Gebe Kind, nehme Kind

18. November 2013, 15:06
14 Postings

STANDARD-Mitarbeiter berichten aus ihrem Familienleben. Eric Frey über das Leben mit einer Gasttochter - und dem eigenen Sohn auf Austausch

Wenn man ein Gastkind aufnimmt, dann steht man später in einer (fast) leeren Wohnung. Das kam so: Ende vergangenen Jahres erhielten meine Frau Katinka und ich eine E-Mail von der Schüleraustauschorganisation AFS. Sie suchte dringend Gastfamilien für Jugendliche, die für ein Semester nach Österreich kommen würden. Angehängt war eine Broschüre, in der rund ein Dutzend Jugendliche präsentiert wurden - wie entlaufene Hunde im Tierheim.

Bei uns zu Hause war ein Zimmer frei, da unsere Tochter Isabel nach der Matura ins Ausland gegangen war, und Sohn Gideon zeigte erste Einzelkindallüren. Ja, sagten wir beide und waren uns einig, wen wir wollen: Nicola, eine 15-jährige Australierin, die interessant und doch ganz normal wirkte. Gideon war total dagegen, aber wir überstimmten ihn - und versprachen, er müsse weder Babysitter für die neue Schwester spielen noch sein Leben verändern.

Hausregeln

Es gab zwei Vorbereitungsbesuche einer AFS-Betreuerin, dann war Nicola bereits in Wien; von einem Willkommenswochenende mit Gleichaltrigen holten wir sie ab. Wir saßen auf der Couch und gingen den offiziellen Leitfaden durch: Was sind die Hausregeln, wie soll sie uns nennen, worauf sollen wir achten? Nicola war total gefasst, nur beim Gedanken, dass ihre kleine Schwester in wenigen Tagen Geburtstag habe und sie nicht dabei sei, kamen ihr die Tränen. Kasten einräumen, WLAN-Passwort in den Laptop tippen - der Alltag im neuen Zuhause konnte beginnen.

Am nächsten Tag ging Nicola erstmals in ihre neue Schule. Ein paar Tage später fuhren wir gemeinsam auf Skiurlaub in der Semesterwoche. Sie sei eine gute Skifahrerin, hatte Nicola geschrieben, aber die österreichischen Berge waren doch etwas steiler als erwartet. Aber Nicola tat das, was AFS allen Schülern rät: Mach einmal mit bei dem, was die Familie unternimmt.

Nein kann man später immer noch sagen. Der Alltag mit Nicola entwickelte sich danach angenehm und anregend. Sie war gleichzeitig ein Teamspieler und selbstständig, und bald gewöhnten wir uns auch daran, dass das Badezimmer etwas öfter besetzt ist. Die Sprache entwickelte sich langsam, was auch zu Leerläufen in der Schule führte, aber nach Ostern konnten wir am Frühstückstisch auch schon auf Deutsch den Tag besprechen.

Kampieren im Wohnzimmer

Bei AFS bekommen Familien nichts bezahlt. Bei gemeinsamem Kino-, Theater- und Restaurantbesuchen war Nicola eingeladen, für größere Ausgaben hatte sie Taschengeld. Einmal besuchte sie Meg, eine zweite AFS-Australierin, in Salzburg, dann kam Meg zu uns zu Besuch. Eng wurde es erst, als Tochter Isabel einige Tage zu Hause war. Sie kampierte im Wohnzimmer.

Fünf Monate vergehen schnell, und gerade als Nicola begann, sich in Wien heimisch zu fühlen, kam der Sommer und damit der Abschied immer näher. Zu Schulschluss kamen Mum, Dad und Schwester zu Besuch, wir waren als Eltern entlassen. Ein Foto-Tagebuch, das Katinka zusammengestellt hatte, war unser Abschiedsgeschenk.

Inzwischen aber war unser Sohn Gideon auf den Geschmack von Austausch gekommen. Er wollte in die USA, und weil wir Gasteltern waren, wurde er von AFS auch noch recht kurzfristig genommen. Irgendwo in Amerika, Abflug am 9. August - mehr wussten wir nicht. Kurz davor erfuhren wir, dass er zuerst für ein paar Wochen in einer "Welcoming Family" unterkommen würde. Diese hieß Brian und war ein alleinstehender Mann in Seattle, der sich für AFS engagiert. Aber noch vor dem Abflug erhielten wir Nachricht von seiner Familie - ein reizendes Anwaltsehepaar in Seattle mit zwei erwachsenen Töchtern, die neben ihm auch ein Mädchen aus Tunesien aufnehmen.

Es geht ihm gut

Seit drei Monaten ist unser Sohn weg, es geht ihm gut, erzählt er uns bei den seltenen Skype-Gesprächen (Kontakt zu Eltern ist für einen 16-Jährigen nicht wichtig). Die Wohnung ist leer, das Leben plötzlich unbeschwert. Aber wir wissen schon jetzt: Wenn Gideon zurückkehrt, dann nehmen wir wieder ein Gastkind auf. Damit uns keinen Augenblick langweilig wird. (Eric Frey, DER STANDARD, Family, 18.11.2013)

Weitere Informationen

AFS

  • Ein verlassenes, aber gar nicht so unglückliches Elternpaar in seinem Wohnzimmer - mit Fotos der eigenen Kinder und der früheren Gasttochter.

    Ein verlassenes, aber gar nicht so unglückliches Elternpaar in seinem Wohnzimmer - mit Fotos der eigenen Kinder und der früheren Gasttochter.

Share if you care.