Sprich mit Papa!

15. November 2013, 16:41
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Einst wünschten wir, unser Sohn würde endlich mit uns reden. Heute redet er mit uns. Alles klar?

Unweigerlich kommt der Tag, da unser Sohn auch sagt, wir sollen nach Hause gehen, weil er jetzt seine Koffer alleine in seiner ersten Wohnung auspacken will. Und wenn dieser – vielleicht etwas trübe und kalte - Herbsttag kommt, werden wir in unsere eigene, nun leer wirkende, irgendwie düstere und stumme Wohnung heimkehren. Und endlich eine Party schmeißen!

Das mächtige Wort

Zwischen vier und fünf greifen alle Kinder nach dem Schwert von Gondor. Es ist das Wort "Nein". Es macht uns stumm und machtlos, löst in meinem Kopf Erinnerungen an eine andere Zeit aus, in der Watsche, Rute und Tachtl noch nicht vor das Haager Tribunal führen.

Meine Freundin hingegen wird nie geschlagen. Ihre Eltern strafen sie mit Kommunikationsverweigerung. Sie wird von Mama und Papa ignoriert, bis sie eine Entschuldigung stammelt. Weil diese Bestrafung bis zu ihrer Volljährigkeit angewendet wird, wissen wir, dass sie wirkungslos ist. Genauso wie der Ledergürtel von meinem Papa.

Also erpressen wir unseren Sohn. Mit dem Kakao. Mit der Drohung, wieder nur Teletubbies sehen zu dürfen, Gemüse statt Palatschinken aufzutischen, wieder die billige Kinderzahnpasta zu kaufen, die Mama beim Einschlafen singen zu lassen. Letzteres wirkt fast so gut wie Kryptonit.

Angst vor dem Fliegen

In einer nicht allzu fernen Vergangenheit ist unser Kind nur ein zeitweise zuckendes Gewächs im Bauch meiner Freundin. Schon zu dieser Zeit, wird uns manches verneint. Sex mit Babybauch ist doch nur einige Wochen spannend. Partys und Alkohol schlicht unverantwortlich. Babygespräche mit Freunden unvermeidliches Brechmittel.

Weil mir meine gute, gute Freundin Partys, Alkohol und alles andere erlaubt, kann ich damals, nachts, wenn sie schläft, mit unserem Fötus erste Gespräche führen. Zuerst denke ich, es ist wieder nur diese Stimme in meinem Kopf. Aber dann merke ich, dass die Stimme aus dem Bauch meiner Freundin dringt.

  • He! Du!
  • ... Ja ...?!
  • Was ist hier los?
  • Was meinst du?
  • Wenn ich das wüsste, würd' ich wohl kaum fragen! Oder?
  • ... Stimmt ...
  • Ich höre!
  • Na ja ... wie soll ich es dir sagen ...
  • Am besten mit Worten! Raus mit der Sprache! Was ist hier Sache, verdammt!
  • Du bist ein Embryo ... und ...
  • Das weiß ich schon! Komm zur Sache, Typ!
  • Weißt du ... das ist so: Bienchen fliegen zu den Blümchen und ...
  • Red' keinen Scheiß! Hier gibt's weder Bienchen noch Blümchen! Es ist warm, feucht und alle Geräusche sind dumpf! Nicht mal Licht ist da!
  • Na gut! Du willst die Wahrheit?
  • Und nichts als die Wahrheit! Also?
  • Du wirst in die Welt gevögelt und kannst nicht fliegen! Das ist die Wahrheit!
  • Das ist aber jetzt nicht von dir ...
  • Nein ... es ist von Werner Schwab ...
  • Häääh?
  • So ein Typ, der sich zu Tode gesoffen hat ...
  • Und? Was hat das mit mir zu tun?
  • Na ja ... einiges ...
  • Oh Mann ... ich werd langsam müde! Kommst du nun zur Sache? Oder was?
  • Na gut!
  • Endlich ...!
  • Du wirst ein Homo Sapiens Sapiens. Das bedeutet: Mensch wissender, wissender.
  • Und? Was soll ich da wissen?
  • Du wirst auf einem sterbenden Planeten leben; Schmutzig, klein und gemein!
  • Na super!
  • Aber du kannst es ändern!
  • Tatsache!?
  • Ja? Wie das?
  • Lern fliegen!

Am darauf folgenden Wochenende dreht sich die Zimmerdecke über mir noch immer leicht gegen den Uhrzeigersinn als ich die Stimme aus dem Bauch meiner Freundin wieder höre.

  • He! Du!
  • .... ?
  • He! Du da!
  • ...ich?
  • Ja! Du! Der Typ von neulich, weißt du noch?
  • Ja! Klar! Ich! Dein Papa!
  • Von mir aus...
  • Was gibt's denn?
  • Hol mich hier raus! Sofort!
  • Das ist viel zu früh, mein Sohn... außerdem müsst´ ich dann schneiden und ich weiß nicht wie  deine Mama darauf reagiert...
  • Scheißegal! Hol mich hier raus! Jetzt!
  • Aber warum, mein Kind!
  • Du hast mir letztes Mal gesagt, ich komme auf einem sterbenden Planeten zur Welt, der klein, schmutzig und gemein ist!
  • Und... ?
  • Ich will ´raus, das Ganze schnell hinter mich bringen und dann wieder zurück!
  • Zurück?
  • Ja! Dort, wo ich war, bevor ihr auf Teufel komm raus gevögelt habt! Ohne Kondom!
  • Ich verstehe! Keine Lust auf diesen Planeten, das Leben darauf und all den Mist der dazugehört...
  • Genau! Du hast´s erfasst! Was ist nun! Hol das Küchenmesser!
  • Sag, mal, mein Kind, willst du dir den ganzen Mist nicht erst mal ansehen? Weißt du, es gibt auch gute Dinge hier.. und... und...
  • Nenn mir ein Gutes!
  • Hmmja... pffff..
  • Ich warte!
  • Du kannst es gut haben hier..
  • Aha! Und wie?
  • Indem du wirst wie dein Papa!
  • Gibt's nicht genug Kotzbrocken auf dieser Welt?
  • Schon.. aber dein Papa ist Doktor der Kotzbrockologie und hat jede Menge Spaß damit!
  • Hm... gibt's noch was anderes, außer Dr. Kotzbrocken... ?
  • Jede Menge! Du kannst Politiker werden... oder Betrüger... hm, das ist irgendwie dasselbe... oder Papst! ... hm auch irgendwie... hm...
  • Betrüger klingt interessant... Na gut... ich denk noch ´ne Weile nach... schnarch weiter, Alter!
  • Uffffffffffffffff ...

Willkommen in der Realität

In unserem "Klugen Buch" zur Inbetriebnahme, Wartung und dem Betrieb eines Kleinkindes lesen wir nach, wie mit "Nein", "Papa soll den Kakao machen", "Mama zieht mir die Schuhe aus", "Ich will nicht aufräumen, meine Hände sind müde" und "Ich will doch Teletubbies schauen" umzugehen haben.

Aus dem Nein ein Ja zu machen sei durch spielerische Rituale zu erreichen, beim Rest solle man mit Erklärungen die Einsicht erwirken. Doch all das befriedigt nicht die Lust an der Revanche. Deswegen warten wir, bis unser Sohn fest schläft. Dann lecken wir ihm die Ohren ab, was er im Wachzustand hasst. Und nehmen alles mit der DV-Cam auf. Und kichern noch lange. (Bogumil Balkansky, 15.11.2013)

  • Artikelbild
    foto: apa/dpa/peter steffen
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