Die Angst vor dem Griff zum Heizregler

14. November 2013, 18:32
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170.000 Personen in Österreich gelten laut neuer Studie als energiearm und blicken dem Winter mit Sorge entgegen. Heizkostenzuschüsse helfen nur bedingt, Energiesparmaßnahmen sind sinnvoller

Wien - Um die Anzahl der Personen, die in Österreich von Energiearmut betroffen sind, ist eine Diskussion ausgebrochen. Die EU-weite Erhebung EU-SILC hat ergeben, dass im Jahr 2011 rund 219.000 Personen ihre Wohnung nicht angemessen warmhalten konnten. Das betraf demnach 100.000 Haushalte.

Allerdings seien weniger als die Hälfte der Betroffenen auch armutsgefährdet, sagt Walter Boltz. Der Vorstand der Energieregulierungsbehörde E-Control präsentierte am Donnerstag mit einer neuen Studie gleich eine neue Definition für Energiearmut: Haushalte mit einem "verfügbaren Einkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle" (rund 1080 Euro) sowie "überdurchschnittlich hohen Energiekosten".

E-Control kommt mit diesen Angaben auf 170.000 Personen in 90.000 Haushalten, die von Energiearmut betroffen sind. Anders als bei der EU-SILC-Studie ist der typische Betroffene aber nicht jung, alleinstehend, arbeitslos, männlich, Single und im Osten Österreichs zu Hause, sondern eher eine alleinstehende Pensionistin in einer großen Wohnung in Westösterreich. "Diese haben oft eine große Energiekostenbelastung wegen der großen Wohnung und eine schwierige Einkommenssituation", sagt Boltz. "Aber sie leiden still."

Populär, nicht nachhaltig

Ein Heizkostenzuschuss (bis zu 250 Euro) würde die Energiearmut vor allem im Winter lindern, das Problem selbst wird durch die Einmalzahlungen aber nicht gelöst, sagt Boltz. "Es ist vielleicht politisch populär, aber nachhaltig ist es nicht." In Klagenfurt etwa haben die Stadtwerke angeboten, die Hälfte der Kosten pro Stromscheck (bis 100 Euro) für bedürftige Energiebezieher zu übernehmen - allerdings nur für ihre Kunden. Kelag-Bezieher dürften nur maximal 50 Euro bekommen. Den Betrag steuert die Stadt bei.

Insgesamt werden in Österreich von den Bundesländern rund 25 Millionen Euro pro Jahr ausgeschüttet. Dieses Geld könnte sinnvoller eingesetzt werden, sagt Boltz. Denn Personen, die von Energiearmut betroffen sind, geben pro Monat signifikant mehr Geld für Energie aus: im Durchschnitt 163 Euro, davon etwa zwei Drittel für Heizung und ein Drittel für Strom. Eine Person in einem Durchschnittshaushalt kommt laut Boltz mit 80 Euro aus.

Lohnenswerter finanzieller Kraftakt

Mit kostengünstigen Maßnahmen wie Fensterdichtungen, Stoßlüften oder Folien hinter Heizkörpern lässt sich Energie sparen. Der Austausch alter Stromfresser gegen energieschonende Maschinen ist ein finanzieller Kraftakt, aber - sofern subventioniert - lohnenswert. Weil die überwiegende Anzahl energiearmer Personen in Miete lebt, müssten auch Anreize für Vermieter etwa für Wärmedämmung geschaffen werden.

Wien bietet statt eines Geldzuschusses seit heuer Sachleistungen und eine Energieberatung an, was Boltz nachahmenswert findet. Er plädiert für einen Fonds, der aus dem Heizkostenzuschuss und von Firmen genährt werden könnte. "Mit 40 Millionen Euro könnte man die Energiearmut deutlich reduzieren", sagt Boltz. (David Krutzler, DER STANDARD, 15.11.2013)

  • Energiearme Personen geben monatlich 163 Euro für Strom und Heizung aus.
    foto: cremer

    Energiearme Personen geben monatlich 163 Euro für Strom und Heizung aus.


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