Gummistiefel und Donnerhose

15. November 2013, 17:23
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Das Wiener Kinderfilmfestival begeht seine 25. Ausgabe gewohnt vielfältig. Neben aktuellen internationalen Produktionen und Reprisen ausgewählter Publikumslieblinge wird die Geschichte von Kindern im Kino auch filmisch erzählt

Wien - Ein kleiner Bub angelt sich im grauen Nachkriegs-Paris einen leuchtend roten Luftballon von einer Gartenmauer (Der rote Ballon). Eine jugendliche Zeitungsverkäuferin auf Krücken träumt sich in Dakar in ein knallgelbes Kleid und eine beschwingte Tanzeinlage (Das Mädchen, das die Sonne verkaufte). Brüderchen und Schwesterchen flüchten vor einem Prediger mit den finstersten Absichten durch einen nächtlichen Märchenwald (Night of The Hunter). Jean-Pierre Léaud verkörpert zum ersten Mal Antoine Doinel (Sie küssten und sie schlugen ihn) und Jean Simmons ein herrisches Fräulein in David Leans Version der Great Expectations.

Lauter junge, zum Teil legendäre Leinwandhelden, die nun alle gemeinsam in einem Film auftreten: Der irische Kritiker und Filmemacher Mark Cousins hat unter dem schlichten Titel Eine Geschichte von Kindern und Film einen ebenso losen wie verführerischen Themenparcours quer durchs internationale Kino angelegt. Beim Kinderfilmfestival, das seit einem Vierteljahrhundert junge und jüngste Kinobesucher in Wien mit internationalen Produktionen versorgt, erlebt der heuer in Cannes vorgestellte Essayfilm seine Österreichpremiere. Gezeigt wird er im Zusammenhang mit der Präsentation der Publikation Kino erleben und begreifen. Filmanalyse mit Kindern und Jugendlichen - wohl der einzige Festivaltermin, der sich primär an ein Erwachsenenpublikum richtet.

Cousins hat seine Beispiele thematisch um kindliche Verhaltensweisen, Befindlichkeiten, Erfahrungen, Aktivitäten gruppiert. Er interessiert sich für die Verlorenen und Einsamen genauso wie für die Abenteurer und die Träumer unter den Filmkindern. Er findet Beispiele für das "schneidende" Erkennen von Klassenunterschieden, für Kinder in der Elternrolle oder für kindliche Hartnäckigkeit (speziell im iranischen Kino). Und er geht dabei stets übers Inhaltliche hinaus, bezieht Form und Ästhetik ein in seine Analysen.

Energische kleine Perserin

Am Ende hat man Lust, viele der hier nur als Ausschnitt sichtbaren Arbeiten gleich ganz zu sehen. Immerhin für die iranische Produktion Das Stiefelchen (Chakmeh) lässt sich das leicht einrichten: Die Erzählung um den nagelneuen roten Gummistiefel einer energischen kleinen Perserin, der gleich am Heimweg vom Einkauf verlorengeht, steht auch am Programm des Kinderfilmfestivals.

Mohammed Ali Talebis Das Stiefelchen von 1992 ist einer der Beiträge aus vergangenen Festivalausgaben, die auf Publikumswunsch heuer noch einmal laufen. Peter Hewitts Die Donnerhosen (Thunderpants, 2001) ist ein anderer: Ein pummeliger englischer Schulbub mit argen Blähungen findet darin dank eines erfinderischen Freundes - verkörpert von Rupert Grint, den man als Harry-Potter-Kumpel Ron Weasley kennt - einen Weg, seine übel riechenden, stets lautstark entweichenden Gase einer segensreichen Verwendung zuzuführen.

Donnerhosen ist eine rasante, schrille Komödie im Geiste Roald Dahls und Tim Burtons, der eine britische Kleinstadtwelt mit beißender Fantasie überzeichnet. Die chinesisch-französische Produktion Das Reisfeld (2010) hingegen führt in nahezu dokumentarischer Form in eine realistischere Lebenswelt auf der anderen Erdhälfte. Das Mädchen A Qiu und sein jüngerer Bruder wachsen dort bei den Großeltern am Land auf, die Eltern sind zum Arbeiten weg in die Stadt gezogen.

A Qiu - deren Off-Stimme das Geschehen kommentiert - empfindet die traditionelle Lebensweise der Älteren und das, was ihr als Mädchen zugestanden wird, als Einschränkung. Sie will studieren und Autorin werden, und der Film siedelt diesen Wunsch im Bereich des Machbaren an.

Dabei lässt er Raum für Eindrücke und Beobachtungen: Wie man hier den Reis zum Trocknen auf Matten ausbreitet. Wie die blauen Baumwollkittel, die die Frauen tragen, leuchten. Und wie sich das zu den Betrachtungen von Cousins' Filmessay fügt. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 16./17.11.2013)

16. bis 24. 11.

Link

www.kinderfilmfestival.at

  • Wünsche, die erfüllbar scheinen: Das Schulmädchen A Qiu (li.) träumt in der chinesisch-französischen Produktion "Das Reisfeld" von einem Leben als Schriftstellerin.
    foto: internationales kinderfilmfestival

    Wünsche, die erfüllbar scheinen: Das Schulmädchen A Qiu (li.) träumt in der chinesisch-französischen Produktion "Das Reisfeld" von einem Leben als Schriftstellerin.

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