Fall Gurlitt: Professionelle Handhabung sieht anders aus

Analyse13. November 2013, 21:13
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Trotz der Beschlagnahmung seiner Sammlung bleibt Cornelius Gurlitt rechtmäßiger Eigentümer. Einigungen mit Erbengemeinschaften werden wohl von seinem guten Willen abhängen. Denn Anspruch auf Restitution gibt es bei Privatsammlungen nicht

München/Wien - Das Ganze sei ein Bubenstück, sagte der zurzeit wohl meistgesuchte Mann der internationalen Kunstwelt, Cornelius Gurlitt, der Süddeutschen Zeitung. Er sei auf dem Weg nach Würzburg zum Arzt, man müsse sich aber keine Sorgen machen, fügte er hinzu. Und im Übrigen habe er alle Unterlagen dem Staatsanwalt übergeben.

Kein Tag, an dem nicht irgendwo irgendein Histörchen vermeintliches Licht in das Informationsdunkel der Causa Gurlitt bringen will. Kein Protagonist der Kunstszene, ob Kunsthistoriker oder selbsternannter Experte, der dazu nicht sein verbales Scherflein beitragen will. Die Fantasie scheint diesbezüglich grenzenlos. Ein Sammlermuseum nach dem Vorbild des Leopold-Museums, wie von den Künstlern Nitsch und Wurm gefordert? Herrje.

Cornelius Gurlitt mag vieles sein, ein Sammler ist er nicht. Vielmehr handelt es sich bei dem im Februar 2012 beschlagnahmten Fundus um den Restbestand des Depots eines Kunsthändlers: nämlich seines 1956 verstorbenen Vaters Hildebrandt Gurlitt. Über den Erbweg gelangte der bald 81-Jährige in den Besitz dieser auf etwas mehr als 1400 Kunstwerke geschrumpfte Kollektion.

Seit damals und bis heute ist Gurlitt der legitime Eigentümer. Die Nationalsozialisten rissen den Museen "Entartetes" von den Wänden und schleusten es später gegen Devisen in den internationalen Kunsthandel. Nicht nur kundige Sammler wie Gurlitt griffen zu, sondern viele Museen weltweit begründeten mit diesen Werken den Grundstock ihrer Moderne-Sammlung. Anspruch auf Restitution bei Privatsammlungen gibt es nicht.

Die Erben jüdischer Sammler werden auf Cornelius Gurlitts Kooperation und moralisches Empfinden angewiesen sein. Beides hat er bereits bewiesen: Im Herbst 2011 hatte er dem Kölner Auktionshaus Lempertz eine Gouache von Max Beckmann zur Versteigerung überlassen. Expertenrecherchen (u. a. Artloss und Lostart) verliefen ergebnislos. Nach der Veröffentlichung des Kataloges meldete sich der Rechtsanwalt der Flechtheim-Erben. Gurlitt sei mit allem einverstanden gewesen, schildert Lempertz-Justiziar Karl-Sax Feddersen: Der Löwenbändiger wechselte für 864.000 Euro den Besitzer, der Erlös wurde aufgeteilt. Nach diesem Vorbild könnten auch die nun vermuteten Problemfälle gelöst werden.

Theoretisch. Praktisch hat Gurlitt derzeit keinen Zugriff auf die Bilder. Doch mit der Beschlagnahme und Einbehaltung der Kunstwerke bewegen sich die deutschen Behörden auf sehr, sehr dünnem Eis.

Als "Sicherstellung der Einbringlichkeit einer Steuerschuld", erklärt Rechtsanwalt Alfred Noll, reiche die Pfändung "eines einzelnen Ölgemäldes", die beschlagnahmte "Masse steht in keinerlei Verhältnis zu einer allfälligen Steuerschuld". Er vermutet, dass die Zollfahnder ob der in der Schwabinger Wohnung gelagerten Menge fassungslos gewesen sein und eine strafbare Handlung vermutet haben dürften. Das würde einiges, aber längst nicht alles erklären. Die heillose Überforderung mit der Situation währt ja schon seit 20 Monaten, anders ist der nun publik gewordene Ablauf nicht annähernd zu rechtfertigen. Seit Beginn dieser Woche beschäftigt die Angelegenheit auch die deutsche Bundesregierung, Ex- und Nochpolitiker melden sich zu Wort.

Nun bekommt die wissens- und sensationshungrige Meute endlich "verdächtige" Happen serviert: Über die Lost Art Internet Database veröffentlichte man drei Gemälde und 22 Arbeiten auf Papier (das sind nicht einmal zwei Prozent der beschlagnahmten Kunstwerke), bei denen es sich hinsichtlich ihrer Provenienz um NS-Raubkunst handeln könnte. Dem massenhaften Zugriff waren die Server nicht annähernd gewachsen. Professionelle Handhabung sieht anders aus. Einerlei.

Ansprüche wurden bereits erhoben, unter anderem von Anne Sinclair, der Exfrau von Dominique Strauss-Kahn und Enkelin des Kunsthändlers Paul Rosenberg. Rätselraten herrscht über die 590 noch zu überprüfenden Kunstwerke. Und auch darüber, ob Gurlitt nicht doch noch irgendwo ein Depot mit Kunstschätzen sein Eigen nennt. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD, 14.11.2013)

  • Im Herbst 2011 einigte sich Cornelius Gurlitt mit den Flechtheim-Erben und teilte den Auktionserlös für Max Beckmanns "Löwenbändiger".
    foto: reuters

    Im Herbst 2011 einigte sich Cornelius Gurlitt mit den Flechtheim-Erben und teilte den Auktionserlös für Max Beckmanns "Löwenbändiger".

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