Wo Kaninchen zu Geparden und Worte zu Gift werden

13. November 2013, 17:39
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Dass Worte tatsächlich Macht haben, zeigt der iranische Autor Nassim Soleimanpour in "Weißes Kaninchen, Rotes Kaninchen". Zur Premiere im Wiener Schauspielhaus war Adele Neuhauser des Autors Sprachrohr

Wien - Das glückliche Kaninchen, das sich die einzige Karotte schnappt, wird von seinen hungernden Mitviechern böse getriezt. So passiert es in dem Experiment des Onkels, von dem Nassim Soleimanpour in Weißes Kaninchen, Rotes Kaninchen erzählt.

Im Wiener Schauspielhaus, wo das Stück österreichische Erstaufführung feierte, ist Soleimanpour selbst der grausame Versuchsleiter. Denn den mit (Kaninchen-) Parabeln und Geschichten aus dem eigenen, naturgemäß nicht ganz unproblematischen Leben im Iran angefüllten Text hat ein einziger Schauspieler vorzutragen - am Premierenabend ist das Adele Neuhauser (es folgen Caroline Peters, Jürgen Maurer und andere). Keine Proben wurden ihr zugestanden, im Gegenteil: Sie sah den Text erst kurz vor der Aufführung. Dann muss sie Zuschauer zum Nachspielen schräger Tierparabeln animieren (ein Kaninchen spielt, um nicht vom Bär gefangen zu werden, einen Geparden, der einen Vogel Strauß spielt) und eine Zuschauerin dazu bringen, weißes Pulver in eines der beiden Wassergläser zu füllen, die auf dem Tisch auf der Bühne stehen. Vielleicht, lässt der Autor wissen, ist es Gift - vielleicht aber auch nicht.

Adele Neuhauser macht ihren Job als Medium gut: souverän und so präsent und konzentriert, dass sie das Publikum auch dort nicht verliert, wo die Sache umständlich und unübersichtlich wird. Was Soleimanpour damit sagen will, erschließt sich auf bisweilen arg didaktische Weise: Seht, wie schnell ihr euch von mir herumkommandieren lasst, wie ihr auf offener Bühne herumhoppelt und anderen vermeintliche Giftcocktails mischt - nur weil es euch ein Text aufträgt.

Tatsächlich funktioniert das aber gerade deshalb nicht schlecht, weil es so durchschaubar ist - und sich umso deutlicher die Frage stellt, ob man vor lauter Saturiertheit und Glaube an das eigene Wissen nicht doch was übersehen hat. Anders gesagt: Wer garantiert, dass in dem Glas wirklich kein Gift ist? Seine wirkliche, größte Stärke hat der Abend sowieso anderswo. Dort nämlich, wo der Autor berichtet, dass er zum Zeitpunkt der Niederschrift den Iran mangels Passes nicht verlassen darf und nur qua Stücktext durch die Welt reisen kann.

Wie er sich vorstellt, wie der Mensch aussieht, der ihn liest, und wie der Ort, an dem es passiert. Dass der Autor mittlerweile reisen darf und in Wien auf die Bühne kommt, nimmt dem Abend leider die Anmutung einer magischen Gedankenreise. Was aber bleibt, ist der Beweis für etwas, das viel zu oft übersehen wird: dass ein geschriebener Text eine Kraft ist, die Dinge verändern und Menschen bewegen kann. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 14.11.2013)

Bis 15. 3.

Adele Neuhauser und Edi Nulz sind am 16. 11. mit "Die Letzten ihrer Art" im Arnulf-Rainer-Museum zu sehen. Infos unter office@arnulf-rainer-museum.at

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www.schauspielhaus.at

  • Adele Neuhauser wird am ersten Abend von "Weißes Kaninchen, Rotes Kaninchen" zum Sprachrohr des Autors.
    foto: standard/corn

    Adele Neuhauser wird am ersten Abend von "Weißes Kaninchen, Rotes Kaninchen" zum Sprachrohr des Autors.

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