Selbstverständlich mehrsprachig

15. November 2013, 14:35
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Die Sprachwissenschafterin Brigitta Busch setzt sich mit dem Phänomen "Mehrsprachigkeit" im gleichnamigen Band auseinander

Stellen Sie sich vor, Sie würden gebeten, Ihre Sprachlandschaft zu zeichnen. Wie könnte eine solche Landkarte aussehen? Über das eigene Sprechen zu sprechen kann nämlich ganz schön schwierig sein. Frustrierende Sprecherfahrungen können mitunter als beschämend erlebt werden, was wiederum in Zorn umschlagen oder auch zum „Verstummen" führen kann. So selbstverständlich Sprechen auch ist, so prekär und peinlich kann es auch sein, sich selbst in einer bedrohlichen Situation als Sprecher wahrzunehmen und wahrgenommen zu werden.

Die Sprachwissenschafterin Brigitta Busch hat im Rahmen eines Forschungsprojekts Menschen verschiedenen Alters dazu eingeladen, Sprachenporträts von sich anzufertigen, und zwar anhand einer neutralen Körpersilhouette und mithilfe verschiedener Farben.

Damit wurde Sprache ein Stück weit visualisiert und als etwas erfasst, das nicht nur eine reine Kopfangelegenheit ist, sondern durchaus auch "im Magen liegen", "im Hals stecken" oder "im Herzen" angesiedelt sein kann. Sprache ist also im gesamten Körper verankert, sie ist nicht nur kognitiv oder intellektuell erfassbar, sondern auch unverzichtbarer Bestandteil des emotionalen Erlebens, und das ein Leben lang. Beispielsweise kann Sprache das Gefühl vermitteln, mit einem Fuß im Slowenischen, mit dem anderen im Deutschen zu stehen.

Jeder Mensch ist mehrsprachig ...

Die entstandenen Sprachenporträts enthalten nicht nur Sprachen im klassischen Sinn, also Deutsch, Englisch, Französisch oder Russisch, sondern ebenso "Dialekte, Jargons, Fantasiesprachen (...) Hochsprache, Schriftsprache, Umgangssprache, Muttersprache (...) Arbeitssprache, Schreibsprache, Sprache des Denkens, Zwecksprache, Urlaubssprache, Tantensprache, Lieblingssprache, dunkle Sprache, Sprache aus Leidenschaft, Kindheitssprache, Tiersprache, Wunschsprache ..."

Jeder von uns könnte diese Aufzählung beliebig fortsetzen, ganz gleich, ob er oder sie in einer (vermeintlich) einsprachigen oder einer mehrsprachigen Umgebung aufgewachsen ist, denn jeder Mensch ist mehrsprachig. Oder, anders gesagt: Niemand ist einsprachig. Dass diese simple Wahrheit alles andere als selbstverständlich ist, führt Busch überzeugend vor Augen, indem sie Sprachideologien untersucht, aus denen heraus unter anderem diskriminierende und rassistische Diskurse (re)produziert wurden.

"Sehr unsicher und ein wenig defizitär"

Indessen machen nicht nur Sprecher von Sprachen mit geringem Prestige Erfahrungen von Diskriminierung, sondern auch beispielsweise Kinder, die nach dem Schuleintritt erkennen müssen, dass die Sprache, die sie von zu Hause gewohnt sind, in der Schule als ein stigmatisierender Dialekt gilt, den man sich tunlichst abzugewöhnen hat. Eine Studentin schildert den Übergang vom Land in eine "sehr hierarchisch strukturierte Klasse" im Gymnasium, in der die meisten Schülerinnen aus eher "höheren Schichten" kamen, als eine Zeit, in der sie sich mit ihrer "ländlichen Umgangssprache sehr unsicher und ein wenig defizitär" gefühlt habe.

Brigitta Busch beschäftigt sich in ihrer Forschung ebenso mit einem weitgehend vernachlässigten Thema, nämlich der Sprachentwicklung im Alter. Bislang hatte sich die Forschung eher auf die Phase des Lernens und der Sprachentwicklung, vor allem bei Kindern und Jugendlichen, fokussiert. Das sprachliche Repertoire unterliegt jedoch das ganze Leben lang einem stetigen Wandel, was durchaus neue Forschungsfragen aufwirft.

Lebens- und wirklichkeitsnahe Forschung

Der Band "Mehrsprachigkeit" führt vor, wie lebens- und wirklichkeitsnah Forschung sein kann - eine Forschung, die den Menschen als ganzheitliches, denkendes, fühlendes und sprechendes Lebewesen in keiner Etappe aus dem Blick verliert und zugleich den höchsten wissenschaftlichen, theoretischen und intellektuellen Anforderungen gerecht wird; eine Forschung, die mit viel Differenzierungsvermögen auslotet, wie Politik und Ideologien auf das Sprechen (und damit auf das Denken und Fühlen) des Einzelnen einwirken. (Mascha Dabić, 15. November 2013)

  • In touristischen Gegenden ist Mehrsprachigkeit eine Selbstverständlichkeit. Hier werden Ski auch für holländische Gäste beworben.
    foto: dpa/berg

    In touristischen Gegenden ist Mehrsprachigkeit eine Selbstverständlichkeit. Hier werden Ski auch für holländische Gäste beworben.

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