Erwachsene Herbergen, junge Konzepte

17. November 2013, 16:57
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Die Klientel von Jugendherbergen ist älter und deren Konzepte sind jünger geworden. RONDO hat sich einige Beispiele in der Schweiz angesehen

In der Straßenbahn Nummer 7 nach Wollishofen sitzen mehrere Rucksacktouristen. Ihre Haltestelle heißt Morgental, den Abend und die Nacht werden sie in einer Zürcher Jugendherberge verbringen. Man erinnert sich an graue Wolldecken, den Hagebuttentee als Standarddrink im Speisesaal und an gemeinsame Waschräume. Noch "300 Meter" steht auf dem Wegweiser neben dem Fahrplan.

Kurz darauf taucht ein festungsähnlicher Betonbau in poppigem Brombeerrosa auf, der zu den modernsten Jugendherbergen der Schweiz gehören soll. Bereits beim Eintreten merkt man, dass das verstaubte Image und die neuen Realitäten auseinanderklaffen. Die Glastüren öffnen sich automatisch, die großzügige Lobby ist barrierefrei, und das Einchecken erledigt man an einer Rezeption in schickem Holzdesign. Daneben ist die Bar, an der man einen Drink nehmen kann, solange das Zimmer noch nicht bezugsfertig ist. Aus Herbergssuchenden sind Kunden geworden.

Vor gut dreißig Jahren war die preisgünstige Übernachtungsmöglichkeit in die Krise geraten. Schulklassen blieben weg, kaum ein Wanderer besaß noch einen Jugendherbergsausweis. Die Ansprüche waren gestiegen. Doch einige Anhänger der Idee, die ein deutscher Lehrer 1909 hatte und die sich unter dem Motto "Gemeinschaft erleben" weltweit verbreitete, besaßen den Willen zur Erneuerung.

In der Eidgenossenschaft, wo sich der Verbund 1924 gründete, reagierte man früh mit einer Sanierungsoffensive. Unrentable Häuser wurden geschlossen, andere gründlich aufgepeppt. In den letzten zehn Jahren investierte der Verein Schweizer Jugendherbergen umgerechnet rund 65 Millionen Euro in Um- und Neubauten. Für die jüngsten Planungen in Saas-Fee und Gstaad Saanenland - beide aufregend gestylt und Saas-Fee erstmals mit einem Spa ausgestattet - gab er 24 Millionen Franken aus.

Ein Hauch von 45 plus

Heute sind 53 Betriebe nach Ausstattung und Lage in Kategorien eingestuft - es gibt Top, Classic und Simple. Ein Hauch von Interior-Design und der höhere Standard bei dennoch gutem Preis-Leistungs-Verhältnis sollen neue Zielgruppen ansprechen - Familien, Paare, Individualreisende und Seminarteilnehmer. Ein Drittel der Gäste gehört mittlerweile der Gruppe "45 plus" an. Die helvetische Organisation muss ohne staatliche Zuschüsse auskommen, sie finanziert sich durch den Betrieb der Herbergen und die Beiträge von rund 100.000 Mitgliedern. Die klassische Mitgliedschaft im Verein ist nicht mehr zwingend, man muss als Gast nur eine Tagesmitgliedschaft von umgerechnet rund fünf Euro berappen.

Tatsächlich ist es im teuren Zürich schwer, ein Bett für 30 Euro inklusive Frühstück zu finden. So viel zahlt man in der Herberge für ein Stockbett im modernen, aber nach wie vor spartanischen Sechserzimmer ohne Bad und WC. Wie früher muss man das Bett selbst beziehen. Jedes hat eine Leselampe und eine Steckdose zum Aufladen von Handy oder Notebook. WLAN funktioniert aber nur im Erdgeschoß. "Die am häufigsten geäußerte Kritik ist heute das fehlende kabellose Internet auf den Zimmern", sagt Oliver Kerstholt von den Schweizer Jugendherbergen. Doch der Verein zögert - nicht wegen der technischen Machbarkeit oder der Kosten. Es könnte das Ende des Herbergsgedankens und der Begegnungsstätte bedeuten, und der Schritt zum Low-Budget-Hotel ist ohnehin nicht weit.

Früher undenkbar: Unter den 290 Schlafplätzen sind sechzehn Doppelzimmer mit Ehebetten. Ein Luxus, für den man freilich marginal tiefer in die Tasche greifen muss; er kostet 56 Euro pro Person. "Bei uns gilt das Ikea-Prinzip", scherzt Kerstholt, also niedrige Preise bei reduziertem Service, der in Zürich immerhin mit einer 24-Stunden-Rezeption, einer Showküche und - auf Wunsch - Vollpension garniert wird. Nach dem mehrgängigen Abendessen stehen in der Teebox zig Sorten zur Auswahl - nur eben kein Hagebuttentee mehr.

In Zermatt liegt die Herberge vis-à-vis vom Matterhorn, eine Traumlage, die nicht viele Hotels im exklusiven Bergdorf an diesem berühmten Alpengipfel bieten. "Mit 174 Betten sind wir für sie Konkurrenz", sagt Ilja Ronsdorf vom Youth Hostel Zermatt. Weil es im Ort generell keine Ausschilderung für Unterkünfte gibt, bekam übrigens auch die Herberge keinen Wegweiser. Und so kann zumindest niemand behaupten, die Hoteliers würden die luxuriöse Jugendherbe als Konkurrenten fürchten.

Als respektable und respektierte Mitbewerber zur klassischen Hotellerie zeigen sich auch die Herbergen in Scuol, Interlaken und Basel. Für die Gestaltung des Basler Standorts verpflichtete man das Architektenduo Buchner und Bründler, das auf der Weltausstellung 2010 in Schanghai den Schweizer Pavillon entwarf. Durch den gesamten Bau zieht sich ein reduzierter Mix aus kühlem Sichtbeton und warmem Holz, der gefallen kann oder halt nicht. In vielen Designhotels würde man für diese Optik jedenfalls richtig gutes Geld von den Gästen verlangen können. (Beate Schümann, DER STANDARD, Rondo, 15.11.2013)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Diese Reise wurde unterstützt von Schweiz Tourismus.

  • Die Innenarchitektur vieler Schweizer Jugendherbergen - oben: Basel, unten: Interlaken, Zermatt und Scuol - unterscheidet sich nur mehr marginal von Boutique-Hotels. Und wenn das WLAN im Zimmer fehlt, dient das wohl dem traditionellen Motto "Gemeinschaft erleben".
    foto: schweizer jugendherbergen

    Die Innenarchitektur vieler Schweizer Jugendherbergen - oben: Basel, unten: Interlaken, Zermatt und Scuol - unterscheidet sich nur mehr marginal von Boutique-Hotels. Und wenn das WLAN im Zimmer fehlt, dient das wohl dem traditionellen Motto "Gemeinschaft erleben".

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  • Schweizer Jugendherbergen: contact@youthhostel.ch; www.youthhostel.ch
Exemplarische Buchungsportale für Jugendherbergen weltweit: www.booking.com, www.hostelworld.com, www.hostelbookers.com, www.hihostel.com
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    Schweizer Jugendherbergen: contact@youthhostel.ch; www.youthhostel.ch

    Exemplarische Buchungsportale für Jugendherbergen weltweit: www.booking.com, www.hostelworld.com, www.hostelbookers.com, www.hihostel.com

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