Cool, am Rande des Abgrunds

17. November 2013, 12:01
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"Eltern" ist ein Film über Alltag in der Familie. Die Unaufgeregtheit der Darsteller unterscheidet ihn wohltuend von anderen Werken dieses Genres

Wenn man so im Kino sitzt und auf eine Filmvorführung für Presseleute wartet, ist ja normalerweise eher nicht damit zu rechnen, in den kommenden 99 Minuten mit Szenen des eigenen Lebens konfrontiert zu werden. Dieser Film aber heißt "Eltern", insofern sind da als Mutter dreier Kinder gewisse Anknüpfungspunkte gegeben. Aber bei oberflächlicher Betrachtung der Inhaltsangabe könnte sich der Film nahtlos in die Gruppe jener Werke einreihen, in denen ein Missgeschick das nächste jagt, wo chaotische Mütter oder Väter vom eigenen Nachwuchs so aus der Bahn geworfen werden, wie es eben nur in Hollywood geschieht.

Dick aufgetragen? Mitnichten.

Der "Eltern"-Plot klingt zunächst auch maßlos überzeichnet: Frau (Christiane Paul), Vollzeit berufstätig als Ärztin. Mann (Charly Hübner), Vollzeit-Familienvater mit der Ambition seinen Beruf als Theaterregisseur wieder aufzugreifen. Zwei Töchter, fünf (Emilia Pieske) und zehn Jahre (Paraschiva Dragus) alt, für die es eine Betreuung zu finden gilt. Und das argentinische Au-Pair (Clara Lago), das kaum angekommen, auch schon schwanger ist. Zu dick aufgetragen? Mitnichten.

Dialoge des Alltags

"Eltern" ist anders. Das liegt einerseits an der Regie von Robert Thalheim. Und andererseits an der unaufgeregten Art, mit der – insbesondere die jungen Darstellerinnen – ihre Rollen ausfüllen. Schon zu Beginn sieht man Szenen, die sich gelegentlich auch im Redakteurshaushalt abspielen. Etwa wenn die kleine Emma beim abendlichen Zubett-Gehen protestiert: "Papa soll mir den Schlafanzug anziehen." Oder wenn sich eine kleine lebensmittelkundliche Debatte zwischen den beiden Ernährern entspinnt: "Hast du Salz gekauft?" "Nein, ich war bei meiner Arbeit!!!".

ELTERN Offizieller Trailer Deutsch German | 2013 Film [HD]entfernen

Man möchte dabei gewesen sein, als Thalheim für sein Skript recherchierte. Man möchte die Familie kennen lernen, die ihm die Geschichte mit der Tupperdose als letzte Rettung lieferte. Die Geschichte geht so: Vater, Kinder und Aupair stecken auf der Stadtautobahn im Stau. Und was passiert, was natürlich immer in solchen Situationen passiert? Richtig, die Kleine muss aufs Klo. Und zwar nicht demnächst, wie sich das im Erwachsenenleben gemeinhin so schön steuern lässt, sondern jetzt, sofort. Also nimmt der Vater die Jausenbox, leert das darin befindliche Obst aus, und reicht es der Tochter als Neuadaption eines Klositzes nach hinten.

Eine Familie, die alle versuchen zu sein

Zu Hause wird die Jausenbox ebenso selbstverständlich in den Geschirrspüler geräumt, wie auch die Szene nur ein unterhaltsames Element am Rande sein soll. Thalheim arbeitet mit Beiläufigkeiten –  Szenen werden nicht unnötig aufgebauscht. Er selbst sagt, er wollte in dem Film "eine Familie darstellen, die alle, die ich kenne, versuchen zu sein". Cool, aber immer am Rande des Abgrunds. In einer aufregenden, gleichberechtigten Beziehung, mit Anspruch auf eine eigene Karriere und gleichzeitig inmitten einer wunderbaren Familie.

Erzählen zwischen alter Wäsche

Dass die Beziehung der Film-"Eltern" bei dieser Balanceübung aus dem Gleichgewicht gerät,  wirkt bei Thalheim so authentisch wie die Stapeln alter Wäsche in der Wohnung. Dass "Eltern" trotzdem nicht in eine Klagsrede über die Mühen des Elternseins abgleitet, ist hohe Erzählkunst.  Insofern ist das Eingangsstatement des Films etwas irreführend. Er lautet: "Die erste Hälfte unseres Lebens wird von den Eltern ruiniert. Die zweite von den Kindern."  Es würde Thalheims Film nicht gerecht, würde man die Hauptaussage auf diese Passage reduzieren. (riss, derStandard.at/familie, 17.11.2013)

Kinostart 22. November 2013

Eltern

  • Das Plakat zum Film: So sieht's aus.
    foto: thimfilm.at

    Das Plakat zum Film: So sieht's aus.

  • Kurz vor Papas beruflichem Wiedereinstieg organisiert er noch die Party der Töchter.
    foto: thimfilm.at

    Kurz vor Papas beruflichem Wiedereinstieg organisiert er noch die Party der Töchter.

  • Ein Streit mit der Tochter kann erschöpfend sein.
 
    foto: thimfilm.at

    Ein Streit mit der Tochter kann erschöpfend sein.

     

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