"Was mich nicht umbringt, macht mich stärker"

13. November 2013, 15:06
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Im Ausspruch von Friedrich Nietzsche steckt ein Funken Wahrheit - Freibrief für ungesunden Lebensstil und fatalistisches Verhalten ist er nicht

Alkohol, Zigaretten, viel Fleisch, wenig Gemüse und eine gehörige Portion Stress. - Mit dieser Melange lässt es sich scheinbar gut leben. Oder auf gut Deutsch: "Was mich nicht umbringt, macht mich stärker", wie es der Philologe und Philosoph Friedrich Nietzsche Ende des 19. Jahrhunderts formuliert hat.

"Besonders Männer beweisen ihre Gesundheit in erster Linie im Belastungstest und wollen damit zeigen wie fit sie sind", ist Romeo Bissuti vom Wiener Männergesundheitszentrum überzeugt. Eine Strategie, die mitunter zwar positive Effekte haben kann, sich aber langfristig gesehen ins Gegenteil verkehrt. "Es ist schon wichtig, dass man sich fordert", meint etwa Erika Jensen-Jarolim, Leiterin "Komparative Medizin" der MedUni und VetmedUni Wien. Schließlich fördert Stress in seiner positiven Ausprägung die Leistungsfähigkeit des Körpers, ohne ihm zu schaden - und schafft so eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Überleben. Denn Stress signalisiert dem Körper eine Alarmsituation, es kommt zur Ausschüttung von Adrenalin und Cortisol und die gespeicherte Energie kann aus den Körperdepots aktiviert werden.

Doch wie so oft gilt: "Dosis facit venenum" (Die Dosis macht das Gift), wie wir seit Paracelsus wissen. "Da Cortisol zu einer Immunsuppression führt, wird bei dauerhaftem Stress auch die Immunantwort unterdrückt und so unmittelbar das Entstehen von Tumoren gefördert", erklärt Jensen-Jarolim. Zudem konnten in medizinischen Studien weitere Zusammenhänge zwischen (langfristig) erhöhten Konzentrationen des Stresshormons und Krankheiten wie Arteriosklerose, Diabetes und Osteoporose nachgewiesen werden.

Endogene statt exogene Lösung

Zu einem weiteren Problemfeld - das nach Ansicht der Immunologin der MedUni Wien ebenfalls mit unserem vom Stress gebeutelten Lebensstil verknüpft ist - zählt auch der sorglose Gebrauch von Nahrungsergänzungsmitteln und Medikamenten. Wenn Nietzsches Ausspruch im medizinischen Kontext überhaupt Sinn macht, dann allenfalls hier, doch "anstatt leichte bakterielle Infekte ausheilen zu lassen, greifen wir lieber zu Antibiotika und machen damit regelmäßig unsere Darmflora kaputt. Denn wir müssen ja alle arbeiten und somit funktionieren. Das äußert sich auch in 'interessanten' Verhaltensweisen, die darauf abzielen das Gegenüber - im Sinne von 'Ich war noch nie im Krankenstand und hab noch Urlaub aus den letzten fünf bis zehn Jahren übrig' - zu beeindrucken", so Jensen-Jarolim.

Ähnlich verhält es sich mit Nahrungsergänzungsmitteln, die mitunter als probates Mittel dienen, um etwaige ernährungsbedingte Mangelerscheinungen zu kompensieren. "Alles Mögliche wird zuhauf verschrieben, besonders Vitamin D - und daran natürlich auch gehörig verdient. Viel sinnvoller wäre es hingegen, wenn wir unser Leben umstellen und somit eine endogene statt eine exogene Lösung wählen würden", resümiert die Expertin.

Negative Erfahrungen fördern Belastbarkeit

Wie zutreffend ist Nietzsches Ausspruch nun im Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit, um die es in den letzten Lebensjahren des Philosophen bekanntermaßen äußerst schlecht bestellt war?

Laut dem Wiener Psychotherapeut Bernd Thell steckt in der Aussage "Was mich nicht umbringt, macht mich härter" zumindest ein kleiner wahrer Kern. "Diese Sichtweise stammt aus dem Lebensbereich der Triebdynamik und bedeutet nichts anderes als dass Dinge, die uns passieren - wenn wir also sprichwörtlich ins kalte Wasser gestoßen werden - mitunter richtig sein können".

Einen ähnlichen Ansatz vertritt auch der US-amerikanische Psycholge Mark Seery von der University at Buffalo in New York, der in einer Studie zeigen konnte, dass negative Erfahrungen die Anpassungsfähigkeit sowie Belastbarkeit eines Menschen fördern und auch die Lebenszufriedenheit beeinflussen. Demnach bedeutet glücklich sein nicht, sich über eine lange Zeit hinweg konstant ausgeglichen und gut zu fühlen, sondern resultiere unter anderem auch aus dem Überwinden von Niederlagen und der erfolgreichen Bewältigung von Konflikten.

Voraussetzung dafür ist Thell zufolge, dass negative Erlebnisse nicht einfach nur hingenommen werden. "Vielmehr geht es um die Motivation eines Menschen, dieses Leben aktiv zu gestalten." So gesehen sollte es besser lauten: "Was mich nicht umbringt, macht mich zumindest reifer" (Günther Brandstetter, derStandard.at, 13.11.2013)

  • "Besonders Männer beweisen ihre Gesundheit in erster Linie im Belastungstest und wollen damit zeigen wie fit sie sind", meint Romeo Bissuti vom Wiener Männergesundheitszentrum.
    foto: epa/anindito-mukherjee

    "Besonders Männer beweisen ihre Gesundheit in erster Linie im Belastungstest und wollen damit zeigen wie fit sie sind", meint Romeo Bissuti vom Wiener Männergesundheitszentrum.

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