Designerstück auf totem Tier: Die Werbung entdeckt Taxidermie

Ansichtssache14. November 2013, 13:53
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Eine Kunstform, die irritieren kann und hoch im Kurs steht: Taxidermie oder Dermoplastik, also das Präparieren von Tierkadavern. Im Auktionshaus Christie's London werden schon einmal drei ausgestopfte Hunde aus dem 19. Jahrhundert um fast 65.000 Euro versteigert. Doch schon im 18. Jahrhundert wurden in Europa beträchtliche Summen für tote Tiere bezahlt. Die Faszination der lebensechten Konservierung toter Lebewesen war groß.

Dabei gab es geschmacklose Kreationen wie die Verwendung eines Straußenfußes als Sockel einer Öllampe, ganze Schildkröten mit ausgehöhlten Panzern als Aschenbecher und Elefantenfüße als Schirmständer. Letzteres wird übrigens auch heute noch regelmäßig auf Flughäfen konfisziert, wie ein Lokalaugenschein im Tiefenspeicher des Naturhistorischen Museums in Wien zeigte.

Mit dem Ersten Weltkrieg kam ein Einbruch: Die Dermoplastik wurde von der breiten Bevölkerung für Jahrzehnte als altmodisch und geschmacklos abgestempelt und blieb großteils den Jägern und Trophäensammlern vorbehalten. In den USA begann schließlich in den 60er-Jahren wieder langsam das Interesse an dem Thema zu erwachen, es wurde sogar die National Taxidermy Association gegründet.

Teurer Schmuck auf Road Kill

Alexis Turner, Autor des neues Buchs "Ausgestopft! Die Kunst der Taxidermie", schätzt das Volumen des Geschäftsfelds Taxidermie in den USA aktuell auf 600 Millionen Dollar. Seit zwanzig Jahren beschäftigt er sich mit dem Kauf, Verkauf und dem Verleihen präparierter Tiere. Zu seinen Kunden gehören Film- und TV-Studios oder Museen. Doch auch Schmuck- und Modedesigner, Innenarchitekten oder Werbeagenturen versuchen ihre Produkte damit ins rechte Licht zu rücken. Manche Kombinationen, die im Buch abgebildet sind, muten dabei bizarr an: So werden Tauben teure Handtaschen umgebunden, Eichhörnchen Diamantringe aufgesetzt oder am langen Hals des Vogelstraußes Perlenketten drapiert.

Im Buch werden auf hunderten Abbildungen Museen, wie zum Beispiel das Naturhistorische in Wien, ebenso wie schwer zugängliche Privatsammlungen gezeigt. Neben fast lebensechten Exemplaren werden auch Missbildungen, wie etwa eine Mischung aus Pelikan, Känguru und Pferd vorgestellt. Auch zeitgenössischen Künstlern wird breiter Raum gegeben. So werden zum Beispiel die außergewöhnlichen Arbeiten der Irin Claire Morgan vorgestellt. Sie lässt für ihre Installationen etwa präparierte Füchse in einem Meer aus Löwenzahnsamen schweben oder ein Reh in einem Schwarm Bienen liegen.

Neuer Aufschwung für Taxidermie

Besonders seit dem Beginn des neuen Milleniums beobachtet Turner neu erwachtes Interesse an der Taxidermie. Die ethischen Standards und strikten gesetzlichen Regelungen sind dafür zweifellos mitverantwortlich. Denn die moderne Taxidermie verwendet nur Tiere, die eines natürlichen Todes oder bei Unfällen gestorben sind. (jus, derStandard.at, 14.11.2013)

Homepage Claire Morgan

foto: brandstätter verlag/kontrast

Thomas Grünfeld. Misfit (Pelikan/Känguru/Pferd), 2003

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foto: brandstätter verlag/denis finnin/amnh

Revitalisierung eines Dioramas. Stephen C. Quinn, Diorama-Künstler und Chef-Ausstellungsmanager, während der im Jahr 2011 erfolgten Restaurierung des Saals nordamerikanischer Säugetiere im AMNH.

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foto: brandstätter verlag/terence bogue

Julia de Ville, Kitten Drawn Hearse

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foto: brandstätter verlag/courtesy of ted baker

Modeboutique London. In dieser Ted-Baker-Boutique in London zählen weiße Kaninchen in witzigen Posen zum Interieur.

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foto: brandstätter verlag/simon pask

Weiße Katze im Glasbehälter. Um 1890 wurde diese Katze präpariert und in eine Glasbox gefasst. Im aus dem 18. Jh. Stammenden Malplaquet House in Londons East End dient die Box als Nachtkästchen.

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foto: brandstätter verlag/bonhams

Glasglocken mit tropischen Vögeln. Links: Ein Beispiel aus der Werkstätte von James Gardner aus der Oxford Street, London, um 1880. Die in den 1840-er Jahren gegründete Werkstätte war zwar produktiv, doch die Konservierungsmethoden waren weniger gut als jene vieler Zeitgenossen. Rechts: Die dermoplastische Qualität dieser 24 Vögel ist nicht besonders gut, doch sie haben immerhin weitgehend ihre Farbe behalten.

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foto: brandstätter verlag/kelle bryant

Aus dem 19. Jh. stammende Glasbehälter mit Vögeln wurden entlang der Wand im Wohnraum eines Hauses in Dallas, Texas platziert.

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foto: brandstätter verlag/owen smith /london taxidermy

Schlag auf Schlag. In einer Sequenz von vier Behältern werden verschiedene Stadien eines Boxkampfes- vom Händeschütteln bis zum Knockout- dargestellt.

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foto: brandstätter verlag

Alexis Turner: Ausgestopft! Die Kunst der Taxidermie.
Brandstätter Verlag
256 Seiten

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