"Tiere viel stärker in den Schulen einbinden"

14. November 2013, 16:30
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Was haben Hunde in Klassenzimmern verloren? Sehr viel, sagt Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal. Denn sie haben "sehr gute Auswirkungen auf das Sozialverhalten der Kinder". Auch das Unterrichtsministerium spricht von einer "motivierenden Bereicherung"

Wien – Der Hund muss wirklich entspannt sein: Kinder, die herumlaufen und hüpfen, schreien und lachen oder etwas unabsichtlich umschmeißen. All das muss ihm egal sein. Dann ist er auch wirklich geeignet: zum Schulhund. In der Fachsprache nennt sich der Einsatz von Hunden im Klassenzimmer "tiergestützte Pädagogik" – kommenden Dienstag findet an der Universität Wien ein Vortragsabend zu diesem Thema statt. Organisiert von Kurt Kotrschal, Professor für Verhaltensbiologie an der Uni Wien. Für ihn steht außer Streit, dass sich die Anwesenheit von Hunden auf den Unterricht und das Klassengefüge positiv auswirkt: "Der Präsenzhund hat sehr gute Auswirkungen auf das Sozialverhalten der Kinder. Sie werden sozial homogener, extremes, aggressives Verhalten verringert sich", erklärt er. Das sei durchgängig so, daher wäre es "eigentlich empfehlenswert, Tiere noch viel stärker in den Schulen einzubinden".

Eigener Leitfaden

Wie viele Hunde zum Einsatz kommen, ist schwer zu eruieren. Im Wiener Stadtschulrat heißt es dazu, dass darüber keine Statistik geführt werde. Die Schulen entscheiden auch autonom über den Einsatz. Kotrschal: "Österreich ist das erste Land der Welt, in dem eine Schulbehörde Empfehlungen erarbeitet hat. Das zeigt die grundsätzlich positive Einstellung." In dem Leitfaden des Unterrichtsministeriums heißt es auch: "Pädagogisch richtig eingesetzt, stellen Hunde eine motivierende Bereicherung für den Unterricht dar, erhöhen die Schulzufriedenheit und verbessern das Klassenklima."

Richtig eingesetzt heißt auch: nicht den ganzen Tag und schon gar nicht die ganze Zeit in der Klasse. "Zweimal die Woche und nur drei Stunden lang. Das ist auch für den Hund genug", erklärt Harald Mandl. Er leitet einen der zwei in Österreich angebotenen Fortbildungskurse in diesem Bereich an der Pädagogischen Hochschule Burgenland (Linz ist der andere Standort). Mandl räumt auch mit einem gängigen Missverständnis auf: "Es geht ums Lernen der Kinder und nicht vorrangig darum, den Umgang mit den Tieren zu zeigen." Das sei eher ein angenehmer Nebeneffekt. 15 Lehrer und Lehrerinnen pro Kurs lernen an Wochenenden Theorie und Praxis der "tiergestützten Pädagogik".

"Große qualitative Unterschiede"

In Deutschland gebe es einen regelrechten Boom in diesem Bereich, sagt die deutsche Tierärztin Hildegard Jung, eine der Vortragenden kommende Woche an der Uni Wien. Genaue Zahlen gibt es auch hier nicht – "es ist ja freiwillig, und viele Tiere sind auch ohne offizielle Funktion in den Schulen". Jung warnt daher auch: "Wie bei allen Dingen, die sehr populär sind, gibt es sehr große qualitative Unterschiede."

Aber welche Hunderassen sind besonders geeignet? Die ganz kleinen Hunde sind es nicht, sagt Fortbildungskurs-Leiter Mandl, genauso wenig wie etwa ein Dobermann, wobei: "Ganz ausschließen kann man kein Tier." Auch Verhaltensbiologe Kotrschal schränkt ein: "Nicht jeder Hund ist geeignet. Stresst ihn die Situation, dann bringt das nichts. Außerdem braucht er eine Art Rückzugsbereich. Der Hund will nicht zu Tode gestreichelt werden."

In Rollenspielen lernen

Neues Einsatzfeld ist seit kurzem der Lesebereich. Der sogenannte Lesehund, der einfach nur dabeisitzt oder -liegt, reicht aus, um die Schülerinnen und Schüler "mehr zu motivieren", sagt Kotrschal. Wichtiges Thema ist natürlich auch die Unfallprävention. Allein in Wien gab es heuer bis jetzt 147 Anzeigen wegen Hundeattacken. Tierärztin Jung ist auch Expertin für Bissprävention. Sie lehrt den richtigen Umgang mit Hunden in Schulen: "Zuerst versuchen wir in Rollenspielen zu zeigen, dass die Perspektive der Tiere eine andere ist", erklärt sie. Eine Woche später wird dann das Verhalten in konkreten Situationen mit den Kindern geübt, etwa für den Schulweg. In einigen Kantonen in der Schweiz sind derartige Trainings für Kinder bereits Pflicht.

Was sind die Kardinalfehler? "Viele Kinder blenden den Hund einfach aus. Sie bemerken gar nicht, dass er da ist", sagt die Expertin. Besonders gefährlich sei vor allem bei kleinen Kindern, wenn "sie von sich aus auf den Hund zugehen". Daher ist hier die ständige Anwesenheit von Erwachsenen wichtig. Jung: "Wenn es an der Tür läutet, nehme ich entweder den Hund oder das Kind mit. Beide alleine lassen, das geht gar nicht." Bei aller Vorsicht meint die Expertin aber auch: "Es gibt mehr Unfälle mit Pferden, mit Autos sowieso." (Peter Mayr, derStandard.at, 14.11.2013)

Vortragsabend "Tiere als Pädagogen": Dienstag, 19. 11. 2013, Kleiner Festsaal der Uni Wien, 18:30 Uhr

Europäischer Dachverband für tiergestützte Therapie

 

  • "Nicht jeder Hund ist geeignet. Stresst ihn die Situation, dann bringt das nichts", sagt Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal.
    foto: dpa/oliver berg

    "Nicht jeder Hund ist geeignet. Stresst ihn die Situation, dann bringt das nichts", sagt Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal.

  • Wie viele Hunde zum Einsatz kommen, ist schwer zu eruieren. Im Wiener Stadtschulrat heißt es dazu, dass darüber keine Statistik geführt werde.
    foto: dpa/frank rumpenhorst

    Wie viele Hunde zum Einsatz kommen, ist schwer zu eruieren. Im Wiener Stadtschulrat heißt es dazu, dass darüber keine Statistik geführt werde.

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