Lernen wird situativer und entinstitutionalisiert

6. Dezember 2013, 10:06
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Neue Arbeitsformen verändern auch das Lernverhalten. Lernen wird situativer, prognostiziert die Zukunftsforschung

Dass Bildung die Chancen am Arbeitsmarkt verbessert, ist unbestritten. Ein Blick in die Arbeitslosenstatistik zeigt ganz deutlich, je höher der Bildungsgrad, desto niedriger die Gefahr, arbeitslos zu werden. Doch nicht nur die Grundausbildung ist wichtig, auch ständiges Weiterlernen ist in einer Wissensgesellschaft zur Notwendigkeit geworden. Unternehmen sind sich dessen bewusst und investieren in und profitieren von betrieblicher Weiterbildung. Laut einer Studie der Arbeiterkammer Österreich kommt jeder Euro, der in betriebliche Weiterbildung investiert wird, dreizehnfach ins Unternehmen zurück. Arbeitnehmer wiederum profitieren von höheren Bruttolöhnen im Vergleich zu Unternehmen, die bei der betrieblichen Weiterbildung sparen. Laut der Studie bezahlen Unternehmen, die jährlich rund 1000 Euro pro Arbeitnehmer für betriebliche Weiterbildung investieren, im Durchschnitt rund fünf bis sieben Prozent höhere Bruttostundenlöhne als Unternehmen, die dies nicht tun.

Intensivkurse auf dem Vormarsch

Laut Wifi-Bildungsstatistik geht der Trend bei betrieblicher und privater Weiterbildung in Richtung kürzerer Intensivkurse. Und auch die Forscher des Zukunftsinstituts sehen in ihrem Trendbarometer diese Richtung für Weiterbildung. Denn: Wissensarbeit werde situativer. Nicht quantitativ angehäuftes Wissen sei in einer Wissens- und Kreativökonomie gefragt, sondern die Fähigkeit, sich das fehlende Know-how für die jeweilige Situation beschaffen zu können. In der Förderung dieser Fähigkeit, so die Zukunftsforscher, liegt auch die Zukunft der Weiterbildung.

An eigenen Interessen orientiert

Das situative Wissensmanagement sei eine grundlegende Kulturtechnik, die im privaten Bereich dank passender "How to"-Videos und Online-Tutorials für fast alles im Alltag nicht mehr wegzudenken ist und in Zukunft auch eine immer größere Rolle bei der beruflichen Weiterbildung spielen wird. Dadurch wird aber ein Großteil der Weiterbildung in Zukunft auf informellen Kanälen stattfinden. Sie wird quasi unsichtbar und auch schwerer zu dokumentieren sein. Schon jetzt findet ein Großteil der beruflichen Weiterbildung über diese Kanäle statt. Denn wer hat nicht schon einmal das Internet konsultiert, um eine bestimmte Aufgabe zu lösen. Dieser Umstand führt unweigerlich zu einem weiteren Trend. Weiterbildung bzw. Wissensgewinn wird sich viel stärker an den eigenen Interessen und Fähigkeiten orientieren und selbstmotivierter sein.

Individualisierung als Lebensstil macht auch vor der Berufswelt nicht halt. Die Generation Y, also die ab 1980 Geborenen, stellt schon jetzt hohe Anforderungen an die Arbeitswelt. Finanzielle Sicherheit spielt nicht mehr die führende Rolle, und die Karriereleiter führt nicht zwangsläufig nur nach oben, sondern kann durchaus auch auf Seitenwegen weitergehen. Viel wichtiger ist ihnen - von vielen Studien belegt - Selbstbestimmung, flexible Arbeitsformen, aber auch eine ausgewogene Work-Life-Balance, damit noch genügend Zeit für die eigenen Interessen bleibt. Berufliche Biografien werden fragmentierter. Wenn es jemandem wo nicht gefällt, wird schnell eine andere Aufgabe gesucht.

Slash/Slash-Generation

Die Werbeagentur Saatchi & Saatchi prägte dafür den Begriff Slash/Slash-Generation. In ihrem Blog heißt es: "Wir sind die Slash/Slash-Generation - eine Gruppe von Menschen, die sich selbst nicht über eine einzige Beschäftigung, sondern über die Vielfalt ihrer Erfahrungen, Leidenschaften und Netzwerke definiert. Anstatt aus unseren Leben einen geraden und stetig nach oben verlaufenden Karriereweg herauszuarbeiten, versuchen wir, so viele Erfahrungen wie möglich zu sammeln."

Für die Forscher des Zukunftsinstituts steht auch fest, dass das Sammeln unterschiedlicher Erfahrungen nicht nur dem Wunsch des Individuums nach Selbstverwirklichung entspricht, sondern eine immer zentralere Anforderung eines volatilen Arbeitsmarktes wird. Denn Problemlösungskompetenz werde zur wichtigsten Ressource der Wissensgesellschaft. Und hier helfen möglichst unterschiedliche Erfahrungen.

Lernen wird entinstitutionalisiert. Das, was offiziell als Weiterbildung erfasst wird, löst sich immer mehr von dem, was am Arbeitsplatz geschieht und worauf es dort ankommt. Die Herausforderung wird sein, dieses unsichtbar erworbene Wissen sichtbar zu machen, denn was nicht auf dem Papier steht, ist in der Berufswelt noch wenig wert. (Gudrun Ostermann, Karrieren Standards, 6.12.2013)

  • Weiterlernen ist in einer Wissensgesellschaft Notwendigkeit.
    foto: istockphoto.com / debreny

    Weiterlernen ist in einer Wissensgesellschaft Notwendigkeit.

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