Wandel der Erinnerungskultur

12. November 2013, 18:32
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In immer mehr Vorarlberger Gemeinden gedenkt man der NS-Opfer und verändert Kriegerdenkmäler. In Salzburg steht das Bundesheer für die neue Erinnerungskultur. Tirol zögert noch.

Bregenz/Innsbruck/Salzburg - Vor dem Lustenauer Kriegerdenkmal liegt eine zerbrochene Säule. Auf der Säule 28 Namen: Bösch, Hämmerle, wie man halt so heißt in der Gemeinde am Rhein. Lange Zeit wollte man diese Namen nicht kennen. In der bis 2010 über fünf Jahrzehnte von der FP dominierten Kommune gedachte man der Helden, der Krieger. Opfer des NS-Regimes wurden verleugnet.

Auch noch 1985, als aus dem deutschen Konstanz die Nachricht kam, man habe in der Aussegnungshalle 190 Urnen von NS-Opfern aus Tötungsanstalten gefunden. Sechs davon seien Lustenauer. Die Urnen wurden nicht heimgeholt.

Der Enthüllung des Denkmals am 9. November gingen lange Diskussionen voraus. Nicht alle im Rathaus wollten die 28 Opfer namentlich nennen. Gegen die Anonymisierung war Bürgermeister Kurt Fischer (VP). Denn die Opfer beim Namen zu nennen bedeute, sie anzuerkennen. Mit der Hinwendung zu den Opfern habe man einen Grundstein für künftiges Erinnern gelegt, sagt Fischer.

Lustenau ist die erste Vorarlberger Großgemeinde, die ihr Kriegerdenkmal veränderte. Ein Jahr früher wurde in Koblach das Kriegerdenkmal durch eine Tafel für NS-Opfer ergänzt. In Silbertal ersetzte man das Denkmal durch einen Erinnerungsplatz.

4000 tote Sowjetsoldaten

Ein Soldatengedenken jenseits der Kultur der Kriegerdenkmäler plant das Militärkommando Salzburg für den 10. Dezember. Am internationalen Tag der Menschenrechte wird in der Krobatin-Kaserne in St. Johann im Pongau mit der Enthüllung einer Gedenktafel jener rund 4000 kriegsgefangenen Sowjetsoldaten gedacht, die hier von 1941 bis Kriegsende gestorben sind.

Auch in der Türk-Kaserne im Kärntner Spittal an der Drau ist für den 10. Dezember eine Gedenkfeier für Kriegsgefangene der Alliierten geplant. Die Krobatin-Kaserne wurde als "Stammlager" für bis zu 30.000 Kriegsgefangene benutzt. Unweit des Kasernengeländes befindet sich der sogenannte "Russenfriedhof". Jahrzehntelang war man im Pongau bemüht, die Massengräber in Vergessenheit geraten zu lassen. Erst seit 2009 ist die Gedenkstätte zugänglich.

Das Salzburger Militärkommando erinnert seit einigen Jahren an die auf heutigem Bundesheergrund von den Nazis Ermordeten. So findet sich beispielsweise am Schießplatz in Glanegg, nahe der Landeshauptstadt Salzburg, ein Gedenkstein, der an Menschen erinnert, die von der SS ermordet wurden. Die Gedenktafel auf unbehauenem Marmor wurde im September im Zuge einer Angelobung von Rekruten enthüllt. "Um die jungen Leute zu sensibilisieren", sagt ein Sprecher des Militärkommandos.

Anders die Gedenkkultur in Tirol: Am Innsbrucker Westfriedhof erinnert eine Tafel an die Toten der rechtsnationalen Burschenschaft "Suevia". Einer davon ist der SS-Mann Gerhard Lausegger, Mörder von Richard Berger. Der Vorstand der Kultusgemeinde starb in der Pogromnacht 1938. Bis Anfang 2014 soll eine Zusatztafel angebracht werden. "Man muss wissen, was Lausegger getan hat", sagt Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer. (jub, mika, neu, DER STANDARD, 13.11.2013)

  • 28 Namen, 28 Schicksale. Lustenau holt die Opfer des NS-Regimes aus der Vergessenheit. Bildhauer Udo Rabensteiners zerstörte Säule ist Metapher für Gewalt.
    foto: hämmerle

    28 Namen, 28 Schicksale. Lustenau holt die Opfer des NS-Regimes aus der Vergessenheit. Bildhauer Udo Rabensteiners zerstörte Säule ist Metapher für Gewalt.

  • Der Gedenkstein am Schießplatz in Glanegg.
    foto: bundesheer/militärkommando salzburg

    Der Gedenkstein am Schießplatz in Glanegg.

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