Ex Oriente Mix: Das Eurasia-Festival in Jekaterinburg

17. November 2013, 16:46
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Zeitgenössische Musik aus Orient und Okzident wurde in der russischen Metropole präsentiert

Ein Festival für zeitgenössische Musik am Ural? Diese Vorstellung löst selbst bei aufgeschlossenen und vorurteilsfreien Zeitgenossen ungläubiges Staunen aus. Dabei ist Jekaterinburg, der Hauptort der Region, nicht nur die drittgrößte Stadt Russlands, sondern auch Sitz eines der ältesten und angesehensten Orchester der ganzen ehemaligen Sowjetunion.

Das 1936 gegründete Ural Philharmonic Orchestra hat sich außerdem schon immer, selbst als das Gebiet noch militärische Sperrzone war und von Ausländern (bis 1991) nicht betreten werden durfte, für moderne Musik eingesetzt und einigen der bedeutendsten lebenden russischen Komponisten große Personalen gewidmet: Avet Terterian, Giya Kancheli, Sofia Gunsydulina, Valentin Silvestrov etc.

Jetzt ist man noch einen Schritt weiter gegangen und hat das Internationale Eurasia-Festival gegründet, das versucht, zeitgenössische Musik aus Orient und Okzident einander gegenüberzustellen und aufzuzeigen, welche gegenseitige Einflüsse es gegeben hat und gibt. Ein hochinteressanter und hochintelligenter Ansatz, der das Beste aus der geokulturpolitischen Situation der Stadt macht - wo doch jedes Kind weiß, dass die Grenze zwischen Europa und Asien am Ural verläuft.

Mutiges Eröffnungskonzert

Allerdings hätte man nicht vermutet, wie viel aus diesem doch eher banalen Motto "Ex Oriente Lux" letztlich doch herauszuholen ist. Es begann gleich mit mehreren Paukenschlägen. Denn mit dem Mut einer Löwin hatte die künstlerische Leiterin, Gyulara Sadykh-zade für das Eröffnungskonzert nicht weniger als drei Auftragswerke programmiert. Der überwältigende Erfolg des Abends dank der fulminanten Interpretationen von Chefdirigent Dmity Liss gab ihr dabei vollkommen recht.

Am konventionellsten vielleicht noch Leonid Desyatnikovs spätpuccinianischer Liederzyklus "Die Reise des Fuchses in den Nordwesten" nach einer chinesischen Fabel. Aber schon "Back into. Out of. (Nature as it is)" der in Berlin lebenden südkoreanischen Komponistin Eun Hwa Cho ließ aufhorchen. Das erste Solokonzert in der koreanischen Musikgeschichte für das traditionelle Instrument Changgu riss das extrem sachkundige und neugierige Publikum von den Stühlen.

Nicht geringere ohrenreinigende Wirkung hatte "Der blaue Drachen des Ostens" der einheimischen Komponistin Olga Victorova. Unerhörte Klänge, auf der Höhe der Zeit. Hier klingt sie, die neue Avantgarde. Das Angenehmste an dieser Veranstaltung war jedoch die völlige Abwesenheit von der üblichen kitschigen Peace-&-Crossover-Rhetorik.

Gegenseitige Befruchtung

Alle genannten Komponisten betonten unisono, dass es um einen derartigen unterschiedslosen Sirup nicht gehen kann. Vielmehr seien die Wohltemperiertheit bzw. auf der anderen Seite die Pentatonik-Grenzen wie die Chinesische Mauer, die man nicht so ohne weiteres überspringen kann. Was natürlich nicht die gegenseitige Befruchtung in vollem Respekt für das "Fremde" und die "Andersartigkeit" ausschließt, sondern im Gegenteil erst die Voraussetzung für eine geglückte Synthese schafft.

Wie sehr und auf welcher tiefen Ebene diese Einflüsse immer schon wirksam waren, zeigte in schöner Ausführlichkeit der unter dem Motto "Weg des Wassers, Weg des Bambus" stehende John Cage/Morton Feldman-Marathonabend ebenso wie die Aufführung der Violinkonzerte von Philipp Glass (virtuos: Sergej  Krylov) und von John Adams.

Deren Werke allesamt, auch unabhängig von der Verwendung so exotischer Geräte wie der japanischen Mundorgel Sho, ohne die wie immer missverstandene Rezeption asiatischer Kultur und Philosophie (Buddhismus) so nicht möglich gewesen wären.

Naturgemäß ist nicht nur Befruchtung möglich, sondern klarerweise auch Kontamination. Das schien beim Gastspiel des Hong Kong Orchesters der Fall zu sein, das zwar aus äußerst seltsamen und interessanten Instrumenten (zb. Sanxian) zusammengesetzt war, diese aber im Brachialsound eines überbesetzten westlichen Klangkörpers  über die Zuhörer hereinbrechen ließ. Eher ungenießbar.

Ost-West-Beziehungen

Nach Ausflügen in die authentische Ethnomusik unter dem Übertitel "Die Große Seidenstraße" mit dem Mughamist-Ensemble aus Aserbeidschan, einem byzantinischen Chor, einem indischen Sarod-Spieler und einer andalusischen Flamenco-Tänzerin zeigte vor allem der türkische Pianist Fazil Say, wieviel akustisches Potential in den Ost-West-Beziehungen noch verborgen liegt.

Nach selbst den Dirigenten begeisternden freien Kadenzen in Mozarts Klavierkonzert zauberte er in seinen eigenen Balladen und Fantasien sowie in seiner "Silk Road"-Komposition  mit geringfügigsten Mitteln plötzlich osmanische Klangwelten aus ein- und demselben Steinway hervor. Großartigst!

Insgesamt ein faszinierendes Festival mit jeder Menge bereichernder Hörerlebnissen, das, vielleicht verkürzt auf eine Woche und ausschließlich konzentriert auf sein eigentliches Motto, wie toll auch die konventionelleren Konzerte unter Tom Koopmann oder Kristjan Järvi gewesen sein mögen, aufgrund seiner Einzigartigkeit und seines Alleinstellungsmerkmals einen fixen Platz auf der Landkarte zeitgenössischer Musikfestivals finden könnte. (Robert Quitta, derStandard.at, 17.11.2013)

  • Der Changgu-Spieler Woong Sik Kim.
    foto: eurasiafestival.ru

    Der Changgu-Spieler Woong Sik Kim.

  • Zhag Taisheng und sein Sanxian.
    foto: eurasiafestival.ru

    Zhag Taisheng und sein Sanxian.

  • Die Mundorgel Sho.
    foto: eurasiafestival.ru

    Die Mundorgel Sho.

  • Fazil Say spricht mit seinem Klavier.
    foto: eurasiafestival.ru

    Fazil Say spricht mit seinem Klavier.

  • Das Hong Kong Chinese Orchestra.
    foto: eurasiafestival.ru

    Das Hong Kong Chinese Orchestra.

  • Chefdirigent Dmitry Liss.
    foto: eurasiafestival.ru

    Chefdirigent Dmitry Liss.

  • Leonid Desyatnikov und Olga Victorova.
    foto: eurasiafestival.ru

    Leonid Desyatnikov und Olga Victorova.

  • Die Sverdlovsksche Philharmonie, Hauptaustragungsort des Festivals, ein ehemaliger Ballsaal reicher Industriebarone.
    foto: eurasiafestival.ru

    Die Sverdlovsksche Philharmonie, Hauptaustragungsort des Festivals, ein ehemaliger Ballsaal reicher Industriebarone.

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