Der Mann, der es liebte, uns zu lieben

14. November 2013, 17:44
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Er ist der Mann, der die Maschinen in die Disco brachte und "I feel love" erfand. Später vertonte er Fritz Langs "Metropolis" und wurde zum König des 1980er-Pop. Nun kehrt Giorgio Moroder mit 73 Jahren als DJ zurück. Nächste Woche gastiert er in Wien

Wien - Ältere Leute schätzen das Grödener Tal im wunderschönen Südttirol nicht nur wegen seiner Kunst, aus hantigen Baum- und Strauchwurzeln markante älplerische Gesichter zu schnitzen. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass der auf jeden Fall mit einem markanten Gesicht gesegnete Bergsteigerkönig und frühe Leni-Riefenstahl-Mentor Luis Trenker aus der Gegend stammt: "Auffi muaß i!"

Auch Trenkers Neffe, der aus einem ladinischen Bildhauergeschlecht stammende Hansjörg Moroder, entdeckte früh seine Liebe zur klaren einfachen Sicht auf die Dinge und dafür, dass man diese im Zweifel nur mit einigen wenigen Schlägen auf das Stemmeisen und Schnitzern auf den Punkt bringen kann. Achtung, auf Englisch heißen Schläge "Beats". Er legte also den Namen Hansjörg ab, nannte sich Giorgio und ging in den 1960er-Jahren aus der Enge des Tales in die Welt hinaus. Dort machte er ebendiese mit seinen crazy Beats und Sounds zu einem anderen Ort.

Parallel zu den deutschen Elektronikpionieren Kraftwerk, die die Maschinen in die Popmusik brachten, um singende Schaufensterpuppen sexy zu machen, indem sie ihrer Musik jedweden erotischen Unterton oder menschlichen Reiz abseits romantischer Dreiklangkunst entzogen, schaffte Giorgio Moroder auf der entgegengesetzen Seite des Spektrums Revolutionäres. Er zeigte, dass man Sex am besten vertont, wenn man die Maschinen volle Kanne aufgeilt. Darüber wird mit sehr viel Gefühl gottlos gestöhnt.

Doch vorher kam noch ein wenig Biografie: Nach seinen Anfängen in Jazzbands und Tanzcombos und als Tourgitarrist für Künstler und Brusthaarkaiser wie Ricky Shayne (Mamy Blue!) produzierte er von seiner Wahlheimat München aus vorwiegend Bubblegum-Pop. Mit dem später auch in den TV-Serien "Sesamstraße" und "Muppet Show" verwendeten Kracher Máh-Ná-Máh-Ná, ursprünglich vom italienischen Komponisten Piero Umiliani für den Softporno Schweden - Hölle oder Paradies? geschrieben, sorgte er als Sänger für erhöhte Pulsfrequenzen. Er lieferte in diesem Genre ab 1968 Hits wie Looky Looky oder Son Of My Father.

In den Münchner Musicland-Studios begann er mit seinem Kompagnon Pete Bellotte und der US-Musical-Sängerin Donna Summer synthetische Discomusik zu produzieren. Love to love you Baby, ein 17-minütiger akustischer Geschlechtsakt, der sich einer Anregung des Chefs von Moroders Plattenlabel verdankte, war der Grundstein aller heutigen Clubmusiken.

Neil Bogart, dem Boss von Casablanca Records, war während einer damals noch beliebten, weil finanzierbaren Koksorgie im Musikindustriemilieu aufgefallen, dass den Mädchen auf der Party die dreieinhalbminütige Singleversion zu kurz war und sie Wiederholungen forderten. Die zweite Hälfte des so hinausgezögerten Songs bestand also aus der Simulation eines Orgasmus über rein elektronischen Beats. Damit war auch das DJ-Format der 12-Inch-Single erfunden. Noch erfolgreicher geriet in der Folge der mit seiner unwiderstehlichen Basslinie tausendfach kopierte Klassiker I Feel Love. Der tat erst gar nicht so, als würde es ein Vorspiel geben, dauerte aber Realzeit, wie man heute sagen würde.

Für den Rest sagen bis heute herauf etwa auch Daft Punk auf ihrem aktuellen Album Random Acess Memories danke schön. Auf diesem erzählt Giorgio Moroder zu schön antiken Discobeats seine Geschichte, spart aber die Jahre in Hollywood aus, wo er noch heute lebt. Mit Call Me für Blondie oder Cat People für David Bowie oder Together In Electric Dreams gelangen ihm große Hits der Schulterpolster-Sakko-Ära. Moroder vertonte Fritz Langs Metropolis und schrieb Filmsoundtracks (Scarface, Midnight Express etc.).

Die letzten Jahre spielte er mit seiner Frau Francisca Frührentnergolf, entdeckte Social Media und stellte sein (wirklich umfangreiches) Gesamtwerk nach und nach auf Soundcloud gratis zur Verfügung.

Elton John buchte ihn als Discjockey für eine Promi-Party (inklusive Love To Love You Baby, aber sittlich gefestigt). Seither ist der Alte auf Tour und holt sich mit eigenen Sachen späten Applaus. In den interessanten Städten hängt er eine Woche Urlaub an. Vielleicht auch in Wien. Hier gastiert er am 23. 11. bei Electronic Beats im Museumsquartier. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 15.11.2013)

  • Als "sexy" und "sexistisch" noch Geschwister waren: der Südtiroler Produzent Giorgio Moroder zur Hochblüte der Disco-Ära Mitte der 1970er-Jahre. Wo geht es hier zur nächsten Orgie?
    foto: casablanca

    Als "sexy" und "sexistisch" noch Geschwister waren: der Südtiroler Produzent Giorgio Moroder zur Hochblüte der Disco-Ära Mitte der 1970er-Jahre. Wo geht es hier zur nächsten Orgie?

  • Giorgio Moroder (73) gastiert am 23. 11. in Wien.
    foto: giorgiomoroder.com

    Giorgio Moroder (73) gastiert am 23. 11. in Wien.

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