Aus der Lehre in die Lehre

17. November 2013, 17:00
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Mit 15 Jahren lernt Johann Wassermann den Beruf des Rundfunk- und Fernsehtechnikers. Heute bildet er als Universitätsprofessor an der TU Wien selbst aus: Lehrlinge wie DoktorandInnen

Sein Berufsziel hat Johann Wassermann verfehlt. Denn er ist weit darüber hinausgeschossen. Als 14-Jähriger noch wünscht sich der gebürtige Kärntner einen Lehrberuf, von dem man leben kann, und will zugleich die Nachfolge seines Vaters als Nebenerwerbsbauer im Lesachtal antreten. Alleine der Gedanke an eine akademische Laufbahn ist der Welt des Jugendlichen fern.

Etliche Jahrzehnte und Bildungsabschlüsse später arbeitet Johann Wassermann als außerordentlicher Professor am Institut für Mechanik und Mechatronik an der Technischen Universität Wien. Heurechen, Mähmaschine und Einachstraktor hat er gegen Forschungsschwerpunkte eingetauscht: Aktoren und Sensoren in der Mechatronik, die berührungsfreie Lagerung von Rotoren durch aktive Magnetfelder oder digitale Messsignalerfassung und -auswertung. Als leidenschaftlicher Tüftler hat er sogar etliche Patente angemeldet.

Ausgerechnet eine leidselige Knochenmarkentzündung hat die Karriere des heute 59-Jährigen begünstigt. Wegen seines längeren Krankenhausaufenthalts ist Wassermann spät dran mit der Lehrstellensuche und findet keinen passenden Platz in der Umgebung. Er weicht daher nach Innsbruck aus, um eine Lehre als Rundfunk- und Fernsehtechniker zu beginnen.

Lehrabschlussprüfung mit Auszeichnung

Das Ausziehen aus dem kleinen heimatlichen Dorf empfindet Wassermann als Schock: "Innsbruck war eine neue Welt, nicht vergleichbar." Freunde und Familie fehlen.

Der Betrieb, in dem Wassermann lernt, hat drei Abteilungen: die Phono-, Radio- und, "das Sahnehäubchen", die Fernsehabteilung. Wie andere Lehrlinge versucht er an defekten Geräten, die Kunden bringen, durch logische Schlüsse Fehler zu ermitteln und diese zu beheben. Für seinen Einsatz erntet Johann Wassermann bei seinen Ausbildnern Anerkennung, die ihn anspornt. "Als erster Lehrling dieses Betriebs bin ich nach Deutschland auf einen Spezialkurs für Plattenspielerreparatur geschickt worden", freut sich der Universitätsprofessor noch heute.

Die erste Zeit in der Berufsschule ist hart. Nach achtjähriger Volksschule, in der vor allem Deutsch, die Grundlagen der Mathematik und die eigene Kreativität gefördert worden sind, fehlt es an Kompetenzen in anderen Fächern. "Die Mitschüler in der Berufsschule haben Vokabel verwendet, die ich noch nie vorher gehört habe. Ich habe gedacht: Diesen Wissensvorsprung holst du nie auf." Doch schon bald meistert Wassermann die Lehrabschlussprüfung mit Auszeichnung.

Meisterprüfung und HTL-Abendschule

Zeit, neue Pläne zu schmieden. Eine Meisterprüfung würde mehr Berufschancen bieten. "Und ein Ingenieurstitel war mit gesellschaftlichem Wert verbunden, Ingenieure waren oft Geschäftsführer von einem mittleren Betrieb", erinnert sich Wassermann, der gleich beides in Angriff genommen hat: Er beginnt Kurse für die Meisterprüfung und schreibt sich schließlich in die HTL-Abendschule ein.

Nach der Arbeit drückt er von 18.00 bis 22.00 Uhr die Schulbank, Hausübungen erledigt er bis nach Mitternacht. Am nächsten Tag beginnt er um acht Uhr zu arbeiten - eine schwere Prüfung, fünf Jahre lang. Die Freizeit am Wochenende ist spärlich: "Die zwei, drei Stunden habe ich mir dafür gegönnt", lacht er bescheiden.

Eine bald bestandene Meisterprüfung ist nicht der einzige Triumph: Beim "Internationalen Berufswettbewerb" darf Wassermann als österreichischer Vertreter für Rundfunk- und Fernsehtechnik nach Madrid fliegen, die Wirtschaftskammer lädt ihn ein. "Das war eine große Anerkennung. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben geflogen", schwärmt er.

