Der Meilensteinmetz

14. November 2013, 17:44
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Die Geburt einer der größten Trainerpersönlichkeiten, die Österreich jemals hervorgebracht hat, jährt sich am kommenden Montag zum 100. Mal. Ein Buch setzt dem Wiener Franz Stampfl, der nur in seiner Heimat nicht weltberühmt wurde, ein Denkmal

Wien - "Wenn du heute diese Möglichkeit nicht nutzt, wirst du dir je vergeben können?" Am 6. Mai 1954 lief Roger Bannister der Beantwortung dieser Frage davon. Der 25-jährige Brite legte in Oxford die klassische Meile, 1609 Meter, als erster Mensch unter vier Minuten zurück. Bannisters 3:59,4 gelten als eine in ihrer Bedeutung durchaus mit Armin Harrys zehn Sekunden über die 100 Meter oder Bob Beamons 8,90 Meter im Weitsprung vergleichbare Leistung - als ein, nun ja, Meilenstein der Leichtathletik.

Ihn zu setzen, half ein im deutschsprachigen Raum fast völlig vergessener Wiener namens Franz Stampfl, der durch seine Trainingsmethoden und letztlich durch seine Frage Bannister Beine gemacht hatte. In Großbritannien, den USA, Kanada und Australien, wo er wirkte, ist er unvergessen.

Am Montag wäre Franz Stampfl, der 1995 in Melbourne starb, 100 Jahre alt geworden. Andreas Maier, Chefredakteur des Magazins RunUp und Medienverantwortlicher beim Vienna City Marathon und im österreichischen Leichtathletikverband, zeichnete seine bemerkenswerte Geschichte auf.

1913 in Wien-Ottakring geboren, studierte Franz Stampfl Malerei, betrieb aber vor allem Sport. 1936 gehörte er als Betreuer der österreichischen Olympiamannschaft in Berlin an. Er wurde offiziell wegen Disziplinlosigkeit suspendiert und für zwei Jahre gesperrt - die genauen Gründe bleiben auch bei Maier im Dunkeln, Stampfl galt jedenfalls nicht nur als unternehmungslustiger, sondern auch als politischer Mensch. Er wanderte nach Großbritannien aus, sollte aber nach Kriegsausbruch als einer von 60.000 "feindlichen Ausländern" nach Australien deportiert werden.

Stampfl überlebte die Torpedierung der Arandora Star durch ein deutsches U-Boot und gelangte schließlich auf einem anderen Schiff, unter jämmerlichen Umständen, nach Down Under, wo er in der Armee diente und seine spätere Frau Patricia kennenlernte.

Nach Kriegsende kehrte der vormalige "Enemy Alien" nach Großbritannien zurück, wirkte als Coach in Belfast und legte den Grundstein zu seiner Karriere, die nicht nur in Bannisters Meilenlauf gipfelte. Im selben Jahr, 1954, räumten von Franz Stampfl betreute Athleten drei Titel bei der EM in Bern ab.

1955 wurde er nach Australien berufen, seine Sportler errangen im Jahr darauf bei Olympia in Melbourne drei Medaillen, darunter Gold für den Briten Chris Brasher über 3000 m Hindernis. 1968 in Mexiko feierte der fix an der Uni Melbourne engagierte Coach mit dem Mittelstreckler Ralph Doubel Olympiagold und einen Weltrekord über 800 Meter.

Stampfl, der zwischen 1960 und 1980 mehrmals seine Familie in Wien besuchte, blieb auch nach einem Autounfall, den er vom Hals abwärts gelähmt überlebte, ein Trainer. "Seine Persönlichkeit war überwältigend", rief ihm Sir Roger Gilbert Bannister (84) nach. (lü, DER STANDARD, 15.11.2013)

Andreas Maier: "Franz Stampfl, Trainergenie und Weltbürger", SportImPuls 2013, 190 Seiten, 19,90 €.

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    foto: cover: stampfl
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