Die Welt als Wiederholung falscher Vorstellungen

15. November 2013, 17:26
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Daniel Wisser zeichnet in "Ein weißer Elefant" eine Gesellschaft, schlimmer, als Thomas Bernhard es sich je erträumt hätte

Dass so viele dysfunktionale oder schäbige Verhältnisse fortexistieren, hängt an einem simplen, der Rhetorik entlehnten Trick: Wiederholung. Ob es nun zwischen Liebenden, Bürger und Staat oder Arbeitnehmer und -geber kriselt - wenn das Falsche nur lange und oft genug wiederholt wird, bekommt es ein Gewohnheitsrecht zugesprochen.

Auch der 1971 in Klagenfurt geborene Daniel Wisser arbeitet in Ein weißer Elefant mit einer gewissen Redundanz. Und das, wie sich zeigen wird, mit gutem Grund. Der Roman erzählt vom titelgebenden weißen Elefanten. Was man dazu wissen sollte: In Thailand ist diese Tieranomalie heilig. Je mehr ein König davon hat, desto größer sein Ansehen. In Österreich wiederum, erfährt man auf Wikipedia, bezeichnet die Wendung Arbeitnehmer, für die es keine Verwendung mehr gibt, die jedoch unkündbar sind. Im Internet werden als Beispiel parteipolitische Umbesetzungen in Ministerien oder beim ORF angeführt. In diesem Fall handelt es sich bei dem "weißen Elefanten" um den ehemaligen Leiter der Informationstechnologie einer Versicherung. Weil er seinen Job nicht aufgeben, sich nicht abfinden lassen wollte, sitzt er nun täglich ab acht Uhr in einem leeren Schulungsraum vor einem Computer ohne Internetzugang und bewirbt sich auf interne Stellenausschreibungen. Er ist Anfang fünfzig, verheiratet und Vater, wobei seine drei Kinder von drei verschiedenen Frauen sind, die wiederum nur teilweise über diesen Umstand informiert sind. Sehr ausführlich Auskunft erhält dafür ein anderer: der Mann, mit dem er sich das Zimmer teilt.

Den malträtiert er nun täglich mit seinen, wie dieser einmal feststellt, "ständigen Wortwiederholungen". Den nervt er mit seiner Statistik über die Rechtsabbieger an der Kreuzung vor ihrem Fenster, über die er mit einem speziellen Notationssystem akribisch Buch führt. Diese Notationen ziehen sich wie ein Motto durch das ganze Buch: "Herbststraße: 2 Links, 2 Gerade; Hausergasse: 1 Gerade, 11 Rechts; Parkring: 5 Links, 47 Gerade." Eine sinn- und nutzlose Tätigkeit, könnte man meinen, aber in der Wiederholung scheint sie so etwas wie eine Daseinsberechtigung zu erhalten.

Immerhin garantiert sie dem Aufzeichner, "dass meine Rechnung nach Stunden und Tagen und Wochen und Jahreszeiten etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat". Ein kleines bisschen Halt in einer absurden Welt. Denn eine solche ist die Berufswelt, von der hier erzählt wird. Sie funktioniert nach ihren eigenen, von jeder Wirklich- oder Vernünftigkeit abgekoppelten Regeln oder, wie der "weiße Elefant" einmal seinem Leidenskollegen erklärt: "Weil Sie nicht verstehen, dass das neue System Begründungen nicht zulässt. Es kommt ohne Weil aus, dieses neue System."

Dass diese Figur wie einst die grantigen alten Männer bei Thomas Bernhard beinahe ohne Unterlass monologisiert, sich in Schimpftiraden und den besagten Wortwiederholungen ergeht, findet seinen Grund in ebendiesem System. Wo sich Bernhards Repetitionswut an der moralischen, ästhetischen und intellektuellen Zumutung des Austrofaschismus abarbeitete, ist der Bezugsrahmen hier die moderne, sogenannte postkapitalistische Unternehmenskultur. Die mag zwar weniger brutal und gewalttätig sein als der Faschismus - in Sachen Menschenverachtung steht sie diesem aber in nichts nach. "Nur die alten Führer brauchten zum Massenmord Vernichtungslager."

"Für Sie gibt es keine Verbindung mehr zwischen Ware und Wert", wirft der "weiße Elefant" einmal seinem Zimmernachbarn vor und hat auch sonst klare Analysen parat: "Heute kann man vom Geldverdienen nicht mehr leben. Das sagt man uns zumindest. Geld ist nichts wert und Gold auch nicht. Der Wert ist nichts mehr wert, weil er keinen Wert mehr hat." Auch der "amerikanische Caesar" und das "heilige amerikanische Reich deutscher Nation" kommen nicht besonders gut weg: Da "versinken die Metropolen in dem Dreck, aus dem sie einst von den Anführern des verbrecherischen Massenmordes an den Einwohnern eines gesamten Kontinents gestampft worden waren".

Nun analysiert Wisser in diesem Roman nicht nur sehr klarsichtig und bedenkenswert unsere Gegenwart. Daneben lässt er seinen Protagonisten wild herumfabulieren, von seinen diversen Frauen ebenso detailliert berichten wie von untalentierten Wahrsagern oder suizidalen Privatdetektiven. Sein unbeirrbar schweigender Zimmerkollege, aus dessen Perspektive die ganze Geschichte erzählt wird, wird erst zu seiner Kopie ("Seinen Haarschnitt bringe ich hin. Und so sehe ich ihm nun täglich ähnlicher"), bekommt seine Frauen überantwortet ("Helfen Sie mir! Bitte! Schleppen Sie Verena ab und gehen Sie mit ihr ins Bett, sooft es geht"), er wird als "tolerantes Schaf" beschimpft - aber womöglich gibt es ihn sowieso nicht: "Sie sind kein solch real existierender Mensch."

"Die Erzählung ist der Tod des Lebens", heißt es einmal; und darum geht es in gewisser Weise in diesem nicht immer einfachen, bisweilen rätselhaften, aber unbedingt lesenswerten Buch: wie eine Behauptung, wenn sie nur oft genug wiederholt wird, ein Recht auf Wahrheit beansprucht. Und mag sie noch so zerstörerisch sein. (Andrea Heinz, Album, DER STANDARD, 16./17.11.2013)

Daniel Wisser, "Ein weißer Elefant". € 19,90 / 180 Seiten. Klever, Wien 2013.

Hinweis: Daniel Wisser liest am 21. November bei der Buch Wien aus dem besprochenen Band (Messe Wien, Halle D, FM4-Bühne).

  • Der 1971 in Klagenfurt geborene Autor Daniel Wisser.
    foto: reuters/herwig prammer

    Der 1971 in Klagenfurt geborene Autor Daniel Wisser.

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