Grätzllabor will die ökologische Kurve kratzen

27. November 2013, 14:27
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Hoch über den Straßen des zweiten Bezirks in einem Dachgeschoß-Atelier sammelt eine Bürgerinitiative Ideen für ein nachhaltigeres Zusammenleben

"Gast auf Erden" steht auf dem T-Shirt von Nikolai Ritter. Als solcher möchte sich der 47-Jährige nicht danebenbenehmen. "Wir müssen in Zukunft ganz anders mit unseren Ressourcen umgehen. Die Zeitspanne, um die ökologische Kurve zu kriegen, reicht aber noch aus", sagt Ritter.

Er sitzt an einem großen Holztisch in einem lichtdurchfluteten Dachgeschoß-Atelier in einem Wiener Gemeindebau im zweiten Bezirk. Hinter ihm sieht man durch die großen Fenster den Verlauf der Donau. In einem Regal gegenüber von Ritter stehen dutzende Einmachgläser mit eingelegtem Gemüse.

Ritter ist Mitgründer der Bürgerinitiative "Grätzllabor", die in den Räumlichkeiten ihr Büro hat. Mit dieser will Ritter seit dem Frühjahr 2012 mit ökologischen und nachhaltigen Projekten die Menschen zum Umdenken bewegen. "Das geht aber nur, wenn wir global denken und regional handeln", ist er überzeugt.

Agieren im juristischen Graubereich

Der Begriff Grätzl beziehe sich darauf, zuerst bei sich selbst und vor der eigenen Haustür anzufangen. "Es ist wichtig, wieder Kontakt mit Nachbarn und jenen Menschen aufzunehmen, die man aus der Anonymität der Stadt heraus meidet", sagt Ritter: "Das bedeutet regional' für uns."

Labor stehe dafür, auch Fehler zu machen und zu experimentieren. "Zum Teil handeln wir in einem juristischen Graubereich", sagt Ritter. Das sei deswegen notwendig, weil der bürokratische Aufwand für Bürgerengagement oft zu groß sei. Allein die Genehmigung für die Begrünung einer Baumscheibe kann Jahre dauern, sagt Ritter. "Wir wollen aber schnell ins Tun kommen und Dinge ausprobieren."

Die Gesellschaft aktiv mitgestalten

Den Veränderungsprozess hat Ritter auch selbst durchlebt. Eine Reise in den Südsudan hat dem Filmarchitekten, der auf der Suche nach Drehorten ist, die Augen geöffnet. "Ich habe damals bemerkt, dass wir in Europa auf einer kleinen, elitären Insel leben und in welchem Ausmaß unser Wohlstand auf Kosten anderer geht", sagt Ritter.

Aufgrund dieser Erkenntnis hat er schließlich sein gesamtes Leben umgekrempelt. Ritter hat sich ein Elektroauto gekauft und eine Solaranlage auf dem Dach montiert. Außerdem bezieht er seine Lebensmittel nicht mehr von Supermärkten, sondern von Foodcoops. "Wir müssen darauf achten, an wen wir unser verdientes Geld weitergeben", sagt Ritter. Er ist überzeugt, dass die Initiativkraft, etwas zu ändern und die Gesellschaft aktiv mitzugestalten, in jedem Menschen steckt.

Öffentlichen Raum mitgestalten

Möglichkeit dazu haben Interessierte beispielsweise auf der Internetplattform des Grätzllabors, wo jeder Ideen einbringen kann. Dort sind rund 200 Personen registriert. Im Moment verwirklichen 14 thematische unterschiedliche Arbeitsgruppen diese Vorschläge, und es werden immer mehr. "Die Menschen sind sehr hellhörig für Alternativen, unsere Gemeinschaft wächst ständig", sagt Ritter.

Das größte Projekt, das dem Grätzllabor entsprungen ist, ist das Gemeinschaftsgartenprojekt "Grünstern LobauerInnen". Etwa 50 Personen bauen auf rund 4000 Quadratmetern in der Wiener Lobau biologisches Gemüse an.

Eine andere Gruppe, die sich "Rex- und Weck-Club" nennt, kocht und legt diese Lebensmittel dann ein. Durch den gegenseitigen Austausch können die verschiedenen Gruppen miteinander kooperieren und Synergien nutzen.

Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit soll eine Alternative  zu unserer kapitalistisch ausgerichteten Gesellschaft sein. "Was wir machen, ist Politik, und es ist mehr, als nur eine Partei anzukreuzen. Wir gestalten gemeinsam aktiv den öffentlichen Raum", sagt Ritter.

Beruflichkeit infrage gestellt

Damit dieses Konzept aufgeht, müsse laut Ritter aber auch unser Verständnis von Beruflichkeit infrage gestellt werden. "Bei den meisten Menschen gibt es eine Ambivalenz zwischen dem, was sie tun möchten, und dem Rad, in dem sie sich befinden", sagt Ritter. Im Moment arbeiten alle Mitglieder des Grätzllabors ehrenamtlich an ihren Projekten.

In Zukunft müssten laut Ritter neue Wege gefunden werden, dieses freie Tun entgeltlich zu entlohnen. Dabei denkt er aber weniger an Geld als an eine Deckung der Lebensnotwendigkeiten durch die Gesellschaft.

"Ein Radwechsel bei voller Fahrt"

Auf diese Weise sollen Menschen einerseits Windräder bauen und Gemüse ansetzen und andererseits ihrem Brotjob nachgehen können. "Wir müssen zeigen, dass es möglich ist, sein ideelles Tun in die Gesellschaft einzubringen, um dafür als Lohn Teile seiner Grundbedürfnisse wie zum Beispiel gesunde Nahrung zu ertauschen", sagt Ritter.

"Wir müssen bei voller Fahrt einen Radwechsel vornehmen." Nur so könne verhindert werden, dass wir ökologisch an die Wand fahren. (Elisabeth Mittendorfer, derStandard.at, 27.11.2013)

  • Nikolai Ritter im Dachgeschoß-Atelier des Grätzllabors.
    foto: derstandard.at/elm

    Nikolai Ritter im Dachgeschoß-Atelier des Grätzllabors.

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