Schokolade. "Das war sehr süß", erzählt sie lachend.

Kein Fraktionswechsel geplant

Dass Beuttenmüller sich zum Widerstand zählt und nicht den Erleuchteten beigetreten ist, hat, wie sie sagt, "pragmatische Gründe". Denn ihre Arbeitskollegen hatten auch zu spielen begonnen und sich für die Enlightened entschieden. "Ich habe mir dann gedacht, das macht ja keinen Spaß, wenn alle grün sind", verrät sie. "Also habe ich blau gewählt." Ein Wechsel war für sie noch kein Thema und kommt auch aus beziehungstechnischen Gründen nicht in Frage. "Ich glaube, mein Mann würde sich scheiden lassen, wenn ich plötzlich grün wäre", meint sie augenzwinkernd.

"Ingress" für Glass als Fernziel

Als Google-Mitarbeiterin gehört Beuttenmüller zu den wenigen Europäern, die mit Googles Datenbrille "Glass" experimentieren dürfen. Auch diese Plattform hat Relevanz für Niantic, die bereits für den virtuellen Städteführer "Field Trip" eine Glass-App entwickelt haben. Man sei auch "sehr interessiert daran", "Ingress" früher oder später dafür umzusetzen.

Derzeit ist das Game ausschließlich für Android verfügbar, 2014 sollen aber auch iOS-Nutzer erstmals in die Spielwelt eintauchen können. (Georg Pichler, derStandard.at, 15.11.2013)

Anmerkung: Der Autor spielt unter dem Nick peorg als Enlightened-Agent in Wien.

Follow this link to find the English translation of the interview above.

  • Anne Beutenmüller ist unter dem Nicknamen "Anne" selber als Spielerin aktiv. Zur Resistance hat es sie aus "pragmatischen Gründen" verschlagen.
    foto: derstandard.at/pichler

    Anne Beutenmüller ist unter dem Nicknamen "Anne" selber als Spielerin aktiv. Zur Resistance hat es sie aus "pragmatischen Gründen" verschlagen.

  • GameStandard-Redakteur Georg Pichler im "interfraktionären" Gespräch mit Anne Beuttenmüller.
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    foto: derstandard.at

    GameStandard-Redakteur Georg Pichler im "interfraktionären" Gespräch mit Anne Beuttenmüller.

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