"Der Reiz war da"

Während Wassermann als 24-Jähriger die Matura schreibt, bekommt seine Frau, mit der er seit Ende der Lehrzeit zusammen ist, im Krankenhaus das erste gemeinsame Kind. Schluss ist deshalb nicht mit Wassermanns kühnen Ideen: Denn ein Studium wäre nun möglich. "Nach jedem Abschluss habe ich mir meine Optionen angeschaut und gesagt: Jetzt schaue ich einmal, ob ich etwas Neues schaffe. Dabei war ich bei jedem Schritt unsicher: bei der Lehre, der HTL, genauso beim Studium. Aber der Reiz war da", erzählt Wassermann, als würde er ein bisschen über sich selbst schmunzeln.

Es dauert nicht lange, da sitzt Wassermann mit seiner Jungfamilie in einem alten Volvo auf dem Weg nach Wien. Im Gepäck: Hab und Gut. Für den Studienbeginn zieht die Familie in eine simple Küche-Ein-Zimmer-Wohnung. Die Zeit ist geprägt von Entbehrung. "Wir haben von Erspartem gelebt. Was ich und meine Frau im Berufsleben bis dahin verdient haben, war unser Familiengold." Dass 1978 keine Studiengebühren zu zahlen sind, kommt Wassermann entgegen. "500 bis 600 Schilling pro Semester hätte ich mir nicht leisten können. Ich wäre heute Ingenieur. Ich habe damals überhaupt das Gefühl gehabt, dass ich viele Möglichkeiten nur durch einzelne, aber wichtige bildungspolitische Vorgaben ausschöpfen konnte", erklärt Wassermann. So kann er kurz vor der Matura mithilfe einer AMS-Förderung halbtags arbeiten, ohne erhebliche Verdiensteinbußen. Heutige Regierungsinitiativen wie die Lehre mit Matura begrüßt Wassermann daher sehr, auch weil die Lehre aufgewertet werden müsse. "Wenn heute jemand erzählt, er habe eine Lehre gemacht, wird niemand applaudieren. Das finde ich aber nicht gerechtfertigt, etwas Tolles zu lernen ist eine schöne Sache."

"Froschperspektive geöffnet"

Gerade Wassermanns Lehrerfahrung ist es, die seiner Familie hilft, die finanziell harte Studienzeit zu überstehen. Als Nebenerwerb beginnt er für Institute und Firmen neuartige Geräte zu entwickeln. "Bei Problemen habe ich elektronische Lösungen realisiert", erklärt Wassermann und beschreibt ein altes Foto: "Das ist ein elektronisches Filter, das ich für die Firma Kapsch entwickelt habe. Diese Version wurde in Österreich, aber auch nach Island, Ungarn und China verkauft." Die entbehrungsreiche Zeit ist damit überstanden, vor allem, als er nach dem Studium an der Universität angestellt wird. Für Spezialentwicklungen gründet er später sogar mit seiner Frau gemeinsam eine kleine Firma.

Nach Promotion und Habilitation ganz "oben" angelangt, wirkt der Universitätslehrer massiv an der Meinungsbildung zur Aufnahme von Lehrlingen an der TU Wien mit. "Bei uns gibt es für Forschungsarbeiten einiges im Bereich der Elektronik und Mechanik umzusetzen, da bietet es sich an, wenn Lehrlinge lernen und mitarbeiten." Seine Erfahrungen will Wassermann weitergeben: "Man muss zeigen, dass man will. Wenn Ausbildner dann Einsatz anerkennen, motiviert das ungemein." Die Lehrlingsausbildung an der TU sieht er auch als praktische Begegnungsmöglichkeit zwischen Lehrlingen und Studierenden. "In diesem Umfeld haben Lehrlinge die Möglichkeit, ihr Wissen nach oben hin zu erweitern und zu schauen, wo ihre Wissbegierde sie hinführen könnte."

Seine Bildung hat Wassermann weit gebracht. "Sie hat meine Froschperspektive geöffnet und mir Reisen zu internationalen Fachtagungen in alle Kontinente ermöglicht", erklärt er. Aus einer Vogelperspektive blickt der frühere Bergbauernsohn dennoch nicht auf die Welt herab. "Früher gab es Begegnungen zwischen Professoren, bei denen andere Anwesende, wie etwa Jungwissenschafter, schlichtweg ignoriert worden sind - ein Umgang, der erfreulicherweise heute undenkbar geworden ist." Einer bestimmten Gesellschaftsschicht fühlt sich Johann Wassermann nach seiner Reise aus der Arbeiterschicht in wissenschaftliche Sphären nicht zugehörig: "Ich versuche, Mensch unter Menschen zu sein." (Sandra Nigischer, derStandard.at, 17.11.2013)

  • In seiner Lehrzeit zerlegt Johann Wassermann ein defektes Radiogerät und versucht durch logische Schlüsse Fehler zu ermitteln, um das Gerät reparieren zu können.
    foto: privat

    In seiner Lehrzeit zerlegt Johann Wassermann ein defektes Radiogerät und versucht durch logische Schlüsse Fehler zu ermitteln, um das Gerät reparieren zu können.

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